Der Konjunktiv in der deutschen Sprache
Der Konjunktiv wird in der gesprochenen und in der geschriebenen Sprache verwendet. In der gesprochenen Sprache ist er auf Hauptsätze und Bedingungssätze beschränkt:
- Hättest du nur etwas gesagt, dann hätte ich dir geholfen!
- Würden sie mir die Tür aufhalten?
- Das hätte ich mir nicht bieten lassen!
- Er dürfte wohl gegen sechs kommen.
Diese mündlichen Anwendungsfälle bereiten einem Sprecher des Deutschen kaum Schwierigkeiten.
Anders sieht es mit jenen Konjunktiven aus, die ausschließlich in der geschriebenen Sprache vorkommen. Hier findet man in Zeitungen und Büchern eine enorme Zahl an falschen Formen.
Was macht der Konjunktiv?
Die meisten verbinden den Konjunktiv mit Begriffen wie Möglichkeit.
Abgesehen von der Frage, ob der Konjunktiv überhaupt eine Möglichkeit ausdrücken kann (nein), sind solche Begriffe natürlich viel zu vage, wenn man davon genaue Regeln ableiten will, wie man den Konjunktiv anwenden soll. Tatsächlich gibt es solche Regeln, und sie sind exakter, eindeutiger und leichter, als viele glauben.
Die wichtigste Erkenntnis besteht darin, daß es zwei Konjunktive gibt, die ganz unterschiedliche Aufgaben erfüllen. Bevor wir uns diese Aufgaben ansehen, sollten wir uns klarmachen, welche Konjunktive es gibt und wie sie gebildet werden:
Bildung des Konjunktivs
Die deutsche Sprache besitzt zwei Konjunktivformen. Sie werden vom Stamm der Präsens- und der Präteritumsform des Verbs abgeleitet, weshalb man sie traditionell als Konjunktiv Präsens (lateinisch coniunctivus praesentis
) und Konjunktiv Präteritum (lateinisch coniunctivus praeteriti
) bezeichnet:
- ich bin ⇢ daß ich sei (Konjunktiv Präsens)
- ich war ⇢ als ob ich wäre (Konjunktiv Präteritum)
- ich habe ⇢ daß ich habe (Konjunktiv Präsens)
- ich hatte ⇢ als ob ich hätte (Konjunktiv Präteritum)
- ich fahre ⇢ daß ich fahre (Konjunktiv Präsens)
- ich fuhr ⇢ als ob ich führe (Konjunktiv Präteritum)
Begänne
oder begönne
?
Warum gibt es im Deutschen Verben mit zwei konkurrierenden Formen im Konjunktiv 2?
- befehlen: beföhle und manchmal befähle
- beginnen: begönne und begänne
- empfehlen: empföhle und manchmal empfähle
- gewinnen: gewönne und gewänne
- beginnen: begönne und begänne
- helfen: hülfe und hülfe
- rinnen: rönne und ränne
- schelten: schölte und schälte
- schwimmen: schwömme und schwämme
- sinnen: sönne und sänne
- spinnen: sönne und spänne
- stehen: stünde und stände
- stehlen: stöhle und stähle
- sterben: stürbe und stärbe
Andere Verben haben nur eine Form, allerdings nicht die, die man erwartet:
- gelten: nur noch selten gölte, dafür meist gälte
- stehlen: stöhle aber nur sehr selten stähle
- verderben: verdürbe aber nicht verdärbe
- werben: würbe aber nicht wärbe
- werfen: würfe aber nicht wärfe
Bei den Verben mit Doppelform sind die jeweils erstgenannten Formen älter, die zweiten sind systematische Neubildungen des Neuhochdeutschen. Betroffen sind nur starke Verben, also solche, die die Vergangenheit durch Ablaut des Wurzelvokals bilden: ich schwimme, ich schwamm, geschwommen.
Vor dem Neuhochdeutschen besaß jedes starke Verben vier Ablautstufen, hier mit dem althochdeutschen Vorfahr von beginnen
dargestellt:
| Althochdeutsch: beginnen | |
|---|---|
| Gegenwart (Anti-Vergangenheit) | ih beginnu wir beginnumes |
| Präteritum Singular | ih bigan |
| Präteritum Plural | wir bigunnum |
| Partizip Präteritum | bigunnan |
Alle Formen, die keine Vergangenheitsbedeutung haben, also der Infinitiv (beginnen), das Partizip Präsens (beginnend), die Imperative (beginne!) sowie der Indikativ (ich beginne) und Konjunktiv Präsens (daß ich beginne), haben wie im heutigen Deutschen Ablautstufe 1. Ebenso besitzt das Partizip Präteritum (begonnen) eine eigene Ablautstufe.
Die Vergangenheitsformen haben bis zum Mittelhochdeutschen zwei Ablautstufen, eine für den Singular und eine andere für den Plural:
| Mittelhoch- deutsch | Präteritum Singular | Präteritum Plural |
|---|---|---|
| befelhen | ich befalh | wir befulhen |
| beginnen | ich began | wir begunnen |
| emphelhen | ich emphalh | wir emphulhen |
| gelten | ich galt | wir gulten |
| gewinnen | ich gewan | wir gewunnen |
| helfen | ich half | wir hulfen |
| rinnen | es ran | sie runnen |
| swimmen | ich swam | wir swummen |
| sinnen | ich san | wir sunnen |
| spinnen | ich span | wir spunnen |
| sten | ich stuo(n)t | wir stuonden |
| steln | ich stal | wir stālen |
| sterben | ich starb | wir sturben |
| verderbn | ich verdarb | wir verdurben |
| werben | ich warb | wir wurben |
Diese Trennung zwischen Singular und Plural wurde im Neuhochdeutschen aufgegeben. Es gibt heute einen gemeinsamen Ablaut für alle Vergangenheitsformen:
| Modernes Deutsch | |
|---|---|
| Präsens | ich beginne wir beginnen |
| Präteritum | ich begann wir begannen |
| Partizip Präteritum | begonnen |
Dasselbe haben auch die anderen germanischen Sprachen getan, nur das Isländische (a≠á) besitzt auch heute noch alle vier Ablautstufen:
| Englisch | Schwedisch | Isländisch | |
|---|---|---|---|
| Präsens | I give | jag ger | ég gef |
| Präteritum Singular | I gave | jag gav | ég gaf |
| Präteritum Plural | we gave | vi gav | við gáfum |
| Partizip Präteritum | given | given | gefinn |
Meist haben die Pluralformen bei dieser Reform den Ablaut des Singulars angenommen: wir begunnen
wurde wie der Singular ich began
zu wir begannen
.
Bei den oben genannten Verben führte dies zu einem Problem: Der Konjunktiv 2 (alle Formen) wurde noch bis ins Neuhochdeutsche von der Ablautstufe des Präteritum Plurals abgeleitet:
- wir sturben ⇢ daß ich stürbe, daß du stürbest, daß er oder sie stürbe, daß wir stürben usw.
Die Vokale a, o, u
werden dabei zu ä, ö, ü
umgelautet. Wenn die Ableitungsbasis wir sturben
allerdings aufgegeben und durch wir starben
ersetzt wird, wird der Konjunktiv 2 verhüllt: Niemand weiß mehr, woher der Vokal ü
stammt, wenn die Vergangenheit doch ich starb, wir starben
heißt.
Deshalb wurden zu diesen Verben noch einmal systematische, neue Formen für den Konjunktiv 2 gebildet: Von ich begann, wir begannen
wird ein neuer Umlaut gebildet: als ob ich begänne
.
Beide Varianten sind grammatikalisch korrekt. Das eine ist nicht hochsprachlicher, umgangssprachlicher oder stilistisch besser oder schlechter als das andere. Der Sprecher kann nach seinem musikalischen Geschmack entscheiden.
Verwendung des Konjunktivs
Für die Bildung der Konjunktivformen sind die traditionellen Bezeichnung erhellend, für ihre Verwendung dagegen irreführend, denn keiner der beiden Konjunktive drückt eine Zeitstufe aus. Der deutsche Konjunktiv hat im Gegensatz zum Lateinischen (consecutio temporum) und anderen Sprachen keinen Zeitbezug. Deshalb nennt man die beiden Formen besser Konjunktiv 1
und Konjunktiv 2
. Sie übernehmen im Nebensatz verschiedene Aufgaben.
- Konjunktiv Präsens ⇢ Konjunktiv 1
- Konjunktiv Präteritum ⇢ Konjunktiv 2
Konjunktiv 1
Der Konjunktiv 1 hat im Deutschen nur eine einzige Aufgabe: Er stellt Aussagen als innerlich abhängig dar. Man findet ihn daher in der indirekten Rede und ähnlichen Sätzen. Über den Wahrheitsgehalt dieser Aussagen (Realis, Irrealis und Potentialis) gibt er keine Auskunft.
Konjunktiv im abhängigen Aussagesatz
Eine Vorübung:
- Er sagt die Wahrheit.
Äußerlich/formal ist die Wahrheit
das Objekt des Satzes und vom Verb sagte
abhängig. Es erläutert zudem, was der Inhalt des Sagens ist (innerlich oder inhaltlich abhängig). Das Objekt muß aber kein Substantiv sein. Auch ein ganzer Satz kann das Objekt bilden:
Ich fahre jetzt!
sagt er.
Hier bildet ein direkter Aussagesatz das Objekt des Hauptsatzes. Möchte man die direkte Aussage in eine indirekte umwandeln, erhält man einen indirekten (= abhängigen) Aussagesatz:
- Er fahre jetzt, sagt er.
Zur richtigen Bildung der indirekten Rede steht ein eigenes Tutorial zur Verfügung.
Indirekte (= abhängige) Aussagesätze, auch bekannt als indirekte Rede, stehen grundsätzlich im Konjunktiv 1. Ob das Verb im Hauptsatz (ein Verb des Sagens, Denkens oder Fühlens, sog. verba dicendi et sentiendi
) im Präsens oder im Präteritum steht, ist unerheblich:
- Er fahre jetzt, sagt er.
- Er fahre jetzt, sagte er.
Es kann allerdings vorkommen, daß der Konjunktiv 1 sich nicht vom Indikativ unterscheiden läßt:
Sie beginnen jetzt
, sagt er. (= Indikativ)- Sie beginnen jetzt, sagte er. (= Konjunktiv 1)
In diesem Fall – und nur in diesem! – wird der Konjunktiv 1 ausnahmsweise durch den Konjunktiv 2 ersetzt:
- Sie beginnen jetzt, sagte er. (= Konjunktiv 1) ⇢ Sie begännen jetzt, sagte er. (= Konjunktiv 2)
Regel
Im abhängigen Aussagesatz steht unabhängig vom Tempus des Verbs, von dem dieser Satz abhängt, der Konjunktiv 1. Der Konjunktiv 1 ist die Form, die inhaltliche/innerliche Abhängigkeit zum Ausdruck bringt (und nichts andres). Ist die Form des Konjunktivs 1 allerdings mit der Indikativform identisch, wird stellvertretend der Konjunktiv 2 verwendet.
Dieses übergeordnete Verb muß nicht unbedingt ein Verb wie sagen
, fragen
oder glauben
sein. Manchmal ergibt sich das Aussagen auch aus der Gesamtbedeutung des Hauptsatzes:
Wir werden nicht gerettet!
- Sie hatten keine Hoffnung mehr, daß sie gerettet würden.
Auch bei diesem Beispiel wurde der Konjunktiv 1 (werden)
durch den Konjunktiv 2 (würden)
ersetzt, weil er mit dem Indikativ identisch ist.
Konjunktiv 1 als Optativ?
Hat der Konjunktiv 1 denn wirklich keine anderen Aufgaben, als die innerliche Abhängigkeit und indirekte Rede auszudrücken? Die Antwort lautet nein. Der Konjunktiv 1 kann heutzutage eigentlich nur in Gliedsätzen stehen und steht dort für innerliche Abhängigkeit. In Hauptsätzen kommt er nur vor, wenn dem Hauptsätze in einem Satz davor ein Ausdruck des Sagens oder Denkens vorausgeht:
Der Minister sagte, er habe (Gliedsatz) damit nichts zu tun. Außerdem müsse er jetzt zum Golf.
Die dem Konjunktiv fälschlich zugeschriebenen Aufgaben haben wir in einem eigenen Tutorial zusammengefaßt: Der deutsche Konjunktiv kann im Gegensatz zum lateinischen weder Möglichkeit (Potentialis) noch Wünsche (Optativ), Aufforderungen (Adhortativ) noch Befehle (Iussiv) ausdrücken.
Konjunktiv 2
Die Aufgaben des Konjunktivs 2 sind ganz anderer Art als die des Konjunktivs 1.
Irrealis und Konjunktiv 2
Der Konjunktiv 2 kennzeichnet Aussagen als irreal (unwirklich). Eine reale Aussage:
- Paul
- Ich komme dann um sechs.
- Anna
- Wenn du kommst, wird das Essen schon fertig sein.
Die Bedingung, die Anna nennt, steht im Indikativ, denn sowohl Anna, Paul als auch der Leser können davon ausgehen, daß diese Bedingung tatsächlich eintreten wird. Es handelt sich also um eine reale Behauptung. Diese Aussageform nennt man Realis.
Eine irreale Aussage:
- Knut
- Heute abend kann ich leider nicht kommen.
- Britta
- Wie schade! Wenn du doch kämest, würde ich mich sehr freuen.
Oder in der Vergangenheit:
- Knut
- Es tut mir leid, daß ich gestern nicht kommen konnte.
- Britta
- Dabei hätte ich mich so gefreut, wenn du gekommen wärest!
Britta nennt Bedingungen, deren Unerfüllbarkeit klar ist, noch während Britta sie ausspricht. Solche Aussageformen nennt man Irrealis. Der Modus des Irrealis ist der Konjunktiv 2 (niemals der Konjunktiv 1).
Die beiden Beispiele zeigen Aussagen, wie sie auch in der gesprochenen Sprache vorkommen. Sie bereiten Sprechern daher keine Schwierigkeiten. Der Irrealis kommt in der Schriftsprache allerdings auch in anderen Satzarten vor.
Vergleichssätze
Ein Beispiel aus einem Zeitungsartikel:
- Ihr Blick ist so konzentriert auf die Buchstaben gerichtet, daß es scheint, sie könne aufsaugen, was da steht.
Natürlich kann der Blick der Lesenden niemals so konzentriert sein, daß dadurch die Druckerschwärze vom Papier gesaugt wird. Es handelt sich bloß um eine Übertreibung, mit der verdeutlicht werden soll, wie konzentriert die Lesende liest. Der Vergleich (scheinen wie)
ist also nicht Wirklichkeit (irreal) und muß deshalb im Konjunktiv 2 stehen. Dies gilt für alle Sätze, die von Verben wie scheinen
abhängen. Die Form könne
(= Konjunktiv 1) muß also zu könnte
(= Konjunktiv 2) korrigiert werden.
Ein Beispiel aus der Schönliteratur:
- Sie kam sich vor, als sei sie gerade gestorben.
- Sie kam sich vor, als ob sie gerade gestorben sei.
Natürlich kann die Person nicht wirklich gestorben sein, da sie sich dann ja nicht mehr irgendwie vorkommen könnte. Richtig ist also:
- Sie kam sich vor, als wäre sie gerade gestorben.
- Sie kam sich vor, als ob sie gerade gestorben wäre.
Gerade im Hochfeuilleton und in der Hochliteratur, also überall dort, wo die Ambitionen des Autors besonders hoch sind, findet man die meisten falschen Konjunktive, denn hier sind Vergleichssätze besonders beliebt. Viele werden verleitet, hier den Konjunktiv 1 zu verwenden (…, als sei bla bla; …, als habe bla bla; usw.)
, weil der Konjunktiv 1 vielleicht vornehmer und literarischer klingt.
Der Konjunktiv 1 hat in Vergleichssätzen allerdings nichts verloren. Die Wortkombinationen als sei
, als habe
usw. sind also immer falsch. Richtig sind als wäre
und als hätte
.
Denn das Wesen von Vergleichen besteht ja gerade darin, daß sie nicht Wirklichkeit sind, sondern ein Bild, das zur Verdeutlichung der Wirklichkeit neben sie gestellt wird. Vergleiche und Vergleichssätze sind also grundsätzlich und ausnahmslos irreal. Irreale Aussagen stehen immer im Konjunktiv 2 und niemals im Konjunktiv 1, der nichts andres als innerliche Abhängigkeit ausdrückt.
Regel
In Vergleichssätzen, die mit als (ob)
eingeleitet werden, sowie in allen anderen Sätzen, die einen Vergleich ausdrücken, steht ohne Spielraum der Konjunktiv 2 (wäre, hätte, müßte, wüßte …)
.
Zusatzartikel: Vergleichssätze ohne Vergleich
Irrealis der Höflichkeit
Im Alltag werden Aussagen oft als irreale Aussagen formuliert, um den Angesprochenen nicht vor vollendete Tatsachen zu stellen.
Könnten Sie mir bitte helfen?
Konjunktiv der Ungewißheit
In alten Wendungen findet man noch Reste eines Konjunktivs, der einst Ungewißheit und Zurückhaltung ausgedrückt hat:
- Ich wüßte nicht, was daran nicht stimmen sollte.
Ebenso der französische Subjonctif:
- Je ne sache pas que …
Ich wüßte nicht …
Bairischer Irrealis
In Bayern ist selbst das, was bereits als Tatsache eingetreten ist, noch ungewiß. Bayern formulieren daher jede Aussage im Konjunktiv 2. Die Benutzung des Indikativs (Realis) nennt man dort gschert daherredn
.
Des kannt scho sei!
An soichatn Schmoan mechatn mia ned!
Pfeilgråd! Jetzat häddidi bald nimma kennt!
Von Bruno Jonas gibt es folgenden Lehrdialog:
- #1
- Was dadsd denn du sogn, wenn i di frogn dad,
ob du morgen Zeit hättst? - #2
- Dad i sogn, kannt ma drüber reden …
- Am nächsten Tag …
- #2
- Ich wär jetzt da.
- #1
- Zeit wär’s.
Verwandte Artikel: Zur Unterscheidung zwischen Sein und Schein im Deutschen steht ein eigenes Tutorial zur Verfügung.
Potentialis
Der Potentialis ist ein anderer Aussagemodus. Er kennzeichnet den Inhalt eines Satz nicht als unwahr, sondern als möglich oder wahrscheinlich.
Scheinbarer Potentialis
Natürlich besteht die Welt nicht nur aus schwarz und weiß. Oft möchte man sich gar nicht festlegen, ob etwas real oder irreal ist.
Die folgenden Beispiele sind Zeitungsartikeln entnommen, die aus der Zeit der Präsidentenwahl in den Vereinigten Staaten stammen. Sie verraten, daß der Verfasser nach Grautönen zwischen schwarz und weiß sucht.
- Axelrod wirkt auf den ersten Blick, als sei er direkt aus den sechziger Jahren in die Gegenwart gebeamt worden.
Axelrod, damals der Wahlkampftaktiker von Obama, sieht in den Augen des Verfassers dieses Satzes also wie jemand aus, der aus den Sechzigern stammt. Das wäre die wirkliche Seite dieses Satzes, die Sache mit dem Beamen dagegen die unwirkliche. Vielleicht möchte der Autor durch den (hier ganz und gar deplazierten) Konjunktiv 1 andeuten, daß der Vergleich nicht ganz irreal ist, sondern nur ein bißchen.
Der Gedanke ist jedoch ein Irrtum. Entweder hat man es mit einem Vergleich zu tun (Konjunktiv 2) oder eben nicht (Indikativ). Und hier ist es ein Vergleich.
Wenn weder der Konjunktiv 2 noch der Indikativ die Sache treffen, kann man das als deutlichen Hinweis sehen, daß die Aussage als solche falsch konstruiert ist und umformuliert werden sollte. Die sanfteste Veränderung wäre hier:
- Axelrod wirkt auf den ersten Blick wie (jemand) aus den sechziger Jahren. Als wäre er von dort in die Gegenwart gebeamt worden.
Das nächste Beispiel ist noch extremer. Einige Tage nach der Präsidentenwahl hieß es:
- Es ist, als müsse sich das Land immer noch vergegenwärtigen, was letzte Woche geschah: Wir haben es wirklich getan!
Hier wird etwas als Vergleich und damit als irreal formuliert, was tatsächlich Wirklichkeit war. Die amerikanischen Wähler mußten sich durchaus erst vergegenwärtigen, daß sie einen Farbigen ins Weiße Haus gewählt haben. Hier hilft nichts, als die gesamte Konstruktion aufzugeben. Ein Vergleichssatz gehört hier nicht hin:
- Das Land muß sich immer noch vergegenwärtigen, was letzte Woche geschah: Wir haben es wirklich getan!
Ein weiteres Beispiel:
- Fortan modellierten die PR-Berater sie zur treuen und schönen Gattin. (…) Und es scheint, als habe Michelle Obama mit dieser Rolle inzwischen ihren Frieden gemacht.
Der Verfasser dieses Satz kann nicht mit Gewißheit sagen, was in Michelle Obama vorgeht. Mit dem Verb scheinen
und den Vergleichssatz gibt er allerdings vor, Michelle hätte sich innerlich nicht damit abgefunden, verhalte sich aber so. Ob der Autor das sagen wollte?
Echter Potentialis
Tatsächlich sind im Lateinischen der Konjunktiv Präsens (vocem, moneam)
und der Konjunktiv Perfekt (vocaverim, monuerim)
dafür zuständig, den Potentialis, also eine für möglich gehaltene Aussage, auszudrücken.
Auch im Deutschen ging man mit geringerer Exaktheit einst so vor. Dies ist jedoch seit langem ausgestorben und heute allein schon dadurch unmöglich, weil der Konjunktiv 1 ausschließlich innerliche Abhängigkeit ausdrückt.
In dieser Rolle enthält er sich jeder Aussage über ihren Bezug zur äußeren Wirklichkeit. Er kann also nicht zugleich in gewissen Fällen Potentialis ausdrücken, in anderen aber nicht. Das Deutsche hat deshalb Konstruktionen entwickelt, mit denen man potentielle Aussagen formulieren kann:
- Das dürfte der letzte gewesen sein.
- Er kommt wohl nicht vor sechs.
- Vielleicht kommt sie morgen.
- Das könnte unser Untergang sein.
Oft kann eine Formulierung mit anscheinend
falsche und sinnlose Vergleichssätze beseitigen:
- Anscheinend hat Michelle Obama mit dieser Rolle inzwischen ihren Frieden gemacht.
Realis, Irrealis und Potentialis im Vergleich
Aussagemodi im Überblick:
Der Realis kennzeichnet, daß der Inhalt des Satz als wahr angesehen wird oder daß der Wahrheitsgehalt unerheblich ist. Der Realis wird durch den Indikativ dargestellt: Heute ist das Wetter schön
. Der Realis ist also der Normalfall.
Der Irrealis stellt die Aussage als unwahr dar und wird durch den Konjunktiv 2 ausgedrückt: Kämest du doch! Wärest du nur gekommen!
Der Potentialis stellt den Inhalt eines Satz als möglich und mehr oder minder wahrscheinlich dar. Er wird nicht durch den Konjunktiv ausgedrückt, sondern durch Wendungen mit Modalverben: Er wird wohl kommen.
Das Hilfsverb steht nur dann im Konjunktiv 2, wenn Zurückhaltung zum Ausdruck gebracht werden soll: Das dürfte stimmen
versus Das stimmt wohl
.
Der Konjunktiv 1 hat mit den Aussagemodi nichts zu tun. Er kennzeichnet einen Satz als innerlich abhängig, ohne daß damit ein Hinweis gegeben wird, ob diese Aussage wahr oder unwahr ist.
Irreale abhängige Aussagesätze
Oben wurde erklärt, daß der Konjunktiv 2 im abhängigen Aussagesatz nur als Stellvertreter für den Konjunktiv 1 einspringen darf, wenn dieser vom Indikativ nicht zu unterscheiden ist. Was aber, wenn man eine indirekte Aussage durch den Konjunktiv 1 als inhaltlich abhängig kennzeichnet, zugleich aber zum Ausdruck bringen will, daß diese Aussage unwahr oder irreal ist?
Regel
Wenn Konjunktiv 1 und Konjunktiv 2 konkurrieren, gewinnt immer Konjunktiv 2. Der Konjunktiv 2 kann die innerliche Abhängigkeit mitausdrücken, der Konjunktiv 1 jedoch niemals den Irrealis.
Ein erfundenes Beispiel in zwei Varianten. Bei der ersten erfährt man erst ganz zuletzt, daß die Aussage unwahr ist.
Ich habe die Sache bereits erledigt, Liebling!
Er behauptete immerfort, er habe die Sache bereits erledigt, dabei konnte sie die Klospülung noch laufen hören.
In diesem Fall bietet sich Konjunktiv 1 an. Die Aussage wird zunächst als inhaltlich abhängig wiedergegeben und erst danach widerlegt. Sieht man in dem Verb behaupten
jedoch einen Anfangsverdacht für einen Irrealis, kann man auch in den Konjunktiv 2 wechseln. Dies würde sich auch deshalb anbieten, weil es sich bei dem Satz um erlebte Rede
handelt. Schriftsteller und Lektoren müssen hier genau überlegen, ob der Tonfall schriftsprachlich bleibt oder in den der gesprochenen Sprache wechselt.
Bei der zweiten Variante wird jedoch bereits vor der Behauptung kein Zweifel gelassen:
Ich habe die Sache bereits erledigt, Liebling!
Wie alle Männer war er faul und ein Lügner. Er behauptete immerfort, er hätte die Sache bereits erledigt, dabei konnte sie die Klospülung noch laufen hören.
Hier sollte auf jeden Fall der Konjunktiv 2 verwendet werden, auch wenn der Konjunktiv 1 vielleicht literarischer, klüger, vornehmer, sensibler, feingeistiger oder graustufiger klingt.
Zusammenfassung der Konjunktiv-Regeln
Konjunktivregeln zusammengefaßt
Konjunktiv 1 und Konjunktiv 2 haben nichts miteinander zu tun. Ihre Funktionen sind exakt festgelegt und überschneiden sich nicht.
Der Konjunktiv 1 kennzeichnet syntaktisch abhängige Sätze (Nebensätze) als auch inhaltlich abhängig. Das bedeutet, daß der Aussagesatz den Inhalt einer Aussage (Verb des Sagens im übergeordneten Satz) erläutert.
Der Konjunktiv 2 kennzeichnet Aussagen als irreal.
Weder der Konjunktiv 1 noch 2 haben etwas mit dem Aussagemodus Potentialis
zu tun.
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Liste schwieriger Konjunktivformen
- backen
- ich backe
- daß ich backe ⇢ backte
- ich backte
- als ob ich backte
- beginnen
- ich beginne
- daß ich beginne ⇢ begänne/begönne
- ich begann
- als ob ich begönne/begänne
- brennen
- ich brenne
- daß ich brennte ⇢ brennte
- ich brannte
- als ob ich brennte
- bringen
- ich bringe
- daß ich bringe ⇢ brächte
- ich brachte
- als ob ich brächte
- denken
- ich denke
- daß ich denke ⇢ dächte
- ich dachte
- als ob ich dächte
- dünken
- es dünkt/deucht mir/mich
- daß es mir/mich dünke/deuche
- mir/mich dünkte/deuchte
- als ob es mir/mich dünkte/deuchte
- jemand erschrecken
- ich erschrecke ihn
- daß ich ihn erschrecke ⇢ erschreckte
- ich erschreckte ihn
- als ob ich ihn erschreckte
- erschrecken
- ich erschrecke
- daß ich erschrecke ⇢ erschreckte
- ich erschrak
- als ob ich erschreckte
- essen
- ich esse
- daß ich esse ⇢ äße
- ich aß
- als ob ich äße
- fangen
- ich fange
- daß ich fange ⇢ finge
- ich fing
- als ob ich finge
- geben
- ich gebe
- daß ich gebe ⇢ gäbe
- ich gab
- als ob ich gäbe
- gewinnen
- ich gewinne
- daß ich gewinne ⇢ gäbe
- ich gewann
- als ob ich gewönne/gewänne
- halten
- ich halte
- daß ich halte ⇢ hielte
- ich hielt
- als ob ich hielte
- hängen
- ich hänge (intransitiv)
- daß ich hänge ⇢ hinge
- ich hing
- als ob ich hinge
- hängen
- ich hänge auf (transitiv)
- daß ich hänge ⇢ hängte
- ich hängte (auf)
- als ob ich (auf)hängte
- kennen
- ich kenne
- daß ich kenne ⇢ kennte
- ich kannte
- als ob ich kennte
- können
- ich kann
- daß ich könne
- ich konnte
- als ob ich könnte
- nennen
- ich nenne
- daß ich nenne ⇢ nennte
- ich nannte
- als ob ich nennte
- saugen
- ich sauge den Teppich
- daß ich d.T. sauge ⇢ saugte
- ich saugte d.T.
- als ob d.T. saugte
- saugen
- ich sauge mich fest
- daß ich mich festsauge ⇢ festsaugte
- ich sog mich fest
- als ob ich mich festsöge
- schmelzen
- das Eis schmilzt
- daß das Eis schmelze
- das Eis schmolz
- als ob das Eis schmölze
- schmelzen
- er schmelzt Eis
- daß ich Eis schmelze ⇢ schmelzte
- ich schmelzte Eis
- als ob ich Eis schmelzte
- schreien
- ich schreie
- daß ich schreie ⇢ schriee
- ich schrie
- als ob ich schriee
- sehen
- ich sehe
- daß ich sehe ⇢ sähe
- ich sah
- als ob ich sähe
- senden
- ich sende
- daß ich sende ⇢ sendete
- ich sandte (sendete)
- als ob ich sendete
- spinnen
- ich spinne
- daß ich spinne ⇢ spönne
- ich sponn den Fadenich spinnte herum
- als ob ich spänne/spönne
- stecken
- ich stecke fest
- daß ich feststecke ⇢ feststäke
- ich stak fest
- als ob ich feststäke
- stecken
- ich stecke etwas ein
- daß ich einstecke ⇢ einsteckte
- ich steckte ein
- als ob ich einsteckte
- sterben
- ich sterbe
- daß ich sterbe ⇢ stürbe (stärbe)
- ich starb
- als ob ich stürbe (selten: stärbe)
- triefen
- ich triefe
- daß ich triefe ⇢ triefte (tröffe)
- ich triefe (troff)
- als ob ich triefte (tröffe)
- trügen
- es trügt
- daß es trüge
- es trog
- als ob es tröge
- verderben
- es verdirbt
- daß es verderbe
- es verdarb
- als ob es verdürbe
- vergessen
- ich vergesse
- daß ich vergesse ⇢ vergäße
- ich vergaß
- als ob ich vergäße
- waschen
- ich wasche
- daß ich wasche ⇢ wüsche
- ich wusch
- als ob ich wüsche
- wenden
- ich wende
- daß ich wende ⇢ wendete
- ich wandte mich, ich wendete den Wagen
- als ob ich wendete
- werben
- ich werbe
- daß ich werbe ⇢ würbe
- ich warb
- als ob ich würbe
- werfen
- ich werfe
- daß ich werfe ⇢ würfe
- ich warf
- als ob ich würfe
- wissen
- ich weiß
- daß ich wisse
- ich wußte
- als ob ich wüßte
- wollen
- ich will
- daß ich wolle
- ich wollte
- als ob ich wollte