Wie dekliniert man jemand und niemand?

HHeutzutage kennt die deutsche Sprache für die Wörter jemand und niemand zwei Beu­gungs­weisen:

Deklination jemand
 Variante AVariante B
Nominativjemandjemand
Akkusativjemandenjemand
Dativjemande(m)jemand
Genitivjemandesvon jemand

Umgangssprache versus Schriftsprache?

Unabhängig von Bildung und Charakter beurteilen die meisten Spre­cher des Deutschen die Beugung mit Deklinationsendungen (Typ A: jemand, jemanden, jemandem, jemandes) als besser und hoch­sprach­licher als die endungs­lose Beugung.

Dahinter steht die An­nahme, daß gebeugte Formen älter und ehr­wür­diger und die en­dungs­losen Form in der Eile der Alltagssprache ent­standen seien. Im Einklang mit dieser Ansicht findet man in der Sprache der Literatur stets die gebeugten Formen.

jemand anderer oder jemand anderes?

Auch die zweigliedrige Form jemand and(e)r(e)s/jemand anderer wirft Fragen auf. Die meisten beurteilen die Form Ich liebe je­man­d(en) an­deren gegenüber Ich liebe jemand an­dres als älter, korrekter und hoch­sprachlicher.

Deklination jemand
 Variante AVariante B
Nomjemand andererjemand andres
Akkjemand(en) anderenjemand andres
Datjemand(em) anderemjemand andres
Genjemand(es) anderesjemandes andres

jemand anderer ist umgangssprachlich

Tatsächlich verhält es sich umgekehrt. Die gebeugten Formen sind ganz junge Neuerungen der Umgangssprache. Lesen Sie die Begründung oder springen Sie zur Zusammenfassung. Zudem stehen zwei Video-Tutorials zur Ver­füg­ung:

Um die Beugung von jemand und niemand beurteilen zu können, müs­sen wir einen Blick darauf werfen, wie Wörter im Deutschen de­kli­niert werden:

Deklination im Deutschen

Es gibt im Deutschen drei Wortarten, die man deklinieren kann:

  • Substantive: der Mann, die Frau, das Kind
  • Adjektive: einem großen Mann, eine junge Frau, Spielzeuge kleiner Kinder
  • Pronomina: wir, uns, unser, dieser, diesen, dieses

Da die Deklinationsendungen von jemand maskulin sind, beschränken wir uns hier auf die männlichen Beugungsformen und Endungen.

Deklination der Substantive

Substantive können im Deutschen entweder stark oder schwach gebeugt werden. Für jedes Substantiv ist genau festgelegt, wie es dekliniert wird. Die beiden Deklinationsarten haben eigene Endungen:

Starke und schwache Deklination der männliche Substantive
Neuhoch-
deutsch
Starke
Deklination
Schwache
Deklination
Nomder Tagder Mensch
Akkden Tagden Menschen
Datdem Tag(e)dem Menschen
Gendes Tag(e)sdes Menschen
Nom Pluraldie Tagedie Menschen

Die schwache Deklination hatte also eine schwache Abwechslung in den Endungen: Sie lauten in allen Fällen außer dem Nominativ -en. Hierbei ist der Konsonant n das eigentliche Erkennungszeichen dieser Beugung, die man deshalb auch n-Klas­se oder konsonantische Deklination nennt. Im Althochdeutschen begegnen wir dem n wieder:

Deklination jemand
Althoch-
deutsch
Schwache
Deklination
Nommennisco Mensch
Akkmenniscon
Datmenniscon
Genmenniscen
Nom Pluralmenniscon

Die starke Deklination der männlichen Substantive ist am Genitiv -(e)s zu erkennen. Das eigentliche Erkennungszeichen ist jeodch ein Vokal, den man nur noch in der Pluralform erkennen kann: die Tag-e. Man spricht deshalb auch von der voka­li­schen Deklination.

Im Alt­hoch­deut­schen sieht man diesen Vokal noch in der Mehr­zahl­form. Es gab damals mehrere Vokale: Vokalische Deklination Sie ist im La­tei­ni­schen noch gut zu erkennen. Die Sub­stan­tive auf -us entsprechen in der Beugung dem deutschen Wort Tag: amicus (lat. u = althochdt. a = neuhochdt. e).
Das Wort turris gehört wie Gäste zur i-Klasse. Die althochdeutsche Form lautet gesti. Auch das n der schwachen De­kli­na­tion findet sich im Lateinischen: leo, leonis Löwe, Cicero, Ciceronis.

Deklination jemand
Althoch-
deutsch
a-Klassei-Klasse
Nomtaggast
Akktaggast
Dattagegaste
Gentagesgastes
Nom Pluraltagagesti

Einige Wörter hatten also ein a, andere ein i. Dieses i ist dafür ver­ant­wort­lich, warum die Mehrzahl von Gast heute einen Umlaut hat Gäste, während der Plural von Tag ohne Umlaut Tage lautet. Zum Mittel­hoch­deut­schen werden unbetonte Vokale zu e abgeschwächt. A und i fallen zu einem Laut zusammen:

Deklination jemand
Mittelhoch-
deutsch
a-Klassei-Klasse
Nomtaggast
Akktaggast
Dattagegaste
Gentagesgastes
Nom Pluraltagegeste

Auch die Endungen der schwachen Beugung werden zu -en ver­ein­heit­licht:

Deklination jemand
Mittelhoch-
deutsch
Schwache
Deklination
Nommensche*Mensch
Akkmenschen
Datmenschen
Genmenschen
Nom Pluralmenschen

* Das -e in der Grundform fällt später ab: menscheMensch. Aber anderswo nicht: der Has-e, des Has-en.

Deklination des Adjektivs

Auch Adjektive kennen eine starke und eine schwache Beugung. Doch im Gegensatz zu den Sub­stan­tiven kann jedes Adjektiv sowohl stark als auch schwach dekliniert werden, wenn es als Adjektivattribut ein Sub­stantiv näher bestimmt: der gute Vater, ein guter Vater. Die Unterscheidung zwischen starken und schwachen Deklination der Ad­jek­tive gibt es nur in den germanischen Spra­chen. Hiervon ist sie nur im Engli­schen wieder aufgegeben worden. Auch die skan­dinavischen Sprachen haben dieses System wie das Deutsche er­halten.

Ist das Substantiv durch den bestimmten Artikel oder ein Demon­stra­tiv­pronomen be­stimmt, beugt man das Adjektiv schwach: der gute Vater. Ist das Sub­stantiv nicht determiniert, beugt man das Adjektiv stark: (ein) guter Vater.

Deklination der Adjektive
 Starke
Deklination
Schwache
Deklination
Nomder gute Mannguter Mann
Akkden guten Mannguten Mann
Datdem guten Manngutem Mann
Gendes guten* Mannesguten Manns
Nom Pluraldie guten Männergute Männer

* Im Genetiv Singular lautet die starke Endung heute wie die schwache: des guten Mannes. Früher war die Form des gutes Mannes.

Zur Deklination, Wortbildung, Syntax und Stilistik des Adjektivs steht ein eigenes Tutorial zur Verfügung.

Deklination der Pronomina

Pronomina (Fürwörter) kennen keine starke oder schwache Beugung, da sie das Bezugswort stark determinieren:

Deklination der Pronomina
Nomdieser Mannwelcher Mann
Akkdiesen Mannwelchen Mann
Datdiesem Mannwelchem Mann
Gendieses Manneswelches Mannes
Nom Pluraldiese Männerwelche Männer

Vergleich der Deklinationsarten

AAdjektive werden schwach wie schwache Substantive dekliniert (rech­te Spal­te). Doch die Endungen der starken Adjektivbeugung stam­men nicht von der starken Beu­gung der Substantive, wie man par­al­lel dazu an­neh­men möchte, sondern stimmen mit denen der Pronomina überein (linke Spalte):

  • Tag
  • Tag
  • Tage
  • Tages
  • Mensch
  • Menschen
  • Menschen
  • Menschen
  • guter
  • guten
  • gutem
  • guten < -es
  • gute
  • guten
  • guten
  • guten
  • dieser
  • diesen
  • diesem
  • dieser

Bildung der Wörter und (Belles Lettres's own Ampersand) niemand

AAls nächsten Schritt wollen wir uns ansehen, wie die Wörter jemand und niemand entstanden sind. Sie setzen sich aus meh­re­ren Ele­men­ten zu­sam­men:

  • (ne)
  • +
  • je
  • +
  • man
  • +
  • d

Das letzte Element -d ist erst in neuhochdeutscher Zeit an das Wort ge­tre­ten. Wie in den Wörtern eigentlich, Obst, Axt, Papst gehört es nicht zur Wurzel selbst, sondern dient bloß der Erleichterung der Aussprache). Auch im Ber­liner Raum sagt man statt eben gerne ebend. So einen Laut­zuwachs am Ende des Wortes nennt man Epithese.

Das erste Element je- (althochdeutsch eo- oder io- und mit­tel­hoch­deutsch ie-) ist für die verallgemeinernde Rolle des Wortes verantwort­lich und mit der alleinstehenden Partikel je identisch, wie man sie in Wenn du je wieder den Mund aufmachst, vergesse ich mich! oder in der mit jemand synonymen Wendung wer auch immer verwendet, denn auch im Wort immer steckt je: Althochdeutsch eo mer je mehr wird im Neu­hoch­deut­schen zu immer.

Die eigentliche Bedeutung von je ist immer, ewig. Das ur­indo­ger­ma­ni­sche Wort, das ihm zugrunde liegt, steckt auch in:

  • griechisch αιών (aiōn) Ewigkeit, Lebenszeit
  • isländisch ævi das Leben in seiner gesamten Dauer
  • lateinisch aevum Ewigkeit

Mann und (Belles Lettres's own Ampersand) man

Wir müssen uns als nächstes das mittlere Element Mann und seine Beu­gung ansehen. Hier liegt das Geheimnis, wie man jemand und niemand dekliniert.

Ursprünglich, also in alt- und mittelhochdeutscher Zeit, lautet das Sub­stan­tiv man in allen Fällen man (Paradigma I). Es bedeutet nicht Mann, son­dern Mensch, und bezeichnet Männer und Frauen. Da Kasus­endungen Auf­schluß über das Geschlecht geben, wurde das Wort also nicht mit Endun­gen dekliniert. Es ist also ein endungsloses Wur­zel­nomen. Wurzelnomen sind solche Sub­stan­tive, bei denen zwischen die Wurzel des Wortes und die Endung kein Bindeglied steht.
Bei den starken Substantiven stand früher ein Vokal (a, i, ō: tag-a-, gest-i-, gib-ō-), bei den schwachen ein n. Wur­zel­nomen ist zum Bei­spiel das grie­chische Wort Sphing-s, das nicht wie andere griechische Substantive Sphing-o-s lau­tet.
Die Beugung der Wur­zel­nomina ist also eine Deklinationsart neben der star­ken und der schwa­chen De­kli­na­tion, die heute nich mehr exi­stiert. Frühere Wur­zel­nomi­na wie zan(d) Zahn und fuoß Fuß sind heute starke Nomina.

Deklination Mann und man
Althoch-
deutsch
Paradigma IParadigma II
Nommanman
Akkmanmannan
Datmanmanne
Genmanmannes

Daneben hat sich aber schon vordeutsch ein zweites Paradigma (II) her­aus­gebildet. Paradigma nennt man die tabellarische Abbildung aller Beugungsformen eines Wortes. Weil die Wurzel von man auf -n endet, hat man das Sub­stan­tiv mit der schwachen Deklination in Verbindung gebracht, bei der ja auch in allen Fällen ein n in der Endung auftaucht (siehe den Akku­sa­tiv mannan). Weil hier ständig Kon­fusion zwischen dem n der Wurzel und der Endung entstand, ist das Wort im Dativ (manne) und Genitiv (mannes) in die starke Deklination übergetreten. Im modernen Deutsch gehört Mann gänzlich zur starken Deklination:

Deklination Mann und man
Neuhoch-
deutsch
Paradigma IParadigma II
NommanMann
AkkMann
DatManne
GenMannes

Man könnte nun annehmen, daß die neuhochdeutsche Akkusativform je­manden von der althochdeutsche Akkusativform mannan stammt. Tat­säch­lich wurde mannan schon im Mittelhochdeutschen zu man), also lange bevor die Form jemanden belegt ist.

Die gesamte Beu­gung jemand, jemanden, jemandem ist erst nach dem Mittel­hoch­deut­schen entstanden. Die Akkusativform jemanden entstand zuletzt und erst in jüngster Zeit nach der Pronominal­dekli­na­tion (diesen).

eoman und (Belles Lettres's own Ampersand) ieman

Im Althochdeutschen lautet jemand noch eoman oder ioman. Es wird meist durchmischt stark-schwach gebeugt. Im Mittelhochdeutschen bleibt ieman in allen Kaus außer dem Genitiv ungebeugt:

Deklination Mann und man
 ahdmhdnhd
Nomeomaniemaniemanjemand
Akkeomannaniemaniemanjemand
Dateomanneiemeniemannejemand
Geneomannesiemannesiemannesjemandes

Später entsteht im Dativ die Form iemanne nach den starken Sub­stan­tiven Mann-e. Weil jemand überall dort auftaucht, wo sonst Pro­no­mi­na stehen, beginnen weniger gebildete Sprecher, jemand wie ein Pro­no­men zu beu­gen, indem sie zuerst den Akkusativ jemanden bilden und später den Dativ jemandem.

jemand und (Belles Lettres's own Ampersand) jemand andres im heutigen Deutschen

DDaß die gebeugten Formen von jemand und niemand unhistorisch sind, ist natürlich noch kein Grund, sie als falsch anzusehen. Die Beugung von jemand als Pronomen beinhaltet jedoch die Annahme, daß es sich auch tatsächlich um ein Pronomen handelt. Dagegen spricht allerdings die Ver­wend­ung von jemand im deutschen Satz.

Da Pronomina wie Adjektive als Attribute verwendet werden, können sie drei Geschlechter annehmen. Jemand und niemand haben jedoch nur ein Geschlecht, und zwar das männliche:

  • Unter den Frauen fand ich keine mit rotem Haar.
  • Unter den Frauen fand ich niemanden mit rotem Haar.

Auch syntaktische Gründe sprechen dagegen, daß es sich um ein Pro­no­men handelt. Dies können wir schrittweise nachprüfen:

Satzanalyse: Ich (Subjekt) + liebe (Prädikat) + diesen (Pronominal-Attribut) + Mann (Objekt)

In diesem Beispiel lautet das Prädikat liebe. Von ihm ist Mann als Ob­jekt abhängig. Es wird durch ein Demonstrativpronomen näher be­stimmt. Diesen bezieht sich also als Attribut auf Mann.

Ebenso muß man den folgenden Satz analysieren, wenn man davon ausgeht, daß jemand ein Pronomen ist:

Satzanalyse: Ich (Subjekt) + liebe (Prädikat) + jemand (Pronominal-Attribut) + anderen (Objekt)

Hier liebe ich einen anderen, der von einem Attribut näher bestimmt wird. Aber bestimmt jemand das Bezugswort wirklich näher? Ist es nicht vielmehr umkehrt? Liebt man nicht jemand, mit der Spezifizierung, daß es nicht der Angesprochene (Ehemann) ist, sondern ein anderer (Lieb­haber)? Auch so können wir den Satz syntaktisch analysieren:

Satzanalyse: Ich (Subjekt) + liebe (Prädikat) + jemand (Objekt) + andres (Genitiv-Attribut)

Hier wird der syntaktische Bezug zwischen jemand und anderer um­ge­kehrt. Jenes hängt nicht von diesem ab, sondern dieses von jenem. Dazu müssen wir andres als Genitivattribut deuten. Tatsächlich ist die Form andres keine sächliche Form, sondern der männliche Genitiv Singular. Genau so wird sie in älterem Deutsch auch gebraucht, während die Wen­dung jemanden anderen bis vor kurzem noch nicht existierte. Sie ist eine nachträgliche Falsch­inter­preta­tion aus dem Grundgedanken, jemand wä­re ein Pronomen.

Jemand und niemand können in dieser Satzanalyse aber unmöglich Pronomina sein, da ein Pro­nomen nicht durch ein Genitivattribut näher bestimmt werden kann.

Daraus ergibt sich, daß jemand und niemand genau wie etwas und nichts auch im heutigen Deutsch nach wie vor Substantive sind. Daß sie klein­geschrie­ben werden, ist der Falschinterpretation geschuldet. Sie begann bereits, als Sub­stantive im Deutschen noch nicht groß­geschrie­ben wurden. Dieser Um­stand ändert aber nichts an der Richtigkeit der Deutung.

jemand andres, jemand anders oder jemand anderes?

ZZuletzt geht es um die Frage, welche Form das zweite Glied in jemand anderes richtig oder am besten ist. Anders ist normalerweise ein Adverb: Ich sehe das anders.

Am besten sehen wir uns die Beugung des Wortes anderer an:

Deklination von 'anderer, andere, anderes'
 männlichweiblichsächlich
Nomandererandereanderes
Akkandererandereanderes
Datanderemanderenanderem
Genanderes/enanderenanderes

Der sächliche Nominativ und Akkusativ (lila) lautet also anderes – also gleich dem männlichen und sächlichen Genitiv (grau). Hierbei lautet der starke männliche Genitiv heute anderen (das Haus eines anderen Man­nes). Dies ist eine Verunreinigung, bei der die starke Endung von der schwachen (das Haus des anderen Man­nes) verdrängt wurde.

Diese Verdrängung hat allerdings feste Fügungen wie jemand andres ausgelassen, da man anderes zugleich schon als sächliche Form miß­inter­pre­tierte. Durch die Verdrängung ist die Form daher kaum noch als Genitiv zu erkennen. Hier liegt wohl das ganze Problem. Die Form je­man­den anderen kann erst danach entstanden sein. Sie ist brandneu.

Man kann natürlich annehmen, das zweite Glied wäre ein Adverb und kein Genitivattribut. Das ist für die Umgangssprache akzeptabel, aber dennoch falsch. Denn die Unklarheit erwächst daraus, daß die Wurzel ander auf -r endet. Probieren wir andere Wörter mit ähnlichen Ausklang:

  • besonder-: Ich suche jemand besonders.
  • integer: Ich suche jemand Integers.

Klingt nicht gerade richtig, oder?

  • besonder-: Ich suche jemand besondres.
  • integer: Ich suche jemand Integres.

So klingt es richtig. Der Vergleich macht deutlich, daß anders hier nur möglich scheint, weil es als Adverb oft verwendet wird und sein Klang gut bekannt ist. Dennoch muß die korrekte Form jemand andres lauten. Natürlich ist auch die volle Form jemand anderes richtig. Das Geni­tivattribut bleibt in allen Fällen unverändert:

Deklination von jemand andres
Nomjemand andres
Akkjemand andres
Datjemand andres
Genjemandes andres

Es empfiehlt sich, eine Fallunterscheidung vorzunehmen:

  • anderes Verwendung als sächlicher Nominativ (Subjekt) und Akkusativ (Objekt):
    Anderes ist über die Neuzeit zu sagen.
    Ich habe anderes zu tun.
    Er hatte noch ein anderes Kind.
  • anders Verwendung als Adverb: Anders geht es nicht.
  • andres Verwendung als maskuliner Genitiv in jemand an­dres und niemand andres sowie sächlicher Genitiv in etwas andres und nichts andres:
    Ich habe jemand andres ken­nen­gelernt.
    Niemand andres kann so schön singen wie du!
    Ich will dies und nichts andres!

Beispiele

  • Das habe ich mir etwas anders vorgestellt.

Hier ist anders ein Adverb, das selbst von einem Adverb etwas ergänzt wird. Etwas andres läßt sich durch ein bißchen anders ersetzen.

  • Ich habe mir etwas anders vorgestellt.

Hier ist etwas das Objekt des Satzes: Man stellt sich wen oder was vor? Etwas. Wie hat man sich dieses etwas vorgestellt? Anders, also auf andere Art, nicht genau so. Anders ist hier ein Adverbiale, das sich auf das Verb habe vorgestellt bezieht und nicht auf etwas.

  • Ich mir etwas andres vorgestellt.

Hier stellt man sich etwas vor (Objekt). Dieses Objekt hat ein Attribut bei sich, das im Genitiv steht. Man stellt sich also etwas vom anderen vor.

irgend jemand oder irgendjemand?

EEine ähnliche Zusammensetzung wie jemand und niemand hat auch irgend, das im modernen Deutschen jemand/niemand gern vor­an­gestellt wird: irgend jemand. Im Mittelhochdeutschen bedeutete je­mand noch verallgemeinernd irgend jemand und nicht wie heute jemand.

Etymologie von irgend

In irgend stecken zuerst die bekannte Vorsilbe eo/io und das Wörtchen wo, das althochdeutsch noch hvār lautet. Das ist in war-um schön er­halten. Darauf folgt eine verallgemeinernde Silbe -gen sowie schließ­lich das der Aussprache dienende d.

Die Bildung lautet also: eo/io + hvār + gen + dirgend.

Irgend bedeutet wo auch immer und irgend jemand irgend­einer wo auch immer.

Zusammenschreiben oder Getrenntschreibung?

In der alten Rechtschreibung schreibt man irgend jemand und ir­gend et­was ge­trennt, wogegen irgendein, irgendwann und dergleichen zu­sam­men­geschrieben werden. Dies fügt sich zur hier beschriebenen Deu­tung von jemand, niemand, etwas, nichts als Substantive.

In der Reformschreibung gilt Zusammenschreibung: irgend­jemand – dies wohl aus dem Wunsch, alles einheitlich zu schreiben. Dahinter steht der Irrtum, daß äußerliche Ähnlichkeiten auf innerliche Gleichheit schließen lassen. Daß die Orthografie der Grammatik wi­der­spricht, ist ohnehin ein genereller Zug der Rechtschreibreform.

In der Reformwirklichkeit halten sich daher beide Schreibungen die Waa­ge, weil ein Teil der Menschen die Regeln in blindem Ver­trauen an­wen­det und ein anderer aus gutem Sprachgefühl heraus nicht darauf kom­mt, daß eine Zusammenschreibung existieren kann.

Zusammenfassung: Ideale Beugung und Rechtschreibung

OOben sahen wir, daß jemand und niemand ihrer Herkunft nach Sub­stan­tive sind.

Die endungslose (= nominale) Beugung ist deshalb älter und kein Pro­dukt der jüngeren Umgangssprache.

Zugleich ist aber auch die pronominale Beugung mit den En­dun­gen der Pro­nomi­na nicht falsch. Denn auch wenn jemand und niemand als Substantive entstanden sind und heute noch die Beugung eines Zu­sat­zes wie je­mand ande­res (Substantiv mit Genitiv) nominal ist, sind die beiden Wör­ter Pro­nomina. Zu welcher Wortart ein Wort gehört, wird nämlich einzig durch die Syntax bestimmt und nicht durch die Wortbildung und Beugung. Pronomen ist also, was im Satz als Pronomen fungiert. Hinweis: In diesem Abschnitt ha­ben wir un­se­re An­sicht ver­ändert.

Aus diesem Grund ist heute auch die pronominale Beugung richtig, und aus demselben Grund schreibt man jemand und niemand klein. Mehr zu dieser Begründung finden Sie hier.

Das bedeutet für die Praxis: Entscheidet sich ein Autor für die en­dungs­lose Beu­gung, kann ihm sein Lek­tor nicht die pro­nomi­nale Beu­gung mit der Be­grün­dung der gram­mati­kali­schen Rich­tig­keit auf­zwin­gen. Und um­gekehrt.

Ebenfalls kein Grund für die pronominale Beugung liegt in der Ge­fahr der Ver­wechs­lung. Die Wort­stel­lung des Deut­schen ist so ein­deu­tig, daß Miß­ver­ständ­nisse so gut wie im­mer aus­geschlos­sen sind. Auch wenn jemand und nie­mand als Pro­nomina fun­gie­ren, sind sie den­noch so lang, daß das Be­haghel­sche Ge­setz nicht ein­tritt (Mehr zur Rei­hen­folge in Sät­zen mit Pro­nomen). Ist je­mand Ob­jekt (Akku­sativ), steht es hin­ter dem Sub­jekt, ist es Sub­jekt, steht es vor dem Objekt.

  • Auf der Straße sah [jemand]Subjekt [Frau Schmidt]Objekt die Geldbörse verlieren.
  • Auf der Straße sah [Frau Schmidt]Subjekt [jemand]Objekt die Geldbörse verlieren.

Kürzere Pronomina schieben sich stets vor jemand und niemand, egal ob sie Subjekt oder Objekt sind:

  • Auf der Straße sah [ihn]Objekt [jemand]Subjekt die Geldbörse verlieren.
  • Auf der Straße sah [er]Subjekt [jemand]Objekt die Geldbörse verlieren.

Ein Mißverständnis tritt nur beim weiblichen Per­sonal­pro­nomen auf, weil es eben­falls in Nomi­nativ und Akku­sativ gleich­klingt:

  • Auf der Straße sah [sie]Objekt [jemand]Subjekt die Geldbörse verlieren.
  • Auf der Straße sah [sie]Subjekt [jemanden]Objekt die Geldbörse verlieren.

Die Uneindeutigkeit kann auch ver­hin­dert wer­den, in­dem man die Vor­an­stel­lung des Kür­zeren unter­läßt (nor­male Rei­hen­folge):

  • Auf der Straße sah [jemand]Subjekt [sie]Objekt die Geldbörse verlieren.

Mehr zur Wortstellung in Sätzen mit Pro­nomen finden Sie hier.

Bei den zweigliedrigen Ausdrücken empfehlen wir die en­dungs­lose Beugung; der Genitiv wird mit einer Prä­posi­tion um­schrie­ben:

Deklination von jemand andres
Nomjemand and(e)resniemand and(e)res
Akkjemand and(e)resniemand and(e)res
Datjemand and(e)resniemand and(e)res
Genvon jemand and(e)resvon niemand and(e)res

Das zweite Glied kann anderes oder syn­kopiert andres lau­ten. Die anders syn­kopier­te Form anders ist ein Ad­verb und ge­hört nicht hier­her.

Jemand andres und niemand an­dres kön­nen immer durch die Pro­nomi­na ein an­de­rer/eine andere und kein ande­rer/keine an­dere ersetzt wer­den kann: Ich ver­wen­de das Auto eines anderen.