Wie dekliniert man jemand
und niemand
?
Heutzutage kennt die deutsche Sprache für die Wörter jemand
und niemand
zwei Beugungsweisen:
| Variante A | Variante B | |
|---|---|---|
| Nominativ | jemand | jemand |
| Akkusativ | jemanden | jemand |
| Dativ | jemande(m) | jemand |
| Genitiv | jemandes | von jemand |
Umgangssprache versus Schriftsprache?
Unabhängig von Bildung und Charakter beurteilen die meisten Sprecher des Deutschen die Beugung mit Deklinationsendungen (Typ A: jemand, jemanden, jemandem, jemandes
) als besser und hochsprachlicher als die endungslose Beugung.
Dahinter steht die Annahme, daß gebeugte Formen älter und ehrwürdiger und die endungslosen Form in der Eile der Alltagssprache entstanden seien. Im Einklang mit dieser Ansicht findet man in der Sprache der Literatur stets die gebeugten Formen.
jemand anderer
oder jemand anderes
?
Auch die zweigliedrige Form jemand and(e)r(e)s/jemand anderer
wirft Fragen auf. Die meisten beurteilen die Form Ich liebe jemand(en) anderen
gegenüber Ich liebe jemand andres
als älter, korrekter und hochsprachlicher.
| Variante A | Variante B | |
|---|---|---|
| Nom | jemand anderer | jemand andres |
| Akk | jemand(en) anderen | jemand andres |
| Dat | jemand(em) anderem | jemand andres |
| Gen | jemand(es) anderes | jemandes andres |
jemand anderer
ist umgangssprachlich
Tatsächlich verhält es sich umgekehrt. Die gebeugten Formen sind ganz junge Neuerungen der Umgangssprache. Lesen Sie die Begründung oder springen Sie zur Zusammenfassung. Zudem stehen zwei Video-Tutorials zur Verfügung:
Um die Beugung von jemand
und niemand
beurteilen zu können, müssen wir einen Blick darauf werfen, wie Wörter im Deutschen dekliniert werden:
Deklination im Deutschen
Es gibt im Deutschen drei Wortarten, die man deklinieren kann:
- Substantive:
der Mann, die Frau, das Kind
- Adjektive:
einem großen Mann, eine junge Frau, Spielzeuge kleiner Kinder
- Pronomina:
wir, uns, unser, dieser, diesen, dieses
Da die Deklinationsendungen von jemand
maskulin sind, beschränken wir uns hier auf die männlichen Beugungsformen und Endungen.
Deklination der Substantive
Substantive können im Deutschen entweder stark oder schwach gebeugt werden. Für jedes Substantiv ist genau festgelegt, wie es dekliniert wird. Die beiden Deklinationsarten haben eigene Endungen:
| Neuhoch- deutsch | Starke Deklination | Schwache Deklination |
|---|---|---|
| Nom | der Tag | der Mensch |
| Akk | den Tag | den Menschen |
| Dat | dem Tag(e) | dem Menschen |
| Gen | des Tag(e)s | des Menschen |
| Nom Plural | die Tage | die Menschen |
Die schwache Deklination hatte also eine schwache Abwechslung in den Endungen: Sie lauten in allen Fällen außer dem Nominativ -en
. Hierbei ist der Konsonant n
das eigentliche Erkennungszeichen dieser Beugung, die man deshalb auch n-Klasse oder konsonantische Deklination nennt. Im Althochdeutschen begegnen wir dem n
wieder:
| Althoch- deutsch | Schwache Deklination |
|---|---|
| Nom | mennisco Mensch |
| Akk | menniscon |
| Dat | menniscon |
| Gen | menniscen |
| Nom Plural | menniscon |
Die starke Deklination der männlichen Substantive ist am Genitiv -(e)s
zu erkennen. Das eigentliche Erkennungszeichen ist jeodch ein Vokal, den man nur noch in der Pluralform erkennen kann: die Tag-e
. Man spricht deshalb auch von der vokalischen Deklination.
Im Althochdeutschen sieht man diesen Vokal noch in der Mehrzahlform. Es gab damals mehrere Vokale: Vokalische Deklination Sie ist im Lateinischen noch gut zu erkennen. Die Substantive auf -us
entsprechen in der Beugung dem deutschen Wort Tag
: amicus
(lat. u
= althochdt. a
= neuhochdt. e
).
Das Wort turris
gehört wie Gäste
zur i-Klasse. Die althochdeutsche Form lautet gesti
. Auch das n
der schwachen Deklination findet sich im Lateinischen: leo, leonis
Löwe
, Cicero, Ciceronis
.
| Althoch- deutsch | a-Klasse | i-Klasse |
|---|---|---|
| Nom | tag | gast |
| Akk | tag | gast |
| Dat | tage | gaste |
| Gen | tages | gastes |
| Nom Plural | taga | gesti |
Einige Wörter hatten also ein a
, andere ein i
. Dieses i
ist dafür verantwortlich, warum die Mehrzahl von Gast
heute einen Umlaut hat Gäste
, während der Plural von Tag
ohne Umlaut Tage
lautet. Zum Mittelhochdeutschen werden unbetonte Vokale zu e
abgeschwächt. A
und i
fallen zu einem Laut zusammen:
| Mittelhoch- deutsch | a-Klasse | i-Klasse |
|---|---|---|
| Nom | tag | gast |
| Akk | tag | gast |
| Dat | tage | gaste |
| Gen | tages | gastes |
| Nom Plural | tage | geste |
Auch die Endungen der schwachen Beugung werden zu -en
vereinheitlicht:
| Mittelhoch- deutsch | Schwache Deklination |
|---|---|
| Nom | mensche*Mensch |
| Akk | menschen |
| Dat | menschen |
| Gen | menschen |
| Nom Plural | menschen |
* Das -e
in der Grundform fällt später ab: mensche
⇢ Mensch
. Aber anderswo nicht: der Has-e, des Has-en
.
Deklination des Adjektivs
Auch Adjektive kennen eine starke und eine schwache Beugung. Doch im Gegensatz zu den Substantiven kann jedes Adjektiv sowohl stark als auch schwach dekliniert werden, wenn es als Adjektivattribut ein Substantiv näher bestimmt: der gute Vater, ein guter Vater
. Die Unterscheidung zwischen starken und schwachen Deklination der Adjektive gibt es nur in den germanischen Sprachen. Hiervon ist sie nur im Englischen wieder aufgegeben worden. Auch die skandinavischen Sprachen haben dieses System wie das Deutsche erhalten.
Ist das Substantiv durch den bestimmten Artikel oder ein Demonstrativpronomen bestimmt, beugt man das Adjektiv schwach: der gute Vater
. Ist das Substantiv nicht determiniert, beugt man das Adjektiv stark: (ein) guter Vater
.
| Starke Deklination | Schwache Deklination | |
|---|---|---|
| Nom | der gute Mann | guter Mann |
| Akk | den guten Mann | guten Mann |
| Dat | dem guten Mann | gutem Mann |
| Gen | des guten* Mannes | guten Manns |
| Nom Plural | die guten Männer | gute Männer |
* Im Genetiv Singular lautet die starke Endung heute wie die schwache: des guten Mannes
. Früher war die Form des gutes Mannes
.
Deklination der Pronomina
Pronomina (Fürwörter) kennen keine starke oder schwache Beugung, da sie das Bezugswort stark determinieren:
| Nom | dieser Mann | welcher Mann |
| Akk | diesen Mann | welchen Mann |
| Dat | diesem Mann | welchem Mann |
| Gen | dieses Mannes | welches Mannes |
| Nom Plural | diese Männer | welche Männer |
Vergleich der Deklinationsarten
Adjektive werden schwach wie schwache Substantive dekliniert (rechte Spalte). Doch die Endungen der starken Adjektivbeugung stammen nicht von der starken Beugung der Substantive, wie man parallel dazu annehmen möchte, sondern stimmen mit denen der Pronomina überein (linke Spalte):
- Tag
- Tag
- Tage
- Tages
- Mensch
- Menschen
- Menschen
- Menschen
- guter
- guten
- gutem
- guten < -es
- gute
- guten
- guten
- guten
- dieser
- diesen
- diesem
- dieser
Bildung der Wörter niemand
Als nächsten Schritt wollen wir uns ansehen, wie die Wörter jemand
und niemand
entstanden sind. Sie setzen sich aus mehreren Elementen zusammen:
- (ne)
- +
- je
- +
- man
- +
- d
Das letzte Element -d
ist erst in neuhochdeutscher Zeit an das Wort getreten. Wie in den Wörtern eigentlich
, Obst
, Axt
, Papst
gehört es nicht zur Wurzel selbst, sondern dient bloß der Erleichterung der Aussprache). Auch im Berliner Raum sagt man statt eben
gerne ebend
. So einen Lautzuwachs am Ende des Wortes nennt man Epithese.
Das erste Element je-
(althochdeutsch eo-
oder io-
und mittelhochdeutsch ie-
) ist für die verallgemeinernde Rolle des Wortes verantwortlich und mit der alleinstehenden Partikel je
identisch, wie man sie in Wenn du je wieder den Mund aufmachst, vergesse ich mich!
oder in der mit jemand
synonymen Wendung wer auch immer
verwendet, denn auch im Wort immer
steckt je
: Althochdeutsch eo mer
je mehr
wird im Neuhochdeutschen zu immer
.
Die eigentliche Bedeutung von je ist immer, ewig
. Das urindogermanische Wort, das ihm zugrunde liegt, steckt auch in:
- griechisch
αιών (aiōn)
Ewigkeit, Lebenszeit
- isländisch
ævi
das Leben in seiner gesamten Dauer
- lateinisch
aevum
Ewigkeit
Mann
man
Wir müssen uns als nächstes das mittlere Element Mann
und seine Beugung ansehen. Hier liegt das Geheimnis, wie man jemand
und niemand
dekliniert.
Ursprünglich, also in alt- und mittelhochdeutscher Zeit, lautet das Substantiv man
in allen Fällen man
(Paradigma I). Es bedeutet nicht Mann
, sondern Mensch
, und bezeichnet Männer und Frauen. Da Kasusendungen Aufschluß über das Geschlecht geben, wurde das Wort also nicht mit Endungen dekliniert. Es ist also ein endungsloses Wurzelnomen. Wurzelnomen sind solche Substantive, bei denen zwischen die Wurzel des Wortes und die Endung kein Bindeglied steht.
Bei den starken Substantiven stand früher ein Vokal (a, i, ō: tag-a-, gest-i-, gib-ō-)
, bei den schwachen ein n
. Wurzelnomen ist zum Beispiel das griechische Wort Sphing-s
, das nicht wie andere griechische Substantive Sphing-o-s
lautet.
Die Beugung der Wurzelnomina ist also eine Deklinationsart neben der starken und der schwachen Deklination, die heute nich mehr existiert. Frühere Wurzelnomina wie zan(d)
Zahn
und fuoß
Fuß
sind heute starke Nomina.
| Althoch- deutsch | Paradigma I | Paradigma II |
|---|---|---|
| Nom | man | man |
| Akk | man | mannan |
| Dat | man | manne |
| Gen | man | mannes |
Daneben hat sich aber schon vordeutsch ein zweites Paradigma (II) herausgebildet. Paradigma nennt man die tabellarische Abbildung aller Beugungsformen eines Wortes. Weil die Wurzel von man
auf -n
endet, hat man das Substantiv mit der schwachen Deklination in Verbindung gebracht, bei der ja auch in allen Fällen ein n
in der Endung auftaucht (siehe den Akkusativ mannan
). Weil hier ständig Konfusion zwischen dem n
der Wurzel und der Endung entstand, ist das Wort im Dativ (manne)
und Genitiv (mannes)
in die starke Deklination übergetreten. Im modernen Deutsch gehört Mann
gänzlich zur starken Deklination:
| Neuhoch- deutsch | Paradigma I | Paradigma II |
|---|---|---|
| Nom | man | Mann |
| Akk | – | Mann |
| Dat | – | Manne |
| Gen | – | Mannes |
Man könnte nun annehmen, daß die neuhochdeutsche Akkusativform jemanden
von der althochdeutsche Akkusativform mannan
stammt. Tatsächlich wurde mannan
schon im Mittelhochdeutschen zu man
), also lange bevor die Form jemanden
belegt ist.
Die gesamte Beugung jemand, jemanden, jemandem
ist erst nach dem Mittelhochdeutschen entstanden. Die Akkusativform jemanden
entstand zuletzt und erst in jüngster Zeit nach der Pronominaldeklination (diesen)
.
eoman ieman
Im Althochdeutschen lautet jemand
noch eoman
oder ioman
. Es wird meist durchmischt stark-schwach gebeugt. Im Mittelhochdeutschen bleibt ieman
in allen Kaus außer dem Genitiv ungebeugt:
| ahd | mhd | ⇢ | nhd | |
|---|---|---|---|---|
| Nom | eoman | ieman | ieman | jemand |
| Akk | eomannan | ieman | ieman | jemand |
| Dat | eomanne | iemen | iemanne | jemand |
| Gen | eomannes | iemannes | iemannes | jemandes |
Später entsteht im Dativ die Form iemanne
nach den starken Substantiven Mann-e
. Weil jemand
überall dort auftaucht, wo sonst Pronomina stehen, beginnen weniger gebildete Sprecher, jemand
wie ein Pronomen zu beugen, indem sie zuerst den Akkusativ jemanden
bilden und später den Dativ jemandem
.
jemand
jemand andres
im heutigen Deutschen
Daß die gebeugten Formen von jemand
und niemand
unhistorisch sind, ist natürlich noch kein Grund, sie als falsch anzusehen. Die Beugung von jemand
als Pronomen beinhaltet jedoch die Annahme, daß es sich auch tatsächlich um ein Pronomen handelt. Dagegen spricht allerdings die Verwendung von jemand
im deutschen Satz.
Da Pronomina wie Adjektive als Attribute verwendet werden, können sie drei Geschlechter annehmen. Jemand
und niemand
haben jedoch nur ein Geschlecht, und zwar das männliche:
- Unter den Frauen fand ich keine mit rotem Haar.
- Unter den Frauen fand ich niemanden mit rotem Haar.
Auch syntaktische Gründe sprechen dagegen, daß es sich um ein Pronomen handelt. Dies können wir schrittweise nachprüfen:

In diesem Beispiel lautet das Prädikat liebe
. Von ihm ist Mann
als Objekt abhängig. Es wird durch ein Demonstrativpronomen näher bestimmt. Diesen
bezieht sich also als Attribut auf Mann
.
Ebenso muß man den folgenden Satz analysieren, wenn man davon ausgeht, daß jemand
ein Pronomen ist:

Hier liebe ich einen anderen
, der von einem Attribut näher bestimmt wird. Aber bestimmt jemand
das Bezugswort wirklich näher? Ist es nicht vielmehr umkehrt? Liebt man nicht jemand, mit der Spezifizierung, daß es nicht der Angesprochene (Ehemann) ist, sondern ein anderer (Liebhaber)? Auch so können wir den Satz syntaktisch analysieren:

Hier wird der syntaktische Bezug zwischen jemand
und anderer
umgekehrt. Jenes hängt nicht von diesem ab, sondern dieses von jenem. Dazu müssen wir andres
als Genitivattribut deuten. Tatsächlich ist die Form andres
keine sächliche Form, sondern der männliche Genitiv Singular. Genau so wird sie in älterem Deutsch auch gebraucht, während die Wendung jemanden anderen
bis vor kurzem noch nicht existierte. Sie ist eine nachträgliche Falschinterpretation aus dem Grundgedanken, jemand
wäre ein Pronomen.
Jemand
und niemand
können in dieser Satzanalyse aber unmöglich Pronomina sein, da ein Pronomen nicht durch ein Genitivattribut näher bestimmt werden kann.
Daraus ergibt sich, daß jemand
und niemand
genau wie etwas
und nichts
auch im heutigen Deutsch nach wie vor Substantive sind. Daß sie kleingeschrieben werden, ist der Falschinterpretation geschuldet. Sie begann bereits, als Substantive im Deutschen noch nicht großgeschrieben wurden. Dieser Umstand ändert aber nichts an der Richtigkeit der Deutung.
jemand andres
, jemand anders
oder jemand anderes
?
Zuletzt geht es um die Frage, welche Form das zweite Glied in jemand anderes
richtig oder am besten ist. Anders
ist normalerweise ein Adverb: Ich sehe das anders
.
Am besten sehen wir uns die Beugung des Wortes anderer
an:
| männlich | weiblich | sächlich | |
|---|---|---|---|
| Nom | anderer | andere | anderes |
| Akk | anderer | andere | anderes |
| Dat | anderem | anderen | anderem |
| Gen | anderes/en | anderen | anderes |
Der sächliche Nominativ und Akkusativ (lila) lautet also anderes
– also gleich dem männlichen und sächlichen Genitiv (grau). Hierbei lautet der starke männliche Genitiv heute anderen
(das Haus eines anderen Mannes)
. Dies ist eine Verunreinigung, bei der die starke Endung von der schwachen (das Haus des anderen Mannes)
verdrängt wurde.
Diese Verdrängung hat allerdings feste Fügungen wie jemand andres
ausgelassen, da man anderes
zugleich schon als sächliche Form mißinterpretierte. Durch die Verdrängung ist die Form daher kaum noch als Genitiv zu erkennen. Hier liegt wohl das ganze Problem. Die Form jemanden anderen
kann erst danach entstanden sein. Sie ist brandneu.
Man kann natürlich annehmen, das zweite Glied wäre ein Adverb und kein Genitivattribut. Das ist für die Umgangssprache akzeptabel, aber dennoch falsch. Denn die Unklarheit erwächst daraus, daß die Wurzel ander
auf -r
endet. Probieren wir andere Wörter mit ähnlichen Ausklang:
- besonder-: Ich suche jemand besonders.
- integer: Ich suche jemand Integers.
Klingt nicht gerade richtig, oder?
- besonder-: Ich suche jemand besondres.
- integer: Ich suche jemand Integres.
So klingt es richtig. Der Vergleich macht deutlich, daß anders
hier nur möglich scheint, weil es als Adverb oft verwendet wird und sein Klang gut bekannt ist. Dennoch muß die korrekte Form jemand andres
lauten. Natürlich ist auch die volle Form jemand anderes
richtig. Das Genitivattribut bleibt in allen Fällen unverändert:
| Nom | jemand andres |
| Akk | jemand andres |
| Dat | jemand andres |
| Gen | jemandes andres |
Es empfiehlt sich, eine Fallunterscheidung vorzunehmen:
- anderes Verwendung als sächlicher Nominativ (Subjekt) und Akkusativ (Objekt):
Anderes ist über die Neuzeit zu sagen.
Ich habe anderes zu tun.
Er hatte noch ein anderes Kind.
- anders Verwendung als Adverb:
Anders geht es nicht.
- andres Verwendung als maskuliner Genitiv in
jemand andres
undniemand andres
sowie sächlicher Genitiv inetwas andres
undnichts andres
:Ich habe jemand andres kennengelernt.
Niemand andres kann so schön singen wie du!
Ich will dies und nichts andres!
Beispiele
Das habe ich mir etwas anders vorgestellt.
Hier ist anders
ein Adverb, das selbst von einem Adverb etwas
ergänzt wird. Etwas andres
läßt sich durch ein bißchen anders
ersetzen.
Ich habe mir etwas anders vorgestellt.
Hier ist etwas
das Objekt des Satzes: Man stellt sich wen oder was vor? Etwas. Wie hat man sich dieses etwas
vorgestellt? Anders
, also auf andere Art, nicht genau so. Anders
ist hier ein Adverbiale, das sich auf das Verb habe vorgestellt
bezieht und nicht auf etwas
.
Ich mir etwas andres vorgestellt.
Hier stellt man sich etwas
vor (Objekt). Dieses Objekt hat ein Attribut bei sich, das im Genitiv steht. Man stellt sich also etwas vom anderen
vor.
irgend jemand
oder irgendjemand
?
Eine ähnliche Zusammensetzung wie jemand und niemand hat auch irgend, das im modernen Deutschen jemand/niemand
gern vorangestellt wird: irgend jemand
. Im Mittelhochdeutschen bedeutete jemand
noch verallgemeinernd irgend jemand
und nicht wie heute jemand
.
Etymologie von irgend
In irgend
stecken zuerst die bekannte Vorsilbe eo/io
und das Wörtchen wo
, das althochdeutsch noch hvār
lautet. Das ist in war-um
schön erhalten. Darauf folgt eine verallgemeinernde Silbe -gen
sowie schließlich das der Aussprache dienende d
.
Die Bildung lautet also: eo/io
+ hvār
+ gen
+ d
⇢ irgend
.
Irgend
bedeutet wo auch immer
und irgend jemand
irgendeiner wo auch immer
.
Zusammenschreiben oder Getrenntschreibung?
In der alten Rechtschreibung schreibt man irgend jemand
und irgend etwas
getrennt, wogegen irgendein
, irgendwann
und dergleichen zusammengeschrieben werden. Dies fügt sich zur hier beschriebenen Deutung von jemand, niemand, etwas, nichts
als Substantive.
In der Reformschreibung gilt Zusammenschreibung: irgendjemand
– dies wohl aus dem Wunsch, alles einheitlich zu schreiben. Dahinter steht der Irrtum, daß äußerliche Ähnlichkeiten auf innerliche Gleichheit schließen lassen. Daß die Orthografie der Grammatik widerspricht, ist ohnehin ein genereller Zug der Rechtschreibreform.
In der Reformwirklichkeit halten sich daher beide Schreibungen die Waage, weil ein Teil der Menschen die Regeln in blindem Vertrauen anwendet und ein anderer aus gutem Sprachgefühl heraus nicht darauf kommt, daß eine Zusammenschreibung existieren kann.
Zusammenfassung: Ideale Beugung und Rechtschreibung
Oben sahen wir, daß jemand
und niemand
ihrer Herkunft nach Substantive sind.
Die endungslose (= nominale) Beugung ist deshalb älter und kein Produkt der jüngeren Umgangssprache.
Zugleich ist aber auch die pronominale Beugung mit den Endungen der Pronomina nicht falsch. Denn auch wenn jemand
und niemand
als Substantive entstanden sind und heute noch die Beugung eines Zusatzes wie jemand anderes
(Substantiv mit Genitiv) nominal ist, sind die beiden Wörter Pronomina. Zu welcher Wortart ein Wort gehört, wird nämlich einzig durch die Syntax bestimmt und nicht durch die Wortbildung und Beugung. Pronomen ist also, was im Satz als Pronomen fungiert. Hinweis: In diesem Abschnitt haben wir unsere Ansicht verändert.
Aus diesem Grund ist heute auch die pronominale Beugung richtig, und aus demselben Grund schreibt man jemand
und niemand
klein. Mehr zu dieser Begründung finden Sie hier.
Das bedeutet für die Praxis: Entscheidet sich ein Autor für die endungslose Beugung, kann ihm sein Lektor nicht die pronominale Beugung mit der Begründung der grammatikalischen Richtigkeit aufzwingen. Und umgekehrt.
Ebenfalls kein Grund für die pronominale Beugung liegt in der Gefahr der Verwechslung. Die Wortstellung des Deutschen ist so eindeutig, daß Mißverständnisse so gut wie immer ausgeschlossen sind. Auch wenn jemand
und niemand
als Pronomina fungieren, sind sie dennoch so lang, daß das Behaghelsche Gesetz nicht eintritt (Mehr zur Reihenfolge in Sätzen mit Pronomen). Ist jemand
Objekt (Akkusativ), steht es hinter dem Subjekt, ist es Subjekt, steht es vor dem Objekt.
- Auf der Straße sah [jemand]Subjekt [Frau Schmidt]Objekt die Geldbörse verlieren.
- Auf der Straße sah [Frau Schmidt]Subjekt [jemand]Objekt die Geldbörse verlieren.
Kürzere Pronomina schieben sich stets vor jemand
und niemand
, egal ob sie Subjekt oder Objekt sind:
- Auf der Straße sah [ihn]Objekt [jemand]Subjekt die Geldbörse verlieren.
- Auf der Straße sah [er]Subjekt [jemand]Objekt die Geldbörse verlieren.
Ein Mißverständnis tritt nur beim weiblichen Personalpronomen auf, weil es ebenfalls in Nominativ und Akkusativ gleichklingt:
- Auf der Straße sah [sie]Objekt [jemand]Subjekt die Geldbörse verlieren.
- Auf der Straße sah [sie]Subjekt [jemanden]Objekt die Geldbörse verlieren.
Die Uneindeutigkeit kann auch verhindert werden, indem man die Voranstellung des Kürzeren unterläßt (normale Reihenfolge):
- Auf der Straße sah [jemand]Subjekt [sie]Objekt die Geldbörse verlieren.
Mehr zur Wortstellung in Sätzen mit Pronomen finden Sie hier.
Bei den zweigliedrigen Ausdrücken empfehlen wir die endungslose Beugung; der Genitiv wird mit einer Präposition umschrieben:
| Nom | jemand and(e)res | niemand and(e)res |
| Akk | jemand and(e)res | niemand and(e)res |
| Dat | jemand and(e)res | niemand and(e)res |
| Gen | von jemand and(e)res | von niemand and(e)res |
Das zweite Glied kann anderes
oder synkopiert andres
lauten. Die anders synkopierte Form anders
ist ein Adverb und gehört nicht hierher.
Jemand andres
und niemand andres
können immer durch die Pronomina ein anderer
/eine andere
und kein anderer
/keine andere
ersetzt werden kann: Ich verwende das Auto eines anderen.