Ver­ben mit Genitiv

DDie Zahl der Ver­ben mit einer Umstands­bestim­mung im Geni­tiv ist heut­zu­tage be­grenzt: eines Jubiläums gedenken, den Ehe­mann des Mordes be­zich­tigen, eines guten Endes harren.

Die­ses syntak­tische Schema war jedoch in der zweiten Hälf­te des Mittel­hoch­deut­schen und im Früh­neu­hoch­deut­schen un­gemein pro­duk­tiv. Man konnte da­mals also den Geni­tiv frei ver­wen­den, wenn man ein Verb um die In­for­ma­tion ergän­zen wollte, in Bezug worauf die Hand­lung statt­findet. Heute kann man nicht mehr sagen: Ich unter­richte meinen Freund der Er­eig­nisse. Das Schema ist heute nicht mehr pro­duk­tiv und exi­stiert nur noch lexi­ka­lisch bei einigen Ver­ben.

Entwicklung des Genitivs in der deutschen Sprache: Der Genitiv nach Ver­ben nimmt nach dem Frühneuhochdeutschen ab, der adnominale Genitiv zu.
Entwicklung des Genitivs in der deutschen Sprache: Der Genitiv nach Ver­ben (lila) nimmt in der zwei­ten Hälf­te des Mittel­hoch­deutschen epi­demisch zu und nach dem Früh­neu­hoch­deut­schen wieder ab. Der von Prä­posi­tio­nen und be­son­ders von Sub­stan­tiven ab­hängige Geni­tiv (ad­nomi­na­ler Ge­ni­tiv) nimmt stark zu. ⇢ Mehr zur Entwicklung des Genitivs in der Ein­führungs­folge der Ge­nitiv­woche.

Daneben gab es zu allen Zeiten die Möglichkeit, alternativ eine Prä­posi­tio­nal­phrase zu verwenden. Weil es so viele ahnungs­lose Sprach­rat­geber zu kaufen gibt, sei darauf hin­gewie­sen, daß Prä­posi­tio­nal­phrasen selbst auf dem Höhe­punkt der Ge­nitiv­epidemie vor fünf­hun­dert Jahren weder falscher noch sti­li­stisch schlech­ter waren als der Geni­tiv. Dieser Irr­tum entstand erst im 19. Jahr­hun­dert im Bil­dungs­bürger­tum.

Im Gegenteil: Der Genitiv ist der Kasus des un­bestimm­ten gram­ma­tika­li­schen Bezugs. Er verletzt die drei wichtigen Prin­zipi­en gu­ten Stils: Räum­lich­keit, Sinn­lich­keit, As­sozia­tivi­tät. Unser Rat lau­tet daher: Grei­fen Sie zur Prä­po­si­tion, wo Sie kön­nen. Und Sie kön­nen fast über­all.

Syntax von Ver­ben mit Ge­ni­tiv

DDie Ver­ben mit Ge­ni­tiv beruhen auf einem ein­fachen syn­tak­ti­schen Sche­ma. Einige Ver­ben sind tran­sitiv, haben also ein Ob­jekt. Ob­jekte stehen immer im Akku­sa­tiv. So gut wie alle dieser transitiven Ver­ben gehören der Gerichts­sprache an: einen des Mor­des an­kla­gen. Der Ange­klag­te steht als Objekt dieser Ver­ben im Akku­sa­tiv, das Verbrechen, also die Information in Bezug worauf?, im Ge­ni­tiv.

Die Mehrzahl der Ge­ni­tiv-Ver­ben ist allerdings re­fle­xiv, das heißt an der Objekt­stelle steht das Refle­xiv­prono­men mich, dich, sich, uns, euch, sich: sich einer Sache er­in­nern. Diese Ver­ben sind also ein Spe­zial­fall unter den tran­siti­ven Ver­ben: Das Objekt ist mit dem Sub­jekt iden­tisch.

Zudem gibt es noch intran­sitive Ver­ben, also Ver­ben, die kein Objekt brau­chen leben, atmen, schnar­chen, glü­hen: einer Sache ge­den­ken Auch hier ant­wor­tet der Ge­ni­tiv auf die Frage: In Be­zug wo­rauf (wird ge­dacht)?

Im Mittelalter konnten bei all diesen Ver­ben statt eines Geni­tivs zahl­rei­che Prä­po­si­tionen stehen. Heute sind meist nur noch ein, zwei aus die­ser gro­ßen Aus­wahl pro­duk­tiv, also frei ver­wend­bar. Man kann frei nach Pros­odie oder Räum­lich­keit entscheiden, ob man einen Ge­ni­tiv oder eine Prä­po­si­tion wählt. Keine der beiden Mög­lich­keiten ist hoch­sprach­licher als die andere. Mit dem Geni­tiv wählen Sie aller­dings einen gram­ma­tika­lisch-ab­strak­ten Bezug zum Verb, mit der Prä­posi­tion einen räum­lich-sinn­lichen:

  • Ich erinnere mich seiner.
  • Ich erinnere mich an ihn.

Beim Ge­ni­tiv gibt es jedoch eine Einschrän­kung: Er kann nur als Ad­ver­bi­a­le stehen, wenn kein ande­rer adver­bialer Kasus mehr vom Verb ab­hängt. Denn nur so ist sicher­gestellt, daß der Ge­ni­tiv, der ja ei­nen ab­strak­ten, gram­ma­ti­ka­li­schen und noch zu er­ken­nen­der Bezug erzeugt, rich­tig er­kannt und ge­deu­tet wer­den kann. Wenn Ver­ben einen dati­vus commodi als Ad­ver­bi­a­le bei sich füh­ren wem?, ist ein Ge­ni­tiv­anschluß un­mög­lich:

  • Wir ge­den­ken dir dei­ner Taten.
  • Wir ge­den­ken dir für deine Taten.

Transitive Ver­ben mit Ge­ni­tiv

DDer Ge­ni­tiv kann als Ad­ver­bia­le an tran­siti­ve Ver­ben treten, wenn neben dem Objekt noch eine Umstands­angabe (Ad­ver­bi­a­le) mit­gelie­fert wer­den soll. Er ant­wor­tet auf die Frage: In Bezug wor­auf wird etwas getan?

Syntaktisches Schema transitiver Ver­ben mit Ge­ni­tiv
Hierfür gibt es nur sehr wenige Beispiele:

  • jemand einer Sache rühmen: Ich rühme ihn seiner Taten.
  • jemand einer Sache belehren: Er be­lehr­te ihn ei­nes Bes­se­ren. (nur noch in fe­sten Wen­dun­gen)
  • jemand einer Sache berauben: Sie beraubte ihn seines Geldes.
  • jemand seines Amtes entheben: Der Kas­sen­wart wurde we­gen Un­treue sei­nes Am­tes ent­ho­ben.

Bei diesem Verb ist der Ge­ni­tiv wohl nur des­halb noch er­hal­ten, weil es auch als re­flexi­ves Verb sich seiner Taten rühmen auf­tritt.

Verba iudicalia

Verba iudicalia oder verba forensia sind Ver­ben der Gerichtssprache. Hier erscheint der Angeklagte oder der Verdächtige als Objekt im Akku­sa­tiv. Zudem wird eine Umstandsangabe (Ad­ver­bi­a­le) im Ge­ni­tiv bei­ge­fügt, die die Tat beschreibt. Dieser Ge­ni­tiv heißt genitivus criminis. Diese seman­tischen Bezeich­nungen sind aber sekun­däre Inter­preta­tionen und dürfen nicht als Begrün­dung verwendet wer­den.

Weil die Ver­ben dieser Gruppe zere­moniel­len Cha­rak­ter haben, hat sich der Ge­ni­tiv hier sehr gut erhal­ten und sollte grund­sätzlich auch ver­wen­det wer­den.

  • jemand eines Verbrechens anklagen: Ich klage dich der Ver­schwö­rung an! (lateinisch: accusare aliquem sceleris); ebenso: jemand für ein Ver­brechen anklagen.
  • jemand einer Übeltat beschuldigen: Ich beschuldige dich des Ehe­bruchs! (lateinisch: arguere …); die früher gebräuchliche Prä­po­si­tion in ist heute verloren.
  • jemand einer Sache bezichtigen: Ich bezichtige dich des Be­trugs! (lateinisch: insimulare …)
  • jemand einer Sache verdächtigen: Der Inspektor verdächtigte ihn des Ein­bruchs. (im Latei­nischen kein ver­bum iu­di­ca­li­um)
  • jemand einer Sache verurteilen: Das Gericht verurteilte ihn des Hoch­ver­rats. (lateinisch: insimulare …); hier überwiegen heute Prä­po­si­tionen für, wegen, in.
  • jemand einer Sache überführen: Der Kommissar überführte ihn der Bi­ga­mie. (lateinisch: condemnare …); wegen der häufigen Wendung einen der Tat überführen, ist der Ge­ni­tiv hier noch sehr beliebt.
  • veraltet: jemand einer Sache zeihen†: warum zei­che­stu mich so ei­ner fal­schen in­zicht? (Luther); dieses Verbum sollte nicht mehr verwendet wer­den.

Im Gegensatz zum Lateinischen steht freisprechen nicht mit dem Ge­ni­tiv: absolvere aliquem caedis jemand von der Anklage des Mordes freisprechen. Das Latei­nische sollte auch nicht nachgeahmt wer­den, weil freisprechen nicht dem obigen Schema ent­sprich. Der Ge­ni­tiv würde nicht áuf die Frage ant­wor­ten, in Bezug worauf freigesprochen wird.

Bei verurteilen kann im Deutschen nur die Tat im Ge­ni­tiv er­schei­nen, nicht jedoch das Urteil und seine Folgen: capi­tis condem­nare/dam­nare einen zum Tode ver­urtei­len. Wird das Urteil bei­ge­fügt, kann die Tat jedoch nicht mehr im Ge­ni­tiv dabeistehen: jemand des Mordes zum Tode ver­ur­tei­len. Hier muß die Prä­po­si­tion gewählt wer­den: jemand für einen Mord zum Tode ver­ur­tei­len.

Sub­stan­ti­va iudicalia

DDie Sub­stan­ti­ve zu diesen Ver­ben haben alle eine Prä­po­si­tion. Ein ad­nomi­naler Ge­ni­tiv ist bei diesen Sub­stan­ti­ven falsch: Der Ver­dacht auf Hoch­ver­rat lastet auf ihm, muß es lauten, und nicht: Der Ver­dacht des Hochverrats lastet auf ihm.

Denn der ad­nomi­nale geni­ti­vus ob­iec­ti­vus kann nur den Akku­sa­tiv eines Verbs (adver­bialer Akku­sa­tiv) vertreten, aber nicht einen adver­bia­len Ge­ni­tiv. Steht das Verb nicht mit einem Akku­sa­tivobjekt, kann das Sub­stan­ti­v keinen Ge­ni­tiv haben.

Der Verdacht des Hochverrats ist also auf die­selbe Art und Weise falsch wie das Hinab­stei­gen einer Treppe. Man steigt auf einer Treppe hinab. Ver­ben der Fort­bewe­gung haben kein Ob­jekt, des­wegen kön­nen deren Sub­stan­ti­ve keinen geni­ti­vus ob­iec­ti­vus haben.

Reflexive Ver­ben mit Ge­ni­tiv

DDie reflexiven Ver­ben sind eine Sonderform der transitiven. Das Objekt ist mit dem Sub­jekt identisch, weist also dorthin zurück.

Syntaktisches Schema reflexiver Ver­ben mit Ge­ni­tiv: Das Reflexivpronomen nimmt die Stelle des Akku­sa­tivobjekts ein.
  • sich einer Sache annehmen: Er nahm sich dieser Aufgabe an.
  • sich einer Sache bedienen: Er be­dien­te sich al­ler Mög­lich­kei­ten. Heute wird statt­dessen etwas benutzen oder sich an/von et­was be­die­nen ver­wen­det.
  • sich einer Sache befleißigen: Bitte befleißigen Sie sich eines an­ge­mes­se­nen To­nes!
  • sich einer Sache befreien: Sie be­frei­te sich ih­rer Fes­seln Heute wird die sinn­liche­re Prä­posi­tion von vor­ge­zo­gen: Sie be­frei­te sich von ih­ren Fes­seln.
  • sich einer Sache bemächtigen: Er bemächtigte sich ihres Hab und Guts.
  • sich einer Sache besinnen: Er besann sich seiner Stärken. Heute mit Prä­posi­tio­nal­phrase: sich auf etwas besinnen. Die Prä­po­si­tion ist im Angesicht der Bedeutung und Etymologie von besinnen viel treffender.
  • sich einer Sache brüsten: Ich brüste mich meiner Taten.
  • sich einer Sache enthalten: Ich enthalte mich lieber eines Kom­men­tars.
  • sich einer Sache entledigen: Der Räuber entledigte sich der Tat­waf­fe.
  • sich einer Sache entziehen: Der Ver­ur­teil­te ent­zog sich sei­ner Stra­fe.
  • sich jemandes erbarmen: Herr, erbarme dich unser!
  • sich einer Sache erfreuen: Peter erfreut sich be­ster Ge­sund­heit.
  • sich einer Sache erinnern: Sie erinnerte sich des­sen nicht. Sti­listisch gleich­wer­tig ist die Prä­posi­tional­phra­se: sich an etwas er­in­nern.
  • sich einer Sache schämen: Ich schäme mich meiner. Eben­so­gut ist: sich für etwas schämen.
  • sich einer Sache vergewissern: Er vergewisserte sich ihrer Auf­merk­sam­keit. Man kann sich auch über etwas ver­ge­wis­sern, so wie man Gewiß­heit über etwas hat.
  • sich einer Sache versichern: Sie versicherte sich sei­ner Lie­be. Son­der­bar wirkt Bastian Sicks Beispiel: Sie ver­sicher­ten sich ihrer gegen­sei­tigen Zu­nei­gung.

Kein Ge­ni­tivverb ist: sich einer Sache sicher sein. Hier hängt der Ge­ni­tiv vom Adjektiv ab. Dies ist ein Relikt aus dem Mit­tel­hoch­deut­schen, wo man nach sicher noch häu­fi­ger angab, in Bezug wo­rauf etwas sicher war: der markīs was des sicher gar. Da­neben konn­te man wie bei al­len Ver­ben und Ad­jek­ti­ven mit Geni­tiv ebenso eine Prä­posi­tional­phrase ge­brau­chen. Im Mit­tel­hoch­deut­schen war dies an, heute in: Ich bin mir darin ganz sicher.

Intransitive Ver­ben mit Ge­ni­tiv

VViele Ver­ben der Sinneswahrnehmung und des Den­kens ste­hen mit dem Ge­ni­tiv, aber ohne Akku­sa­tiv. Sie wur­den früher, aber ei­gent­lich auch noch heu­te, als in­tran­si­tive Hand­lungen auf­ge­faßt. Man sah oder dachte als solches. Man sah nicht einen oder dachte etwas, son­dern man sah oder dachte nur. Es gab also kein Ziel oder Opfer der Hand­lung, sondern nur einen Be­zug. Der wurde durch eine Prä­posi­tion oder – vor allem im spä­ten Mit­tel­alter – durch den Geni­tiv (beides Ad­verbia­lia) aus­ge­drückt.

Syntaktisches Schema intransitiver Ver­ben mit Ge­ni­tiv: Die Stelle des Akku­sa­tivobjekts bleibt leer.
  • einer Sache bedürfen: Die Witwe bedurfte des Trostes.
  • einer Sache gedenken: Sie gedachten seiner Erfolge.
  • einer Sache entbehren: Das entbehrt jeder Logik.
  • einer Sache harren: Sie harr­ten des En­des.
  • des Weges kommen oder ge­hen: Er kam sei­nes We­ges. Er ging sei­ner We­ge.
  • eines Todes sterben: eines natürlichen, tragischen oder plötz­lichen To­des sterben.
  • einer Sache spotten: nur noch in je­der Be­schrei­bung spot­ten.

einer Sache gedenken

Die Vorsilbe ge- drückt die Vollendung einer Handlung aus. Deshalb ist es auch an die Par­tizi­pien der Ver­gan­gen­heit geraten: geschwom­men, ge­kauft, ge­schrie­ben. Par­tizipi­en von Ver­ben, die ohne­hin eine per­fek­tive Hand­lung aus­drücken, blieben lange ohne ge- und haben es erst später aus System­zwang an­genom­men. Man sagte also lange kommen statt gekom­men.

Die beiden Ver­ben denken und geden­ken unter­schei­den sich darin, daß jenes im­perfek­tiv und die­ses per­fek­tiv ist, be­zeich­net also, daß die Hand­lung erst ein­tritt: am Anfang den man nicht an etwas, dann fällt es einem ein.

ich gedāhte eines ūf dem wege, daz der men­sche sō gar abe geschei­den solte sīn in sīner mei­nunge. Unterwegs fiel mir ein/kam mir der Gedanke, daß der Mensch … Meister Eckhart (Mittel­hoch­deutsch)
  • Ich gedenke zu kommen. = Ich den­ke, daß ich kom­men wer­de.

Denken und gedenken sind im Sprachempfinden des Mittelalters zwei ganz und gar in­tran­si­ti­ve Handlungen. Sie haben deshalb bis heute nur selten ein Objekt (Akku­sa­tiv). Im Mit­tel­alter be­deu­tet das Ob­jekt, daß man einen Ge­dan­ken faßt, also in seiner Gesamt­heit be­trach­tet:

sunta thia uuir thenken Otfried (frühes Althochdeutsch)

Die Übersetzung lautet: Sünde, die wir denken. Im Früh­neu­hoch­deut­schen (vor allem bei Mar­tin Luther) kann das Ob­jekt nur ein Ad­jek­tiv sein: Böses denken. Das ist eigent­lich auch heute noch so: Man kann Böses den­ken, aber nicht Bos­heit.

Seit ältester Zeit wird denken mit der Prä­po­si­tion an kon­stru­iert:

dāhta ih an die alten taga Notker (spätes Althoch­deutsch)

Gedenken wandelt sich im Neuhochdeutschen zu einem feier­lichen Den­ken: Sie gedachten der Toten des Kriegs. Erst nach diesem Be­deu­tungs­wan­del beginnt sich der Dativ als An­schluß auszu­brei­ten. Der ei­gent­liche Dativ, also nicht der lokative Dativ nach Prä­posi­tio­nen, ant­wor­ten auf die Frage Wem? Zu wessen Gunsten? (so­ge­nann­ter dati­vus com­modi).

Weil jedes Gedenken heutzutage ein Denken zugunsten der Erinne­rung an je­mand oder etwas ist, zeugt der Dativ hier von gutem Sprach­gefühl. Da es sich um ein freies Ad­ver­bia­le handelt, ist er gram­mati­ka­lisch korrekt und zudem viel seman­ti­scher.

Empfehlung

Gedenkt man einer Sache, zum Beispiel eines Jubiläums, sollte man den Geni­tiv der Sache verwenden.

Gilt das Gedenken einer Person, sollte man den Dativ ge­brau­chen. Es ist die allerursprünglichste Funktion des Dativs aus­zu­drücken, zu wes­sen Gun­sten etwas geschieht (so­genann­ter dati­vus com­modi). So auch in Ich gebe ihm das Buch.

harren und warten

Die Ursprünge des Verbums harren liegen im Dunkeln. Es tritt erst mit Luther in die Stan­dard­sprache ein und wird daher als hoch­sprach­lich auf­ge­faßt. Tat­säch­lich gibt es nach Angaben des DTV-Atlas’ deut­sche Sprache (S. 178) eine Op­po­si­tion zu war­ten auf der Ebene der Mund­art. War­ten ist über­all ver­brei­tet außer im öst­lichen Mit­tel­deutsch, das heißt im Thü­rin­gi­schen, Ober­säch­si­schen und Böhm­ischen, wo man es viel später noch als allgemeines Wort für warten in En­kla­ven in der Mund­art findet. Da Luthers Schrift­deutsch aus dieser Ge­gend stammt, liegt es nahe anzu­nehmen, daß er einen ost­mittel­deut­schen Aus­druck aus der Mund­art ins Schrift­deutsche er­hoben hat. Er ver­wen­det es so­wohl mit dem Geni­tiv als auch mit der Prä­posi­tion auf.

Schriftdeutsch ist harren ein ganz und gar nach innen gerichte­ter Vor­gang, ein Er­star­ren und Abwar­ten, was da von vor­ne auf einen zu­kommt. Aus sti­listi­schen Grün­den sollte gerade in Er­zähl­tex­ten immer die Prä­posi­tion ver­wen­det wer­den, um den Fokus auf das Vor­aus nicht zu stö­ren.

Der Ge­ni­tiv stört diese Räumlichkeit. Er unter­bricht das Vor­aus durch eine gram­mati­kali­sche Hier­archie. Hier­archi­en ken­nen kein Vor­aus, son­dern nur ein Oben und Unten.

Der Ge­ni­tiv ist an harren geraten, weil das Wort zu der Zeit in der Schrift­spra­che er­schaf­fen wurde, als die Geni­tiv­epi­demie im Spät­mit­tel­hoch­deut­schen und Früh­neuhoch­deut­schen ihren Höhe­punkt erreich­te. Er ist in Ana­logie zu warten gebildet, das damals gerne mit dem Geni­tiv kon­stru­iert wird.

Warten hatte zunächst eine andere Bedeutung als heutzutage, was man aus fol­gen­den Bei­spie­len erkennt:

  • Ich lasse meine Freundin warten. ⇢ Sie steht da, und ich komme nicht.
  • Ich lasse mein Auto warten. ⇢ Ein Mechaniker öffnet die Kühler­haube und kon­trol­liert den Motor.

Warten, aus germanisch wart-æ-n, bedeu­tet ur­sprüng­lich Aus­schau halten. Diese Ausschau war erst ungerichtet:

do hiez er i(h)n warten an den himmel, da die sun­ne un­der­gat.Da hieß er ihn am Himmel Ausschau halten, wo die Sonne unterging.

Diese Bedeutung wurde im Namen der Wart­burg kon­ser­viert.

Ebenso konnte man Ausschau halten, weil man etwas erwar­tet, und zwar so­wohl im Mittel­hoch­deut­schen:

ez stuont ein frouwe alleine, und warte uber heide [Prä­po­si­tion], unde warte ir liebe [Genitiv]. Es stand eine Frau allein da und schaute über die Heide, und wartete ihrer Liebe.

Auch im Althochdeutschen:

die sīnero chumfte [Ge­ni­tiv] bītent unde dara ingagene wartēnt Die seiner Ankunft warteten und danach Ausschau hielten.

Im Laufe der Zeit gewann der Aspekt des War­tens die Ober­hand ge­gen­über dem Aus­schau­en. Dadurch geriet das ältere bīten (vgl. isländisch bíða), das im letzten Beispiel vorkam, in Vergessenheit.

Warten kann wie alle Ge­ni­tiv-Ver­ben auch mit einer Viel­zahl an Prä­posi­tio­nen kon­stru­iert wer­den. Die Prä­positio­nal­anschlüs­se bestehen seit dem ältesten Alt­hoch­deutsch und sind in den kon­krete Fäl­len oft älter als der Geni­tiv­anschluß. Das gilt übrigens auch für das is­län­dische Bei­spiel: bíða eftir ein­hver­jum, wörtlich nach einem warten, sowie bíða ein­hvers, wörtlich einer Sache war­ten/harren.

sterben

Das Verbum sterben steht nur dann mit dem Genitiv, wenn die Art und Weise des To­des dar­gestellt wer­den soll: Man stirbt eines frühen, na­tür­lichen, plötz­lichen, un­er­war­te­ten oder grau­samen Todes.

Der Genitiv kann jedoch nicht den Grund für den Tod be­schrei­ben. Hier ver­wendet man seit jeher Prä­posi­tio­nen, die auf die Stel­le am Kör­per, das Sym­ptom oder den Grund deuten, wo der Tod ver­ursacht wur­de: Man stirbt am Kind­lein, also im Kind­bett, an einer Wun­de, man stirbt vor Neu­gier oder Hun­ger, man stirbt durch den Gegner oder im Kampf.

Der Genitiv wird erst am Höhepunkt der spät­mittel­hoch­deut­schen Geni­tiv­epi­demie mit dem Verbum sterben verwendet. Alt­hoch­deutsch ist er unbekannt. Dort steht oft der Dativ:

thū hungiru [Dativ] ni irstirbist damit du nicht durch Hunger sterbest Otfrid
uuelihhemo tode [Dativ] was sterbenti durch welchen Tod war er sterbend Tatian

Das ist auch kein Wunder. Auf die Frage womit? und wo­durch? steht in al­tem Deutsch der Da­tiv, weil er den im Alt­hoch­deutsch aus­ster­ben­den In­stru­men­talis in sich auf­genom­men hat. Der Geni­tiv kann nie­mals in­stru­men­tal sein. Deswegen sollte man von mittel­hoch­deut­schen Marot­ten wie des Schwer­tes oder Hun­gers sterben tun­lichst Abstand nehmen. Sie waren und sind gram­matika­lisch falsch.

Heute ist der instru­mentale Dativ selbst tot. Er wird folge­rich­tig durch die Prä­posi­tion durch ersetzt: durch Hun­ger ster­ben.

Ver­ben, die heute nicht mehr mit dem Ge­ni­tiv stehen

FFolgende Ver­ben konnten früher, vor allem im Mittelhoch­deut­schen, mit dem Geni­tiv kon­stru­iert wer­den. Daneben waren aber stets auch Prä­posi­tio­nen mög­lich.

  • beginnen: eines liedes ich beginne.
  • sich bewegen: Bedeutete im Mit­tel­hoch­deutschen sich zu einer Sache ent­schlie­ßen, aber auch auf etwas ver­zich­ten.
  • fragen
  • geniezen: die Folgen einer Sache zu spüren bekom­men. Meist waren diese Fol­gen angenehm, daher die heutige Be­deu­tung von ge­nie­ßen.
  • sorgen: wi ez dem künege ergienge, des sorgte i(h)n der muot (Nibe­lun­gen, Über­setzung: Wie es dem König gehe, dessen sorgte sich sein Gemüt&Denken). Sor­gen, das so­wohl trau­ern, Kum­mer haben als auch für etwas sorgen bedeu­ten kann, steht jedoch meist mit anderen An­schlüs­sen: wan daz ich sorge um mīn wīp (Iwein). – Wolf Schneider weist ganz zurecht dar­auf hin, daß sorgen niemals ver­ursachen, dazu führen bedeuten kann: Der Tsu­nami sorg­te für viele Tote.
  • vergessen: Vergißmeinnicht.
  • verstehen: daz si dīnes anden verstēn
  • sich verstehen: des verstēt si rehte sich. Heute mit Be­deu­tungs­ver­engung und Prä­posi­tion: Ich verstehe mich aufs Handeln.
  • warten

vergessen und beginnen

Die Ver­ben vergessen und beginnen beste­hen aus der ur­indo­ger­ma­ni­schen Wur­zel ghed- fassen, greifen, die im Ger­mani­schen stets ob­jekt­los ist und des­halb mit dem Geni­tiv steht, und einer Vor­silbe.

Beginnen bedeutet also etwas in An-Griff nehmen. Es konnte einst mit dem Geni­tiv oder einer Prä­posi­tion kon­stru­iert wer­den, heute da­ge­gen vor allem mit der Prä­posi­tion: Ich beginne mit den Haus­auf­gaben. In Ana­logie zu anfan­gen kann es heute auch ein Objekt haben, was aber sti­li­stisch schlechter ist: Ich beginne das Spiel.

Vergessen enthält die Vorsilbe ver-, deren Aufgabe es wie in ver­ler­nen, ver­kau­fen und verkehrt ist, den Vor­gang in die Gegen­rich­tung um­zu­wen­den. Ver­ges­sen bedeutet also aus dem Griff ver­lie­ren. Es konnte frü­her nie mit einem Objekt stehen, da vergessen als in­tran­siti­ver, in sich ru­hen­der Vorg­ang auf­ge­faßt wurde.

Das Prä­fix ver- hat aber auch ganz andere Funk­tio­nen als Um­keh­rung, und zwar vor allem das Tran­sivie­ren von Ver­ben. Es macht Ver­ben ob­jekt­fähig: ver­arbei­ten, ver­zin­ken, ver­gol­den, ver­han­deln. Da in der frü­hen Neu­zeit nie­mand mehr wußte, was der Wort­teil gessen be­deu­tet, wurde das um­keh­rende ver- als tran­sivie­ren­des miß­ver­stan­den, wodurch ver­ges­sen unter­der­hand objekt­fähig wurde: Ich habe es vergessen.

fragen

Fragen bedeutete früher eher bitten, wie auch das ety­mo­lo­gisch ver­wand­te precor im Latei­ni­schen. Dort kann man die Götter im Akku­sa­tiv an­bit­ten/an­be­ten deos precor, aber worum man sie bittet (also der Be­zug oder das Thema der Bitte), steht im Ab­la­tiv sestertia precor.

Deshalb im Althochdeutschen: Ih fragēn iuwih eines wortes ich fra­ge euch eines Wor­tes. Dieses Verb gehört also zu den transitiven: Den man fragt, steht im Akku­sa­tiv, wo­nach man ihn fragt, im Geni­tiv. Im Mit­tel­hoch­deut­schen: Wer vrāget des? Wer fragt das/bittet darum?

Fragen kennt zahlreiche Präpositio­nal­an­schlüs­se. Im Alt­hoch­deut­schen:

ih frāgēn umbe dia niderun lufte Ich frage um die niederen Lüfte [sc. nach den unteren Himmelssphären].

Sowie im Mittelhochdeutschen:

die tumben und die wīsen giengen, sō man tuot, vrāgen umbe mære. Die Dummen und die Klugen gingen wie üblich und baten um Ge­schich­ten.

Deshalb fragt man heute noch um Rat. Beliebt war früher auch die Prä­po­si­tion von:

den recken frāgen er began von hiunischen rīchen. Den Krieger er begann zu fragen von hun­ni­schen Rei­chen. Nibelungenlied (Mittelhochdeutsch)

Produktiv ist im Neuhochdeutschen die Präposi­tion nach: Frag nicht nach Sonnen­schein! Weil sich die Be­deu­tung vom Bitten zum Fragen ver­scho­ben oder ein­ge­engt hat, sieht man fragen gerne als tran­siti­ves Verb und schließt ein Ak­kusa­tiv­objekt an. Das ist aber stili­stisch nicht so berau­schend und ver­rät eher den Mani­ker als den Recken.

Video-Tutorials zum Genitiv
Einführung Wo wird der Geni­tiv im Deut­schen ver­wen­det? Welche Funk­tio­nen hat er? Liegt der Genitiv tatsächlich in einem Todes­kampf, wie Bastian Sick be­haup­tet?
Folge 1 Wegen des Un­wetters oder wegen dem Unwetter, we­gen mir oder meinet­wegen? — Steht nach der Präposition wegen der Genitiv oder der Dativ. Dieses Video-Tutorial be­schäf­tigt sich mit dem Geni­tiv nach Prä­posi­tio­nen und der Ge­schich­te der Prä­posi­tion wegen.
Folge 2 Einer Sache harren, eines natür­lichen Todes ster­ben, jemand des Mor­des an­kla­gen, sich einer Sache erinnern oder ihrer gedenken, aber eine Sache ver­ges­sen — Der Genitiv nach Verben.
Folge 3 Woher kommt die Wen­dung sich einer Sache an­neh­men und wa­rum steht sie mit dem Geni­tiv?
Folge 4 Welche Wendung ist richtig: ein Glas voll Wein, ein Glas voll Wei­nes, ein Glas vol­ler Wein, ein Glas voll mit Wein? — Der Ge­ni­tiv nach Ad­jek­tiven.
Summa Grammatica des Genitivs Zusammenfassung der Er­kennt­nis­se aus der Geni­tiv­woche voll mit glas­klaren Schlüs­sen: Wie funk­tio­niert der Genitiv? Evo­lu­tion des Geni­tivs in der deut­schen Spra­che. Wa­rum wird der Geni­tiv nicht vom Dativ oder an­de­rem ver­drängt?