Geistiger oder geistlicher Führer?
Ist der Dalai Lama der geistige oder der geistliche Führer der Tibeter? Das Wort geistig ist das Adjektiv zum Substantiv Geist
. Ein geistiger Führer
ist also Geist. Ist der der Dalai Lama ein Geist? Nein, er ist ein Mensch mit einem Körper. Seine Führerschaft ist nicht von geistigem Wesen, sondern bezieht sich auf den Geist der Tibeter. Er ist deshalb der geistliche Führer der Tibeter, denn das Adjektiv geistlich bedeutet in Bezug auf den Geist
.
- geistig: vom Wesen her Geist ⇢ Geist
- geistlich: sich auf den Geist beziehend
Geistig kann also nur sein, was keinen Körper besitzt, zum Beispiel der Heilige Geist. Der ist sowohl geistig, weil er keinen Körper besitzt, als auch geistlich, weil er auf den Geist der Menschen einwirkt.
Bildlich sind auch Alkoholika geistig
oder hochgeistig
, weil sie durch Destillation entstehen, einem Vorgang, bei dem die Essenz (der Weingeist und Aromen) von irdischen Trägersubstanzen befreit wird.
Geistig geistlich versus körperlich
Warum ist das Gegenteil von geistig
nicht körperig
, sondern körperlich
?
Körperlich ist die Adjektivableitung vom Substantiv Körper
. Das ist eine Entlehnung von lateinisch corpus
und existiert nur im Deutschen als Begriff für den Körper. Das Englisch spricht vom body
, das Schwedische von kroppen
(nicht etymologisch mit Körper
verwandt) und das Isländische von likami
. Das deutsche Pendant likami
ist der Leichnam
.
Der Leichnam war neben Leib
ursprünglich das gängige Wort für Körper
. Zu jener Zeit bezeichnet man mit dem Substantiv Körper
nur das Corpus Christi
, den Leib Christi. Später wandte man Körper
auf den Körper aller Menschen an. Von da an verengt sich die Bedeutung von Leichnam
auf tote Körper.
Dies erklärt, warum es kein Adjektiv körperig
, sondern nur ein körperlich
gibt: In der Zeit, als man unter Körper
ausschließlich den Leib Christi verstand, gab es zwar vieles, was sich auf den Leib Christi bezog, also körperlich war, aber nichts konnte vom Wesen her der Leib Christi sein, also körperig
, außer der Leib Christi selbst. Eine Ausnahme ist die Transsubstantion in der katholischen Kirche: Die Hostie verwandelte sich bei der Eucharestie tatsächlich in den Leib Christi, wäre damit also körperig, während sie im Protestantismus nur zum Zeichen wird, als wie ein Umleitungsschild aud den Leib Christi zeigt, damit also körperlich ist.
Die primäre Ableitung zu Geist
ist geistig
, die sekundäre geistlich
. Da körperig
keinen Sinn ergeben hätte, lautet die primäre und einzige Ableitung, zu Körper
körperlich
.
Vierzehntägig vierzehntäglich
Etwas ist geistig, wenn es Geist ist, also in seinem Wesen Geist. Etwas ist geistlich, wenn es sich auf den Geist bezieht. Etwas ist vierzehntägig, wenn es vom Wesen her vierzehn Tage ist, also eine Dauer von vierzehn Tagen hat. Vierzehntäglich ist, was in Bezug auf vierzehn Tage ist, also alle vierzehn Tage stattfindet.
Eine vierzehntägliche Vorlesung findet alle vierzehn Tage statt. Ein vierzehntägiger Urlaub dauert vierzehn Tage.
Adjektive auf -ig
und lich
Adjektive auf -ig
sind die primären Ableitungen zu einem Substantiv und und beziehen sich auf das Wesen des Bezugswort. Ein geistiger Führer ist vom Wesen her Geist, also Geist. Ein vierzehntägiger Urlaub hat das Wesen von vierzehn Tagen, also eine Dauer von vierzehn Tagen.
Existiert zudem eine Adjektivableitung auf -lich
, dann bezeichnet sie, worauf sich das Bezugswort bezieht: Ein geistlicher Führer ist nicht selber Geist, das Führen bezieht sich auf den Geist. Ein vierzehntäglicher Urlaub dauert nicht vierzehn Tage, sondern ereignet sich in Bezug auf vierzehn Tage, findet also alle zwei Wochen statt.
Ikonizität
Vergleicht man Form und Inhalt, stellt man fest, daß die kürzere Bedeutung durch die kürzere Form ausgedrückt wird, und die längere Bedeutung durch die längere Form:
| Form | Inhalt |
|---|---|
| geistig | Geist |
| geistlich | in Bezug auf den Geist |
| vierzehntägig | vierzehn Tage |
| vierzehntäglich | in Bezug auf vierzehn Tage |
Unter Ikonizität versteht man, daß dem kürzeren Inhalt die kürzere Form entspricht, und dem längerem Inhalt die längere Form. Dieses Prinzip durchdringt die gesamte Sprache, und es ist auch der Grund, warum das Maskulinum das Standardgeschlecht in vielen Sprachen ist.
Generisches Maskulinum
Im Deutschen wird das Pronomen alle
in allen drei Geschlechtern gleich gebeugt:
| männlich | weiblich | sächlich |
|---|---|---|
| alle Männer | alle Frauen | alle Häuser |
Im Isländischen jedoch gibt es für jedes Genus eine andere Form:
| männlich | weiblich | sächlich |
|---|---|---|
| allir menn | allar konur | öll hús |
Spricht man von einer Gruppe, der Männer und Frauen angehören, verwenden man die männliche Form des Adjektivs oder Pronomens:
- Hvar eru allir? (Wo sind denn alle?)
Im Deutschen sagt man:
- Nicht alle Bundeskanzler waren Männer.
Das Maskulinum ist also das Standardgenus. Es wird immer dann verwendet, wenn Männliches und Weibliches zusammengefaßt wird oder geschlechtsunbestimmt gesprochen wird. Die moderne Linguistik hat dies leichtsinnigerweise Generisches Maskulinum genannt. Leichtsinnig deshalb, weil der Name impliziert, der Grund dafür, daß man das Maskulinum verwendet, läge im Männlichen. So führt Wikipedia eine Unzahl an unterhaltsamen Gründen auf, warum das Maskulinum das generelle Genus ist und nicht das Femininum. Vom ersten bis zum letzten Grund handelt es sich um Ad-hoc-Behauptungen ohne jede Hoffnung auf Falsifizierbarkeit. Schon aus methodischen Gründen weisen wir sie komplett zurück.
In den indogermanischen Sprachen ist das Maskulinum deshalb das generelle Genus, weil es weniger spezifisch ist als das Femininum. Der Grund ist also Ikonizität. Ursprünglich trennte das Indogermanische nur zwischen Lebewesen und Dingen, nicht aber zwischen männlich und weiblich. Dinge erhielten die Endung -m
: lateinisch don-u-m
, griechisch m > n
dor-o-n
(beides bedeutet Gabe, Geschenkt
).
Lebendiges erhielt dagegen die Endung -s
. Diese Endung beinhaltet also nur die Information lebendig
. Über das Geschlecht gibt sie keine Auskunft. Diesen Zustand findet man in Substantiven mit genus commune, zum Beispiel in lateinisch cani-s
:
cani-s bonus
der gute Hund
cani-s bona
die gute Hündin
Sowie:
dux (=duc-s) bonus
der gute Führer
dux (=duc-s) bona
die gute Führerin
Und außerdem in den zweiendigen Adjektiven:
cani-s bonus
der gute Hund
cani-s bona
die gute Hündin
Erst im Späturindogermanischen entsteht die weibliche Endung -a
, wie man sie in lateinisch amic-a
findet. Diese Endung enthält gegenüber -s
zwei Informationen: lebendig plus weiblich. Diese Endung ist also spezifischer als die andere. Erst nachdem sich die Endung -a
für Weibliches ausbreitet, werden die alten Wörter auf -s
in Relation dazu als Männlich interpretiert.
Doch bevor das alte Gemeingenus zum Maskulinum wurde, hat es sich als Generalgenus etabliert. Dies ist bis heute erhalten.