Was bedeutet Apostroph?

WWas bedeutet der Begriff Apo­stroph und wie wen­det man ihn als Satz­zei­chen – oder bes­ser: Wort­zei­chen – an? Der Apo­stroph ist wie alle Satz­zei­chen ein Zei­chen, und wie alle Zei­chen zeigt auch dieses auf etwas. Die­ser Ver­weis ist im­mer ein­deu­tig und nie­mals mehr­deu­tig.

Der Apo­stroph hat wie alle Satz­zei­chen eine ein­zige Idee und Auf­gabe: Er zeigt an, daß ein Laut oder Buch­stabe aus­gelas­sen wur­de. Wird kein Buch­stabe aus­gelas­sen, darf kein Apo­stroph stehen.

Was bedeutet der Begriff Apostroph?

DDer Begriff Apostroph stammt aus dem Grie­chi­schen und geht auf drei Voka­beln zurück:

  • Verbum: ἀπο-στρέφω (apo-stréphō) ich wende ab, ich ver­trei­be, ich verdränge
  • Substantiv: ἀπο-στροφή (apo-strophḗ) Abwendung, Ver­trei­bung, Flucht
  • Adjektiv: ἀπό-στροφος (apó-strophos) abgewandt, abge­wen­det, vertrieben, verdrängt

Der Begriff Apostroph sagt also, daß etwas verdrängt wurde. Dies kann ein einziger Laut oder Buchstabe sein, mehrere Laute oder auch eine gan­ze Silbe:

  • dieser heil’ge Eid
  • So ’n Mist!
  • D’dorf und K’Lautern

Anwendung des Apostrophs

AAus der Begriffsbestimmung können wir sofort die Regel ab­lei­ten, die bei allen Zwei­fels­fäl­len aus­reicht, um zur rich­ti­gen Ent­schei­dung zu ge­lan­gen:

Regel

Der Apostroph ist immer und stets als Aus­las­sungs­zei­chen. Die­ses Zei­chen weist darauf hin, daß ein oder mehrere Laute aus­ge­lassen wurden.

Der Apo­stroph ist nie­mals ein Binde-, ein Seg­men­tie­rungs- oder Glie­derungs­zeichen. Die­se Auf­gaben über­nimmt der Binde­strich. Zwi­schen Apo­stroph und Binde­strich gibt es keine Über­schnei­dung.

Der sächsische Genitiv im Englischen

Beginnen wir mit der Mutter aller Apostrophe: dem sächsischen Geni­tiv. Sächsischer Genitiv heißt der Geni­tiv des Eng­lischen deshalb, weil in altenglischer Zeit das Sächsische im Süden Bri­tan­niens der vor­herr­schen­de Dia­lekt gegenüber den anglischen (nicht-deut­schen) Dialekten im Norden ist. Dieses Sächsisch stammt vom nie­der­deut­schen Sächsischen (heutiges Niedersachsen und mehr) und nicht vom Obersächsischen (Bun­des­land Sachsen).
Der Unterschied zwischen Nieder­deutsch und Hoch­deutsch wird im Tutorial zur Wendung aussen vor erklärt.
Warum geht der Genitivendung -s im Englischen immer ein Apostroph voraus? A hard day’s night, St John’s College, Man’s fate.

Auf den ersten Blick könnte man glauben, der Apostroph trennt Wort­stamm und Endung voneinander ab. Warum schreibt man dann aller­dings nicht auch ten day’s in prison oder he want’s to life forever?

Der Apostroph findet sich dafür in anderen Formen wie We’ll see! oder Don’t touch it!. Jeder weiß, daß er in diesen Fällen das Aus­las­sen von Lauten anzeigt: We will see! oder Do not touch it!

Um genau die gleiche Auslassung handelt es sich beim säch­sischen Geni­tiv:

Wie der sächsische Genitiv aus der starken Deklination altenglischer Substantive entstanden ist
  Modernes Englisch Altes Englisch Deutsch
Nominativ day dæg Tag
Akkusativ day dæg Tag
Dativ day dæge Tag(e)
Genetiv day’s dæges Tag(e)s

Der Vergleich zwischen heutigem und altem Englisch zeigt, daß dem -s einst ein e voraus­ging. Wie im Deut­schen. In allen altenglischen Dia­lek­ten findet sich hier ein Vokal (-es/-æs/-as). Der Apo­stroph im sächsi­schen Genitiv zeigt an, daß dieser Vokal eli­diert (heraus­gestri­chen) wurde. Der Begriff Sächsischer Geni­tiv be­zeich­net also den altsächsischen Genitiv mit der Endung -es im Gegen­satz zum ana­lyti­schen Geni­tiv mit der Präposition of.

Auch hier ist der Apostroph also nichts andres als ein Auslas­sungs­zeichen, das sich in der englischen Rechtschreibung hartnäckig hält. Es dient heute dazu, den Genitiv schnell von der Mehrzahl zu unter­schei­den.

Das gilt auch für das französische aujourd’hui heute, das sich aus au jour de hui ent­wickelt hat. Hier zeigt der Apo­stroph also den Aus­fall eines e-s an wie auch in coup d’État oder L’État, c’est moi.

Apostroph im Genitiv von Wörtern auf -s: Marx’ Kapital

Starke männliche und sächliche Substantive bilden den Genitiv im Deut­schen mit der Endung -(e)-s: des Mannes, des Hauses.

Weibliche Substantive haben dagegen nie ein s im Genitiv: der Gabe, der Frau, der Liebe. Nur weibliche Vornamen haben Geni­tive mit s: Li­sas Auto. Das ist noch nicht lange so. Im Mittelalter bildete der Name Krimhilt den starken weiblichen Genitiv Krimhilde.

Endet der Wortstamm mit dem Laut s, geht man bei Substantiven im Genitiv mechanisch vor: des Hauses, des Hasses, des Atlasses. Anders ist es bei Personennamen. Hier steht statt der Endung ein Apostroph:

  • Hans’ Haus
  • Karl Marx’ langer Bart

Das Deutsche möchte bei Namen Formen wie Hanses Haus oder gar Hanss Haus vermeiden. Es elidiert (streicht) daher das s der Geni­tiv­endung und zeigt dies durch einen Apostroph an.

Klausens Haus: Schwache Endung statt Apostroph

Früher umging man Apostrophierungen wie in Hans’ Haus durch die doppelte Genitivendung -en-s: Hansens Haus. Die Endung -en stammt aus der schwachen Sub­stan­tiv­dekli­na­tion, die En­dung -s aus der starken.
Da im Neu­hoch­deut­schen alle Vor­namen stark ge­beugt we­rden, kann die schwa­che Genitiv­endung hier zur Be­sei­ti­gung des Laut­problems hinzugefügt werden.
Umgekehrt ist an das schwache Substantiv Buchstabe im Genitiv die starke Endung an die schwache getreten, um den Genitiv eindeutiger zu machen: Buchstab-en-s.

Wikipedia schreibt hierzu:

Sollen stilistisch unglückliche Genitive auf Eigennamen mit ei­nem ab­schlie­ßenden s-Laut wie „Klaus’ Freund Thomas“ ver­mie­den werden, kann man auf die veraltete Genitivbildung mit -ens zurückgreifen: „Klausens Freund Thomas“. Wiki­pedia

Nein. Erstens bilden Wörter auf -s bilden keine unglücklichen Genitive, zweitens kann man im Gegenwartsdeutschen nicht mehr auf -ens zu­rück­greifen, ohne altertümelnd zu wirken.

Diese ältere Endung -en(s) besteht aus der schwachen Genitivendung -en, der bei männlichen Namen noch die starke Endung angefügt wird. Im Mittelalter konnten Personennamen nicht nur wie heute stark ge­beugt werden, sondern auch schwach: Er liebte Lotten über alles. Weil dies heute nicht mehr möglich ist, muß die Endung -en(s) bei Eigen­namen befremden.

Wikipedia rät:

Ferner ist umgangssprachlich in diesem Fall auch die Um­schrei­bung mit „von“ möglich (analytische Formbildung). Wiki­pedia

Nicht nur in der Umgangssprache! Natürlich auch im Schrift­deut­schen und in der Dichtersprache. Man kann es überall und jederzeit tun.

Apostroph versus Bindestrich

Anscheinend hat Wikipedia nicht verstanden, daß der Apostroph in Hans’ Haus die Elision der Endung des Geni­tivs anzeigt:

Grammatisch korrekt ist die Nutzung des Apostrophs an dieser Stelle aller­dings schon, es han­delt sich hier um den Stamm­form­apo­stroph. Dieser ist ein optionales diakritisches Zeichen. Wiki­pedia

Die Bildung mit apokopierter (abgeschnittener) Genitivendung -s nach einem Stammauslaut auf -s ist nicht nur allerdings schon gram­ma­ti­ka­lisch korrekt, sondern die einzig korrekte Bildung schlecht­hin, wenn man den Genitiv nichts ganz aufgeben will.

Der Begriff Stammformapostroph ist eine Ad-hoc-Theorie und wie alle Ad-hoc-Erklärungen falsch. Hinter ihm steht der Irrtum, der Apo­stroph hätte neben seiner Rolle als Auslassungszeichen noch die eines Stamm­verdeut­lichungs- oder Wort­glie­derungs­zeichens. Sollte es ein solches Zeichen ge­ben, dann kann es nur der Bindestrich sein. Der Stammformapostroph existiert also nur als Irrtum.

Ein Beispiel:

  • Wie viele E’s (oder: e’s) enthält das Wort Eberesche?
  • Wie viele E-s (oder: e-s) enthält das Wort Eberesche?

Die erste Variante ist falsch, die zweite richtig. Will man an E als Namen eines Buchstabens eine Endung anhängen, dann verbindet man E mit der Endung s. Für Verbindungen ist einzig und allein der Bindestrich zu­stän­dig. Man stelle sich vor, Satz- und Wortzeichen oder gar Verkehrs­zeichen hätten mehr als eine Bedeutung: Das Stopzeichen würde einmal Hier anhalten! und ein andermal Weiterfahren! bedeuten.

Da in E’s kein Laut oder Buchstabe ausgelassen (elidiert) wurde, son­dern zwei Dinge miteinander verknüpft werden, hat der Apostroph hier nichts zu suchen. Diese Möglichkeit überhaupt in Betrach zu ziehen, be­ruht auf einer falschen Generalisierung von englisch day’s.

Ein gute Lösung ist übrigens die Siglenschreibung:

  • Wie viele E enthält das Wort Eberesche?

Wir sprechen zwar den Namen des Buchstabens /ees/, denn Wör­ter auf Vokal Autos, Ygis, Gurus haben den Plu­ral auf -s, be­nut­zen E aber als Sigle für den Buch­sta­ben E. Mehr über die Siglenschreibung.

Lkw’s, DVD’s und Susi’s Haarstudio

KKann man den Apostroph bei Akrony­men und Ab­kür­zun­gen ver­wen­den, wenn sie eine En­dung haben, die ge­schrie­ben werden soll?

Wo wenig geschrieben und gelesen wird, findet man den wiki­pedes­ken Stamm­form­apo­stroph: Kaufe Pkw’s und Unfälle! Hier steht nicht das Mißverständnis des Aphostrophs im Vordergrund, sondern ein Miß­ver­ständ­nis der Wortbildung im allgemeinen, wie man an dieser schönen Beispielsammlung sehen kann.

Fälle wie bleib’t, recht’s und Steve Job’s zeigen, daß alles, was nach einer Flexionsendung riecht, als Ausnahmefall betrachtet wird.

Das passiert aber nicht nur Gebrauchtwagenhändlern, sondern auch Literaturkritikern im Hochfeuilleton:

In Zeiten in denen Journalisten Blogger verklagen, die Artikel auch nur auszugsweise auf Ihren Seiten veröffentlichen, kommt eine Autorin daher, strg-c-strg-v’t sich einen Roman zusammen und wird dann auch noch von der Presse dafür gelobt, weil die Presse sich das von ihr ernannte Wunderkind nicht vergraulen will. Das ist doch schon sehr durchsichtig.

Macht man aus einer solch abenteuerlichen Konstruktion ein Verb, was durchaus möglich ist, dann wird die Endung korrekt durch einen Bin­de­strich angefügt: strg-c-strg-v-t.

Auch bei mit Versalien geschriebenen Akronymen wird die Endung unmittelbar angefügt, wenn man phonetisch schreibt: DVDs. Bedenke: Der Apostroph kann niemals etwas trennen oder verbinden.

Für die Schreibung von Akronymen steht ein ausführ­liches Tuto­rial bereit.

Grimm’sche Märchen oder Grimmsche Märchen?

DDas Suffix -sch ist eine Verkürzung von -isch, das im Althochdeutsch noch -esc- lautete. So ist aus mennisco(n) das heutige Mensch ge­wor­den (also wörtlich Männischer oder Menschischer). Später, als man -sc- be­reits als sch aus­sprach und schrieb, gelangte dasselbe Suffix noch einmal aus dem Ro­ma­ni­schen ins Deutsche: kafkaesk, kafkaesque.

Wird das i in einem Adjektiv fallweise synkopiert (gekürzt), wird dies genau wie sonst durch einen Apostroph kenntlich gemacht:

  • O, ird’sche Vergänglichkeit, warum verfolgst du mich?
  • In diesen heil’gen Hallen ist der Boden spiegelglatt!

Hängt man -sch jedoch an einen Eigenannmen, wird nie ein Apostroph gesetzt: die Grimmschen Märchen und die Schröderschen Reformen.

Firmennamen wie Profalla’sche Rachenputzerdestillerie, bei denen ein Apostroph steht, obwohl nichts ausgefallen ist, zeigen, daß der Apo­stroph hier einst gesetzt wurde, um das Morphem vom Eigennamen op­tisch zu trennen. Diese Praxis war im 19. Jahr­hun­dert gang und gäbe, bis ihr vor einem Jahr­hun­dert das Hand­werk gelegt wurde. Es dauerte aber oft noch Jahr­zehnte, bis alle alten Geschäfts­papiere auf­gebraucht waren.

Der Irrtum, der Apostroph könnte ein Wort segmentieren, stammt wohl vom sächischen Genitiv. Obwohl der Apostroph hier eigentlich nur den Ausfall eines e andeutet (dægesday’s), breitete sich das Bild, En­dungen würden durch Apostroph abgesetzt, in den Köpfen aus, in deut­schen Köpfen auch für Mehrzahlformen wie DVD’s (siehe oben).

Ein Grimmsches Märchen oder ein grimmsches Märchen?

Warum schreibt man kafkaesk klein, aber die Grimmschen Märchen groß?

Eins vorweg: Nach Paragraf 62 der amtlichen Recht­schrei­bung schreibt man alle Bil­dun­gen aus Eigen­namen und dem Suffix -sche klein, so wie auch die Bil­dun­gen mit -isch, wie zum Bei­spiel pla­to­nisch. In alter Recht­schrei­bung schreibt man pla­to­nisch, aber Grimmsch, denn es gibt einen Unter­schied zwi­schen bei­den Aus­drücken: Die grimm­schen Mär­chen sind immer nur die Mär­chen, die die Ge­brü­der Grimm sel­ber ver­faßt ha­ben, bei pla­toni­scher Liebe da­gegen ist es nicht Platon, der liebt, sondern jedermann.

Warum aber schreibt man in alter Recht­schrei­bung groß, wo Grimmsch doch auf jeden Fall ein Adjektiv ist?

Aus dem Gebrauch von Majuskeln (Groß­buch­sta­ben) im Satz zur Her­vor­he­bung ent­wickelt sich im 16. und 17. Jahr­hun­dert die kat­ego­ri­sche Groß­schrei­bung von Sub­stan­tiven. Bis da­hin wur­den auch Ad­jek­tive groß­geschrie­ben, nicht immer, aber beson­ders gern im Süden (Ober­deutsch) und fast immer bei Adjek­tiven auf -isch. Mit der kat­egori­schen Groß­schrei­bung der Sub­stan­tive endet die Tradition der Ad­jek­tiv­groß­schrei­bung. Nur Ad­jek­tive auf -isch wurden so noto­risch groß­geschrie­ben, daß man damit nicht auf­hört.

Im 20. Jahrhundert gilt: Frei verwend­bare Ad­jek­tive wie pla­to­nisch en­den auf -isch und wer­den klein­ge­schrie­ben, nicht frei ver­wend­bare in der Rol­le ei­nes Ge­nitiv­attri­buts wer­den groß­geschrie­ben: Grimms Mär­chen und Grimm­sche Mär­chen.

Zur Zeit sind Bil­dun­gen mit -sch be­lieb­te und schlech­te Manier, etwa der Lobo­sche Tweet. Bes­ser ist im­mer das Ge­nitiv­attri­but, weil die Ad­jektiv­ablei­tung das Prinzip von Ad­jektiv­attri­bu­ten auf den Kopf stellt.

Zuletzt sei noch vor einem Fehler in der amt­lichen Recht­schrei­bung gewarnt. Para­graf 62 er­laubt auch die Groß­schrei­bung, wenn ein Apo­stroph ver­wen­det wird: Grimm’sche Märchen. Das ist Un­sinn und germa­nistisch-lin­guisti­sches Di­letan­ten­tum.

Unsere Empfehlung:

Verwenden Sie Ableitungen -sche nur, wo es sich eingebürgert hat, sonst den Genitiv: Wackernagels Gesetz statt das wackernagelsche Gesetz, denn es ist keine Eigen­schaft (Ad­jektiv­attri­but) dieses Gesetzes, wackernagelartig zu sein, es wurde schlicht und einfach von einem Lingu­isten namens Wackernagel entdeckt. Es ist sein Gesetz, das Gesetz ist nicht wie er.

Die Märchen der Gebrüder Grimm sind nicht nur von ihnen auf­geschrie­ben worden, sie tragen ganz bestimmte Züge. Wollen Sie das her­vor­rücken, ist Grimmsche Märchen ein guter Ausdruck. Sie können rigoros kleinschreiben, aber diese Märchen sind eine solche In­stitu­tion der deut­schen Kultur, daß man sie re­spekt­voll groß­schreibt. Aber westerwellsche Wahlkampfreden kann man klein­schrei­ben.

Hat ein anderer ein Märchen geschrieben, das wie die der Gebrüder Grimm klingt, dann ist dieses Märchen grim­mesk, aber nicht grimmsch.

Stilistisch falsche Verwendung von -sche

Eine neue Manier unter Journalisten ist das Bildungs­element -sche mit oder ohne Apo­stroph, wo nichts andres als ein nor­ma­ler Ge­ni­tiv rich­tig sein kann:

Das Logo erinnert durchaus an das Topmodel-Logo von Klums Show. Allein, im Raab’schen Design geht es nicht ganz so ma­ger zu wie bei Model-Mama Heidi. Sueddeutsche.de

Ganz recht, dieses Zitat haben wir tatsächlich auf der Internetseite der Süddeutschen Zeitung gefunden und nicht bei Prosieben, dem Sender, wo Sie, ein ganz normaler Mensch, Die Stars! treffen können.

Zunächst zur Orthografie: Auch wenn -sche auf -ische zurückgeht und vor langer Zeit ein Laut aus­gelas­sen wurde, so kann synchron, also im heutigen Sprachsystem, keine Rede von einer Auslassung sein. Die Schrei­bung mit Apostroph ist also falsch. Deshalb schreiben wir nicht Deut’schland.

Schlimmer ist jedoch, daß -sche überhaupt verwendet wird. Seine Auf­gabe besteht darin, Namen in Adjek­tive um­zuwan­deln, die dann als At­tri­but verwendet werden. Ad­jektiv­ttri­bute schil­dern Ei­gen­schaf­ten, die im Vergleich zur Satz­aus­sage per­manent sind: Sie müssen also be­ste­hen, bevor die Hand­lung der Satz­aus­sage beginnt.

Gerade Ableitungen auf -sche, die formal Adjektive sind, inhaltlich aber Genitiv­attributen Raabs Design gleich­ge­stellt und des­halb groß­geschrie­ben wer­den, stel­len eine beson­dere Be­dingung: Name Raab und Bezugs­wort Design müssen eine Institution sein, um eine Ab­lei­tung mit -sche zu bilden. Das ist bei beim Design von Stefan Raab nicht der Fall: Design und Hand­lung zugehen ent­standen zu­gleich.

Das Problem ist nicht die Zweck­ent­frem­dung an sich. Die kann Be­son­de­res her­vor­brin­gen – vor­aus­gesetzt sie bleibt etwas Be­son­deres. Der Arti­kel, aus dem das Bei­spiel ent­nom­men wurde, zeugt allerdings vom Be­mühen, nichts aus­zulas­sen, um den Text auf­zupep­pen. Das Er­geb­nis sol­cher Ma­nieris­men ist stets unästhe­tisch.

Wie geht es besser? Wort­kom­posi­tion macht alles nur noch schlim­mer: im Raab-Design. Mög­lich sind:

  • Raabs Design
  • das Design von/bei Raab

Wer mit bildungsbürgerlichen Idealen aufgewachsen ist, wird das Ge­ni­tiv­attri­but für besser als die Prä­posi­tion halten. Unsere Stamm­zuschauer wissen längst, daß die Präpo­sition grund­sätz­lich sinn­licher ist. Wofür man sich entscheidet, hängt vom Rest des Textes ab. Da es in zeit­genös­sischen Tex­ten ohne­hin schon so von Geni­tiven wim­melt, raten wir zur Prä­posi­tion.

Apostroph in Dialekt und Umgangssprache

VVorsicht ist geboten, wenn sich Apostrophe in einem Text häufen. Dazu verleiten vor allen Texte in Dialekt oder Umgangssprache.

Falscher Apostroph im Bairischen
Dieser Apostroph (Spiegel Online) ist nicht nur grund­sätz­lich falsch, weil es sich um Dia­lekt (Bai­risch) han­delt, son­dern auch ganz kon­kret. Als Un­bayer weiß der Ver­fas­ser viel­leicht nicht, daß es sich nicht um eine Ver­kür­zung aus schaut es han­delt, des­wegen sollte man Apo­stro­phe hier (und am besten auch an­ders­wo) ganz weg­las­sen. In schauts (ei­gen­tlich schaugds wurde nichts aus­gelas­sen, -ds (-ts) ist im Bai­rischen die re­gu­läre En­dung für die zwei­te Per­son Plu­ral: ia machds, ia lafds, ia gehts ich macht, ihr lauft, ihr geht und Schauds dasts weida­kimmt! Seht zu, daß ihr ab­haut!.

Dialekt ist keine verkümmerte Hochsprache! Wo im Dialekt Laute feh­len, die es in der Hoch­sprache gibt, be­deu­tet das nicht, daß der Laut apo­stro­phiert wurde. Es hat ihn im Dia­lekt nie gegeben.

Ein Bei­spiel: Bai­risch redn ist keine Ver­kür­zung aus stan­dard­deutsch reden. Der Dialekt läßt hier kein e aus, deswegen wäre auch die Schrei­bung red’n falsch. Für Dialekt gibt es keine geregelte Orthografie, aber meist ein oder meh­rere Schreib­systeme. Sie sollen darauf gründen, wie der Dia­lekt wirk­lich klingt und sich nicht an der Ortho­gra­fie des Stan­dard­deutschen orien­tieren. Des­halb gibt es bei guter Nieder­schrift von Dia­lekt eigent­lich keine Apo­strophe.

Dasselbe gilt auch für Figurensprache im Roman, aber eigent­lich nur für Über­setzungen aus dem amerika­nischen Englisch. Ameri­kanische Schrift­steller hegen eine son­der­bare Liebe dafür, ihre Figuren sehr um­gangs­sprachlich spre­chen zu lassen und das auch so nieder­zu­schrei­ben:

“Lookin’ good, Hoyt!” said Vance as he approached the urinals. “Lookin’ good!
[…]
“Hey, Hoyt,” [sic!] said Vance, who now stood before a urinal, “I saw you upstairs there hittin’ on that little tigbiddy! Tell the truth! You really, honestly, think she’s hot?
“Coo Uh gutta bigga boner?” said Hoyt, who was trying to say, “Could I get a bigger boner?” and vaguely realized how far off he was.
Tom Wolfe: I Am Charlotte Simmons

Oder:

Vie count wha’? Oh gimme a break. Tom Wolfe: I Am Charlotte Simmons

In Europa ist es zum Glück unüblich, Leser seitenlang mit banalen Dialogen in pseudo­realisti­scher Umgangs­sprache zu tyran­nisie­ren, und wird als unbeholfenes Mittel angesehen, Authentizität zu schaffen. Die litera­rischen Mittel von Tom Wolfe er­schöp­fen sich also in Apokopen, und Kursi­vierungen, denn für Tom Wolfe ist es ganz wichtig, daß der Leser nicht übersieht, wo die interes­santen Figu­ren ihre wich­tigen Sätze ge­nau betonen. Apokopen sind Verkür­zungen, die durch Apostroph dar­gestellt wer­den.

In Europa dürfen Figuren nicht so (scheinbar) ungefiltert sprechen. Sie sprechen phone­tisch und lexi­kalisch stan­dard­sprachlich, denn zwi­schen Dich­tern und Lesern herrscht Ein­ver­nehmen darüber, daß litera­rische Dialoge zwar erzäh­lerisch für Gespräche in der wirk­lichen Welt stehen, diese aber in Struktur (dramatisch-ver­dich­tet versus banal-re­dun­dant), Sprache (standard­sprachlich versus umgangs­sprach­lich) und Ziel (Konflikt versus Ver­ständi­gung) nicht nachahmen.

Deshalb kommen Apokopierungen und Apostrophie­run­gen ei­gent­lich nur in Über­setzun­gen aus dem ameri­kanischen Eng­lisch vor. Dem Übersetzer bleibt leider nichts anderes übrig, als zu über­setzen, was im Original steht. Nur bei Über­setzungen schwe­discher Krimis wird die anspruchs­lose Alltags­tags­prosa des schwe­dischen Origi­nals nicht sel­ten syste­ma­tisch aber unter­der­hand auf das Niveau gehoben, das deutsch­sprachige Leser bei einem Roman erwarten.

Imperative mit Apostroph

DDer Im­pera­tiv en­det im Deut­schen nie­mals mit einem Apo­stroph.

Einige Imperative haben im Deutschen die Endung -e, an­de­re nicht. Die Re­geln dafür könn­ten heut­zu­tage nicht ein­facher sein: Alle Ver­ben en­den hoch­sprach­lich im Im­pera­tiv der 2. Per­son Sin­gu­lar auf -e. Ob das Verb stark schwim­me, schwamm, ge­schwom­men oder schwach sage, sag­te, ge­sagt ge­beugt wird, ist dabei ohne Be­lang.

  • fahren ⇢ fahre!
  • hören ⇢ höre!
  • trinken ⇢ trinke!

Nur wenn die Wurzel eines starken Verbs im Im­pera­tiv einen an­de­ren Vo­kal hat als der In­fini­tiv, wird kein -e an­ge­hängt:

  • geben ⇢ gib!
  • helfen ⇢ hilf!
  • brechen ⇢ brich!
  • dreschen ⇢ drisch!

Wenn in der Befehls­form aus -e- ein -i- wird, hat der Im­pera­tiv hinten kein -e. So ein­fach ist das.

Das gilt jeden­falls für sehr kor­rek­tes Deutsch. Im All­tag ist es noch ein­facher: Wenn der Vorder­mann an der Ampel bei Grün nicht gleich los­fährt, ruft nie­mand Fahre doch!. Man ruft Fahr doch!.

Das ist bei den Verben kommen, las­sen, se­hen sogar zwin­gend so. Man sagt und schreibt: Komm doch! Laß es bleiben! Sieh dir das an! An festen Wen­dun­gen sieht man, daß auch diese Ver­ben einst eine En­dung -e hat­ten:

  • Lasse ab von der Sünde!
  • Siehe a.a.O., Seite 97.

Im Alltag wird die Endung -e grund­sätz­lich und nicht etwa außer­ge­wöhn­licher­weise weg­ge­las­sen. Deshalb wird nie ein Apostroph gesetzt. Der Apo­stroph ge­hört im Deut­schen dort­hin, wo man den Aus­fall eines Lauts oder eines Zei­chens nicht er­war­tet.

Der endungslose Imperativ ist im Deutschen heute Stan­dard. Man sollte also auf jeden Fall Schrei vor Glück! schrei­ben. Viel­leicht hat sich Za­lan­do dar­um ge­sorgt, daß man schrei ohne Apo­stroph mit dem Sub­stan­tiv der Schrei ver­wech­seln könn­te.

Die­se Sor­ge ist un­be­grün­det — er­stens we­gen dem Aus­rufe­zei­chen und zwei­tens, weil der Claim aus zwei Be­feh­len be­steht, die par­allel ge­bil­det sind. Ein­deu­ti­ger geht’s gar nicht!

Typografie des Apostrophs

WWie wird ein Apostroph typografisch richtig verwendet? Welche Gestalt hat der Apostroph-Zeichen? Orthotypographisch hat der Apostroph im Deutschen die Gestalt einer hochgestellten 9:

Wie wird der Apostroph im Deutschen mit Serifenschriften typografisch korrekt gesetzt?
Typografischer Apostroph in Serifenschriften

In serifenlosen Schriften und Schreib­maschnen­schriften wie der Courier hat der Apostroph meist eine von links nach rechts ansteigende und da­bei dicker werdende Gestalt:

Wie wird der Apostroph im Deutschen mit Sans-Serif-Schriften typografisch korrekt gesetzt?
Typografischer Apostroph in (1 und 2) Groteskschriften (Sans-Serif-Schriften) und (3) Courier.

Im normalen Geschäftsbetrieb kann man durchaus das Zeichen ver­wen­den, das gesetzt wird, wenn man auf der Tasta­tur die Um­schalt­taste und die Taste # drückt. Schließlich wur­de die­ses Minutenzeichen mehr als ein Jahr­hun­dert lang in allen Do­ku­men­ten als Apo­stroph ver­wen­det, die mit der Schreib­ma­schi­ne ge­schrie­ben wur­den (Unicode: ').

In gedruckten Schriftstücken wie Romanen und Zeitungen muß aller­dings das kor­rekte Apo­stroph­zei­chen ver­wen­det werden (Unicode: ’). Ein orthotypographisch falsches Zeichen ist kein Schön­heits­feh­ler, sondern ein ganz normaler Rechtschreibfehler.

Die gilt jedoch auch bei gedruckten Dokumen­ten nicht, wenn eine Schreib­maschinen­schrift wie die Courier ver­wen­det wird. Hier sollte man nur die Zei­chen ver­wen­den, die eine Schreib­­maschine auch besitzt.

Falsch:

  • Nur Pussys verwenden echte Apostrophe und Guillemets auf der Schreib­maschine, sagte Hans’ Bruder Detlef.

Richtig:

  • Ilsa: "And I said that I'd never leave you!"
  • Rick: "And you never will. But I've got a job to do, too. Where I'm going you can't follow - what I've got to do - Ilsa - but it doesn't take too much to see that the problems of three little people don't amount to a hill of beans in this crazy world. Someday you'll understand that. Not now. Here's looking at you, kid."