Tem­pussystem im Deut­schen

IIn den germanischen Spra­chen wie dem Eng­li­schen, dem Schwe­di­schen und dem Is­län­di­schen gilt ein Tem­pus­sys­tem für alle Sprech- und Text­arten. Nur das Deut­sche hat drei ver­schie­de­ne Tem­pus­sys­teme:

Per­fekt und Prä­te­ri­tum im ge­spro­chenen Deutsch

Im ge­spro­chenen Deutsch wer­den alle Hand­lungen und Zustände, die in der Ver­gan­gen­heit endeten, durch das Per­fekt aus­ge­drückt: Ich habe ab­gewa­schen, ich bin krank gewesen.

Was nicht ein­deu­tig ver­gan­gen ist, steht im Prä­sens (Nicht­ver­gan­gen­heit als Gegen­menge zum Per­fekt). Das umfaßt alles, was sich gerade jetzt ereignet ich wasche gerade ab, was grund­sätz­lich oder zeit­unab­hän­gig gilt Deutsch­land liegt in Euro­pa, Jogi Löw ist Bundes­trainer, Kriem­hilt ist hübsch sowie alles, was sich noch er­eig­nen wird morgen gehe ich ins Kino.

Das Per­fekt als Ver­gan­gen­heitstempus der ge­spro­chenen Spra­che wurde von den Sprechern des Kernhoch­deut­schen (süd­lich der Ben­rather Linie) er­schaf­fen. Im nie­der­deut­schen Sprach­raum hat es sich erst in den letz­ten fünf­zig Jah­ren, also dem Zeitalter der Massen­kom­muni­kation, durch­gesetzt. Dort galt zuvor das Tem­pus­sys­tem nicht­li­te­ra­ri­scher Tex­te (siehe unten).

Dieses niederdeutsche Sys­tem ähnelte dem Sys­tem in den anderen ger­mani­schen Spra­chen (pro­te­stan­ti­scher Le­bens­raum), während das hoch­deut­sche Sys­tem im Süden den Tem­pussystemen im kat­holi­schen Lebens­raum entspricht (was Bis­marck als ultra­mon­tan be­zeich­nete). So ent­wickel­te sich auch in den ro­mani­schen Spra­chen das zu­sam­men­ge­setzte Per­fekt zum Ver­gan­gen­heits­tem­pus im Münd­lichen, im Fran­zösi­schen zum Bei­spiel das passé com­posé:

  • J’ai ecrit une lettre.
  • Ich habe einen Brief ge­schrie­ben.

Die eher protestantische Nordhälfte Euro­pas er­zählt Ver­gan­ge­nes also im Prä­teri­tum, die kat­holi­sche Süd­hälf­te im Per­fekt. Ein Motiv für die Auf­tei­lung zwi­schen Nord und Süd könnte im La­tei­ni­schen lie­gen. Dort ist das Per­fekt das Tem­pus, in dem Ver­gan­ge­nes er­zählt wird. Sogar das Tempussystem des Irischen ähnelt eher dem Lateinischen als dem Englischen, was aufgrund der Geschichte Irlands kein Wunder ist.

Per­fekt und Prä­te­ri­tum in li­te­ra­rischem Deutsch

LLiterarisches Deutsch ist heute in der Masse das Deutsch des Romans. Dort spricht die Er­zähl­stim­me grundsätzlich im Prä­te­ri­tum. Dieses Prä­te­ri­tum ist hier kein Ver­gan­gen­heits­tem­pus, sondern ver­rich­tet die­selbe Auf­gabe wie das Prä­sens in der ge­spro­che­nen Spra­che.

Das Prä­te­ri­tum als Erzählzeit des Romans berich­tet nicht von Ver­gan­ge­nem, son­dern schil­dert die er­zähl­te Zeit als Gegen­wart und Wirk­lich­keit der Ge­schich­te. Die Hand­lung spielt sich un­mit­tel­bar vor den Au­gen des Le­sers ab. Spielt der Ro­man im 14. Jahr­hun­dert, wird nicht dem Le­ser von ei­ner fer­nen Ver­gan­gen­heit be­rich­tet. Es ist um­ge­kehrt: Der Le­ser steht mit­ten im 14. Jahr­hun­dert und be­trach­tet die Vor­gän­ge, die sich um ihn her­um ab­spie­len. Daß es so und nicht um­ge­kehrt ist, wird bei Roma­nen deut­lich, die in der Zu­kunft spie­len. Auch sie wer­den im Prä­te­ri­tum er­zählt.

Das Ver­gan­gen­heits­tem­pus des Romans ist heut­zu­tage das Plus­quam­per­fekt (oft un­zu­tref­fend als Vor­ver­gan­gen­heit be­zeich­net). Was rela­tiv zur er­zähl­ten Zeit in der Ver­gan­gen­heit liegt, steht in diesem Tem­pus:

  • Nachdem er gefrühstückt hatte, zog er sich an.
  • Kurz nachdem er eingeschlafen war, erwachte er durch einen Knall.

Das Plus­quam­per­fekt kann wie das Per­fekt in der ge­spro­chenen Spra­che nur aus­drücken, was Ver­gan­gen­heit ist. Ist der Vor­gang in der erzähl­ten Zeit noch nicht ab­ge­schlos­sen, steht das Prä­te­ri­tum:

  • Richtig: Er lebte seit zehn Jahren in Berlin.
  • Falsch: Er hatte seit zehn Jahren in Berlin gelebt.

Dies betrifft aus sachlichen Gründen nur imper­fek­tive Verben, also Hand­lungen und Zustände, die in kein Er­geb­nis münden. Man ver­wen­det das Plus­quam­per­fekt, wenn die Hand­lung ver­neint ist (eine noch junge Ent­leh­nung des Per­fekts in nicht­lite­ra­ri­schen Tex­ten, siehe un­ten):

  • Der Kommissar blickte ratlos auf den Stadtplan von Berlin. Er war sein ganzes Leben noch nie dort gewesen.

Das Plus­quam­per­fekt als Tem­pus der Ver­gan­gen­heit ist eine recht neue Errungenschaft. In der klassischen Dichtung herrscht allein das Prä­te­ri­tum:

O mein Sohn, mein Sohn! Du brichst dir selbst den Stab. Sehr rei­zend malst du ein Glück, das — du mir nie ge­währ­test. Friedrich Schiller: Don Karlos. 1787, 2. Akt, 2. Auftritt.

Das Prä­te­ri­tum schildert in klassischer und moderner Literatur auch, was grund­sätz­lich und zeit­un­ab­hän­gig gilt.

  • Am Morgen rasierte er sich, wie es Männer eben taten.

Falsch wäre das Präsens ... wie es Männer eben tun. Das Prä­sens exi­stiert in ei­nem Roman nicht, denn grund­sätz­lich kennt die Er­zähl­stim­me eines Romans nur Prä­te­ri­tum und Plus­quam­per­fekt. Prä­sens und Per­fekt kom­men nur in wört­licher Rede der Fi­gu­ren vor, wenn die Fi­gu­ren wie in ge­spro­che­ner Spra­che spre­chen (in Unter­hal­tungs­litera­tur gän­gig).

In hö­he­rer Lite­ra­tur läßt die Er­zähl­stim­me die Fi­gu­ren nicht so un­gefil­tert spre­chen. In der Fi­gu­ren­rede kann hier das Zeiten­system li­te­ra­rischer Texte (ohne Per­fekt) oder nicht­li­te­ra­ri­scher Texte (mit Per­fekt) auf­tre­ten. Im äußer­sten Fall ver­wei­gert der Er­zäh­ler den Fi­gu­ren gänz­lich, zu Wort zu kom­men. Er be­rich­tet dann im Kon­junk­tiv 1, was die Fi­gu­ren im Wort­laut ge­sagt ha­ben (in­di­rek­te Rede), oder kann noch wei­ter ge­hen und das Ge­sag­te in an­de­ren Wor­ten wie­der­geben.

Ein Roman ist eine Er­zäh­lung. Die Er­eignis­se wer­den von der Er­zähl­stim­me auf­ge­zählt. Sie blickt dabei grund­sätz­lich nicht in die Zu­kunft, wes­wegen der Ro­man (bis auf wört­liche Rede im Dialog) kein äußer­liches Fu­tur kennt.

Nur die Fi­gu­ren selbst kön­nen sich Zu­künf­ti­ges aus­malen oder vor­neh­men. Ihre Ge­dan­ken wer­den von der Er­zähl­stimme vor­getra­gen. Sie sind des­halb inner­lich ab­hän­gig und stehen im Kon­junk­tiv der in­ner­lichen Ab­hängig­keit, der hier al­ler­dings nicht wie sonst werde machen lau­tet, son­dern würde machen, weil das Grund­tempus (die Ge­gen­wart der Er­zählung) das Prä­teri­tum ist:Zum innerlichen Futur im Roman gibt es ein eige­nes Tuto­rial.

  • Nachdem er gefrühstückt hatte, verließ er das Haus. Am Nach­mit­tag würde er ins Kino gehen.

Auch eine äußerliche Beschreibung mit einer Mo­dal­kon­struk­tion ist möglich:

  • Nachdem er gefrühstückt hatte, verließ er das Haus. Am Nachmittag wollte/mußte er ins Kino gehen.

Eine kleine Änderung macht daraus erlebte Rede:

  • Nachdem er gefrühstückt hatte, verließ er das Haus. Am Nachmittag konnte er ins Kino gehen.

Diese Beschränkungen sind oft Quell für Per­spek­tiv­feh­ler. Wenn in einem Un­ter­hal­tungs­roman kei­ne Span­nung ent­steht, grei­fen schlech­te Au­to­ren oft auf das böse Omen als miß­ver­stan­de­nes Fore­sha­dow­ing zu­rück, statt die Prä­mis­se der Ge­schich­te zu ver­än­dern.

  • Nachdem er gefrühstückt hatte, verließ er das Haus. Aber das sollte er noch bitter bereuen.

Das ist nur bei einem all­wis­sen­den Er­zäh­ler mög­lich. In mo­der­nen Un­ter­hal­tungs­ro­ma­nen folgt der Er­zäh­ler dem Prota­goni­sten aber meist wie ein Ka­mera­mann hin­ten­drein oder ist so­gar der Pro­tago­nist (Ich-Er­zäh­ler). Sol­che Er­zähl­stim­men ken­nen die Zu­kunft nicht.

Foreshadowing ist nur mit dem Modalverb sollen möglich, das hier keine Ver­pflich­tung be­schreibt, son­dern wie im Mit­tel­alter die Zu­kunft ich sol si mīden beide — Nibe­lungen­lied, Str. 16.4: ich werde beide mei­den. Die fol­gende Kon­struk­tion ist falsch:

  • Nachdem er gefrühstückt hatte, verließ er das Haus. Aber das würde er noch bitter bereuen.

Der Konjunktiv macht die Vorausschau innerlich ab­hän­gig und zum Ge­dan­ken der Figur. Die kann von diesem Schick­sals­schlag in der Zu­kunft al­ler­dings nichts ah­nen.

Romane im Präsens

Neben dem Präteritum kommt auch das Präsens als Erzähl­tempus vor. In die­sem Fall steht die Ver­gan­gen­heit statt im Plus­quam­per­fekt im Per­fekt:

  • Nachdem er gefrühstückt hat, verläßt er das Haus.

Zum Tempussystem im Roman, zum Gebrauch der Zei­ten in Rück­blen­den und Vor­aus­schau­en, gibt es ein ei­ge­nes Vi­deo-Tuto­ri­al.

Perfekt und Präteritum in nichtliterarischen Texten

AAls dritte Gattung bleiben nichtli­te­ra­rische Texte. Darin fal­len alle Sach­texte, All­tags­texte, Wissen­schafts­texte und der Jour­na­lis­mus. Das Ver­gan­gen­heits­tem­pus ist hier das Prä­te­ri­tum; die Zu­kunft steht im Fu­tur. Zeit­un­ab­hän­gi­ges oder Gegen­wär­ti­ges be­rich­ten Prä­sens und Per­fekt. Das Prä­sens kann alle Vor­gän­ge schil­dern, sowohl imper­fek­tive als auch per­fek­tive.

Imper­fek­tiv ist ein Vorgang, der nicht in ein Resultat mün­det, das sich vom An­fang un­ter­schei­det, son­dern ein­fach en­det, wie er be­gon­nen hat: schla­fen, le­ben, wa­chen, be­trach­ten.

Per­fektive Vor­gän­ge ver­än­dern sich dau­ernd und mün­den in ein Er­geb­nis: ein­schla­fen, ster­ben, er­wa­chen, er­blicken.

Die Unterscheidung ist im modernen Deutsch lexi­ka­lisch. Vie­le Ver­ben sind ent­weder im­per­fek­tiv oder per­fek­tiv. Die­se tra­gen oft per­fek­tive Vor­sil­ben wie:

  • er- er­blicken, er­ler­nen, er­ken­nen vs. blicken, ler­nen, ken­nen
  • ver- ver­ges­sen, ver­ken­nen, ver­ler­nen
  • ge- ge­ra­ten, ge­den­ken vs. raten, denken

Im älteren Deutsch gab es dagegen zwei Kon­ju­ga­tio­nen. Die For­men im­per­fek­ti­ver Ver­ben konn­ten durch das Prä­fix ge- per­fek­tiviert wer­den: ich sah (dauer­haf­tes Sehen) versus ich ge­sah ich er­blick­te, ich saß versus ich ge­saß (heute: setz­te mich).

So dichtet Walter von der Vogelweide:

Ich saz ūf einem grüenen lē
dā entsprungen bluomen unde klē
zwischen mir und jenem sē
der ougenweide was dā mē
dā wir schapel brāchen ē
dā līt nū rīfe und ouch der snē
daz tuot den vogellīnen wē

Übersetzung: Ich saß auf einem grünen Hügel, wo Blumen und Klee sproßen, zwischen mir uns dem See. Der Au­gen­weide gab es noch viel mehr, wo wir einst Blu­men­krän­ze mach­ten, wo jetzt Reif und Schnee liegt. Das tut den Vögel­lein weh.

Dieses Sitzen verstehen wir auf Anhieb. Nicht jedoch das hier:

Dō der sumer komen was
und die bluomen dur daz gras
wünneclichen sprungen
aldā die vogele sungen
dō kom ich gegangen
an einen anger langen
dā ein lūter brunne entspranc
vor dem walde was sin ganc,
dā diu nahtegale sanc
Bī dem brunnen stuont ein boum
gesach ich einen troum:
ich was von der sunnen
entwichen zuo dem brunnen
daz diu linde maere
mir küelen schaten bære
Bī dem brunnen ich gesaz
mīner sorgen ich vergaz
schier entslief ich umbe daz.

Übersetzung: Als der Sommer da war und die Blumen wonnig­lich durch das Gras spros­sen, über­all san­gen die Vögel. Da kam ich ge­gan­gen an einen lan­gen An­ger, wo ein klarer Bach ent­sprang. Vor dem Wal­de ver­lief er, wo die Nach­ti­gall sang. — Bei dem Bach stand ein Baum, da ge­sah (= er­blick­te) ich einen Traum: Ich war aus der pral­len Son­ne ge­gan­gen, hin zu dem Bach, damit mit die be­sagte Lin­de küh­len Schat­ten spen­de. Bei dem Bach gesaß ich (= setz­te ich mich), ver­gaß meine Sor­gen und ­schlief dabei so­gleich ein.

Hier unterscheidet sich das Mittelhoch­deut­sche deut­lich von un­se­rem Deutsch: Man ge­saß, wo man sich heu­te setzt. Man gesah, wo man heute er­blickt.

Dieses System ist aber kein Merk­mal des höfi­schen Mit­tel­hoch­deut­schen; es reicht weit in die Ver­gan­gen­heit der deut­schen Spra­che zu­rück. Man fin­det es auch im äl­te­sten Deutsch:

Sō mi thes uundar thunkit huuō it sō giuuordan mugi
sō thu mid thīnun uuodun gisprikis

Übersetzung: So dünkt es mich wunder, wie es so wer­den möge, wie du es mit dei­nen Wor­ten ge-sprichst (= aus­sprichst).

Dies ging in allen Tempora, von denen es damals nur zwei gab: Präsens und Prä­te­ri­tum. Per­fek­ti­vier­te Prä­sens­for­men ha­ben Zu­kunfts­be­deu­tung, weil sie ja ge­sagt wer­den, wäh­rend der Vor­gang sich voll­zieht. Dabei muß das Re­sul­tat am Ende zwangs­läu­fig in der Zu­kunft lie­gen.

Aus dem Nibelungenlied:

Sīt mir vrou Kriemhilt nimmer wirdet holt
sō muoz ouch hie belīben daz Sīfrides golt.
Zwiu sold ich mīnen fīnden lān sō michel guot
Ich weiz vil wol, waz Kriemhilt mit disem schatze getuot.

Übersetzung: Da mir Frau Kriemhilt ohnehin nie mehr holt wer­den wird, deshalb muß auch Sigfrieds Gold hier­blei­ben. Wozu soll­te ich mei­nen Fei­nden ein so gro­ßes Ver­mögen lei­hen? Ich weiß ganz genau, was Kriem­hilt damit an­stel­len wird (damit vor­hat, damit tun wird).

Das Per­fekt ist das Gegenteil zum Präfix ge-: Es imper­fek­tiviert per­fek­tive Verben und ist deshalb nur bei solchen Ver­ben mög­lich. Grund­sätz­lich können per­fek­tivierte Ver­ben nur unter einer Be­din­gung imper­fek­tiviert wer­den: Der Vor­gang selbst muß zu­rück­lie­gen, also voll­en­det sein. Das Re­sultat gilt da­gegen in der Nicht­ver­gan­genheit:

  • Ich habe die englische Spra­che erlernt.

Hier ist der Vorgang des Erlernens vollbracht. Das Per­fekt sagt als Tem­pus der Nichtver­gan­genheit, daß man die eng­lische Spra­che jetzt oder grund­sätz­lich be­herrscht.

Viele Grammatiken und Sprachratgeber wie Wolf Schneider bringen bedauerlicherweise ein Pseudo­per­fekt als Bei­spiel. Ein unechtes Per­fekt liegt vor, wenn Vorgang und Resultat lexikalisch nicht identisch sind:

  • Er spricht fließend englisch. Kein Wunder, denn er hat zehn Jahre in London gelebt.

Sachlich ist dagegen nichts einzuwenden: Wer zehn Jahre in London lebt, lernt be­stimmt Englisch. Lexi­ka­lisch ist das Be­herr­schen der eng­lischen Spra­che jedoch nicht das Er­geb­nis des Le­bens identisch (ande­res Wort).

Das Beispiel ist kein Bei­spiel für das Per­fekt. Denn es kann auch das Prä­sens be­grün­den. Lebt man noch in Lon­don, heißt es:

  • Er spricht fließend englisch. Kein Wunder, denn er lebt seit zehn Jahren in London.

Das Per­fekt im ersten Fall ist also in Wahrheit kein Schriftperfekt, son­dern ein ein­ge­schlepp­tes Per­fekt aus dem ge­spro­chenen Deutsch. Denn nur in ge­spro­che­nem Deutsch ist das Per­fekt wie in die­sem Bei­spiel ein Ver­gan­gen­heits­tem­pus. Genau das ist das Schrift­per­fekt je­doch nicht: Es schil­dert einen Zu­stand als im­per­fek­ti­ve Hand­lung in der Gegen­wart.

Deut­sches Per­fekt und englisches pre­sent per­fect

WWorin unterscheidet sich das Per­fekt im Deut­schen vom pre­sent per­fect im Englischen?

Oft heißt es, das Englische wäre bei der Verwendung der Zei­ten sorg­fäl­ti­ger oder prä­ziser als das Deut­sche. Wie oben ge­zeigt wurde, ist diese An­nahme falsch. Die Zei­ten sind in den beiden Spra­chen unter­schied­lich de­fi­niert.

Einzig das Per­fekt in nichtli­te­ra­rischen Tex­ten läßt sich mit dem pre­sent per­fect ver­glei­chen.

Im Englischen kann jedes Verb das pre­sent per­fect bil­den:

Bei per­fek­tiven Verben wurde das Ergebnis der Hand­lung in der Ver­gan­gen­heit erreicht, und das pre­sent per­fect be­rich­tet dar­über, daß die­ses Er­geb­nis in der Gegen­wart oder grund­sätz­lich gilt:

  • I have finished my homework.
    Now, I am going to eat a sandwich.

Dieser Gebrauch entspricht dem deutschen Per­fekt in nichtli­te­ra­rischen Texten.

Darüber hinaus können im Englischen auch imper­fek­tive Ver­ben ein pre­sent per­fect bil­den:

  • I have always liked Jennifer.
  • I have lived in London for ten years.

Imper­fek­tive Verben münden in kein Ergebnis. Da das pre­sent per­fect aber grund­sätzl­ich nur von der Nichtver­gan­genheit spricht, bedeutet es bei diesen Verben, daß die Hand­lung zum Zeit­punkt des Spre­chens noch an­dau­ert.

Dies kann das Per­fekt des Deut­schen in keiner der drei Sprech­gat­tun­gen aus­drücken. Hier ver­wen­det das Deut­sche das Prä­sens:

  • Ich mag Jennifer seit jeher.
  • Ich lebe seit zehn Jahren in London.

Das oben gezeigte Pseudoperfekt ergibt sich nur aus der Konstruktion zweier Sätze mit ver­schie­de­nen Ver­ben:

  • Er spricht fließend englisch. Kein Wunder, denn er lebt seit zehn Jahren in London.

Oder als Dialog:

  • A: Woher kannst du so gut Englisch?
  • B: Ich habe zehn Jahre in London gelebt.

Die Annahme, das Per­fekt in diesem Beispiel wäre ein echtes deutsches Schrift­per­fekt, ist ein An­gli­zis­mus. Es ist ein münd­liches Per­fekt.

Der Grund für diesen Unterschied ist darin zu suchen, daß das Eng­li­sche das Per­fek­tiv­prä­fix ge- schon im frü­hen Mit­tel­alter ab­ge­sto­ßen hat. Das Sys­tem mit zu­sam­men­ge­setzten Zei­ten hat sich zu einer Zeit eta­bliert, als das Deut­sche noch mit dem Prä­fix ge- operiert hat.

Entstehung des Per­fekts

WWie ist das Per­fekt entstanden? Warum bildet man es einmal mit dem Hilfsverb haben, ein andermal mit sein?

Vom Urgermanischen zum Deut­schen

Das Urgermanische kannte kein Per­fekt. Das Per­fekt der ger­mani­schen Spra­chen ist also nicht mit dem Per­fekt der anderen Zweige der indo­ger­mani­schen Sprach­gruppe ver­wandt, zum Bei­spiel dem nicht­zu­sam­men­ge­setzten Per­fekt im La­tei­ni­schen, im Grie­chi­schen oder im Alt­indi­schen. Tat­säch­lich ist das indo­ger­mani­sche Per­fekt der Vor­läu­fer des ger­mani­schen Prä­te­ri­tums. Zu­dem hat sich das Ger­mani­sche in seine Ein­zel­spra­chen auf­ge­teilt, be­vor das Per­fekt ent­stand. Das zeigt das Goti­sche als die am frü­he­sten be­leg­te Spra­che des Ger­mani­schen (4. Jahr­hun­dert nach Chri­stus), wo es kein Per­fekt gibt.

Das urgermanische Tem­pussystem bestand aus dem Prä­te­ri­tum für Vergangenes und dem Präsens als Gegenmenge, die Gegen­wärti­ges, Fak­ti­sches, Immer­gül­ti­ges und Zeit­un­ab­hän­giges (Gnomisches) sowie Zu­künf­ti­ges um­faß­te.

Entwicklung des Perfekts

Das zu­sam­men­ge­setzte Per­fekt entstand aus einer Kon­struk­tion, die zu­nächst einen ganz ande­ren Sinn hat­te. Die erste Stufe be­stand aus Sät­zen wie die­sen:

  • Ich habe einen großen Baum.
  • Ich habe einen gepflanzten Baum.

Haben ist hier kein Hilfsverb, sondern ein Vollverb, das be­sit­zen be­deu­tet. Des­halb hat man auch lan­ge das Ver­bum eigen ver­wen­det. Das Objekt des Be­sit­zens ist der Baum. Er hat ein Ad­jek­tiv­attri­but, aber kein nor­males Ad­jek­tiv, sondern ein Partizip. Par­ti­zi­pien sind Ad­jek­tive und keine Ver­bal­for­men, wie oft in ger­manisti­schen Gram­mati­ken be­haup­tet. Das ist so­wohl syn­tak­tisch als auch sprach­geschicht­lich falsch.

In der zweiten Stufe wurde schlicht die Rei­hen­folge der Wör­ter ver­tauscht, ohne daß sich die Be­deu­tung des Satzes zu­nächst ver­ändert hätte:

  • Ich habe einen Baum gepflanzten.

Das Attribut steht jetzt jedoch an letzter Stelle im Satz. Diese Stelle ist pro­mi­nent. In ande­ren Sätzen steht hier das Prä­di­kat:

  • Der Baum ist groß.

So wurde das Par­ti­zip umge­deu­tet. Aus einem At­tri­but wurde ein Prä­dikat. Von hier an wird aus dem Voll­verb haben/eigen ein Hilfs­verb. Der Baum ist nun nicht mehr Ob­jekt zu haben, son­dern Ob­jekt zu dem Verb, das im Par­ti­zip steckt: einen Baum pflan­zen.

Diese Stufe erreicht das Deut­sche in althoch­deut­scher Zeit. Wegen der Ent­ste­hung konn­ten zunächst nur tran­si­tive Ver­ben ver­wen­det wer­den, denn ohne Ob­jekt ist die Kon­struk­tion nicht mög­lich, wie die­ses Bei­spiel von Ot­fried von Weißenburg zeigt: Otfried lebte im 9. Jahr­hun­dert und ist der äl­te­ste Dich­ter deut­scher Spra­che, der uns mit Na­men be­kannt ist.

  • thaz eigut ir gihorit
  • das habt ihr gehört

Das Niederdeutsche im Norden begann früher als das Hoch­deut­sche im Sü­den, auch in­tran­si­tive Ver­ben zu­zu­las­sen. So liest man im Heli­and: Heliand ist der Name ei­nes der gro­ßen Epen in deut­scher Spra­che. Die­se Spra­che ist Alt­säch­sisch (ver­glei­che das heu­tige Bun­des­land Nie­der­sach­sen), der größ­te Dia­lekt des Alt­nie­der­deut­schen. Der Heli­and er­zählt vom Le­ben Jesu und ge­hört sprach­lich bis heu­te zum Vor­züg­lich­sten, was die deut­sche Spra­che zu bie­ten hat.

  • sie habde ira drohtine wel gethionod
  • sie hatten ihrem Herrn wohl gedient

Dienen ist ein intran­si­tives Verb. Es hat kein Ob­jekt (Akku­sativ), sondern ein Ad­ver­bia­le im Da­tiv droh­tine.

Das Hochdeut­sche erreicht diese Stufe erst im späteren Althoch­deut­schen. Dort schreibt Notker: Notker ist ein be­kann­ter alt­hoch­deut­scher Dich­ter. Der Bene­dik­tiner­mönch leb­te um die Jahr­tau­send­wende her­um(950 bis 1022).

  • habe ih keweinōt; wir eigen gesundōt
  • ihr habt geweint; wir sind gesund geworden

Das Hoch­deut­sche, das später die Spra­che aller Deut­schen wer­den soll­te, zö­ger­te je­doch lan­ge, per­fek­tive intran­si­tive Ver­ben zu­zu­las­sen und ver­wen­dete für sie eine andere Kon­struk­tion: Statt ich habe ge­fal­len ver­wen­de­te man er ist ein Ge­fal­le­ner, woraus er ist ge­fal­len wurde. Hochdeutsch sind die süd- und mit­tel­deut­schen Dia­lekte, die die zweite Laut­ver­schie­bung durchgeführt haben. Das Hoch­deutsche trifft im Norden an der Ben­rather Linie auf das Nieder­deutsche. Dazu zählen Dia­lekte, die die zweite Laut­ver­schie­bung nicht durch­geführt haben, zum Bei­spiel Nieder­säch­sisch und Fälisch.
Das deutsche Sprachgebiet besteht aus dem Hochdeutschen im Süden und dem Niederdeutschen im Norden.

Dieses Zögern ist der Grund, warum im heutigen Per­fekt zwei ganz ver­schie­dene Kon­struk­tionen stecken und einige Ver­ben das Hilfs­verb sein ver­wen­den.

In anderen germanischen Spra­chen wurde nicht gezögert. Deshalb wird das Per­fekt im Eng­li­schen, Schwe­di­schen, Is­län­di­schen usw. im­mer mit haben ge­bil­det:

  • Englisch: I have come.
  • Schwedisch: Jag har kommit.
  • Isländisch: Ég hef komið.

Per­fekt mit haben oder sein

IIm Deut­schen gilt ein scharfes Sys­tem, das Aus­län­dern nicht so leicht zu­gäng­lich ist. Man sagt:

  • Nach all dem Bier habe ich ziemlich gewankt.
  • Ich bin nach Hause gewankt.

Oder:

  • Ich habe heute morgen geschwommen/gesegelt.
  • Ich bin zum anderen Ufer des Sees geschwom­men. Ich bin zur In­sel ge­segelt.

Oder:

  • Peter hat für Johanna geschwärmt.
  • Die Polizisten sind ausgeschwärmt.

Nur wenn das Verb intran­si­tive, per­fek­tive Bedeutung hat, wird sein als Hilfsverb ver­wen­det. Dies be­trifft vor al­lem Ver­ben der Be­we­gung (verba movendi).

Wanken und dergleichen bil­den also das Per­fekt mit haben, wenn der Vor­gang imper­fek­tiv ist: Man wankt hin und her, ohne daß am Ende ein Re­sul­tat er­reicht wird. Der Vor­gang ist in allen Pha­sen der­selbe. Wan­ken ist per­fek­tiv, wenn es die Be­we­gung zu einem Ziel ist. Schwim­men ist imper­fek­tiv, wenn man her­um­schwimmt, aber per­fek­tiv, wenn man zu einem Ziel schwimmt. Das Schwär­men für einen ande­ren endet, wie es begonnen hat (jeden­falls gram­ma­ti­ka­lisch). Beim Aus­schwär­men ist man zu Be­ginn an einem Punkt ver­sam­melt und am Ende in der Ge­gend ver­teilt.

Aber auch andere Verben bilden das Perfekt mit sein, wenn die perfektiv sind:

  • Imperfektiv: Die Blume hat geblüht.
  • Perfektiv: Petra ist richtig aufgeblüht.

Diese Vorgänge sind per­fek­tiv, wenn man sie als Fort­bewe­gung be­nutzt, um ein Ziel zu er­rei­chen. Dann bil­den sie das Per­fekt mit sein.

Zudem muß der Vorgang aber auch intran­si­tiv sein, was die Menge der Ver­ben er­heb­lich ein­schränkt. Denn bei tran­si­ti­ven Ver­ben bil­det das Hilfs­verb sein mit dem Par­ti­zip das Pas­siv. Nicht nur das, die Par­ti­zipien tran­si­ti­ver Ver­ben haben auch als At­tri­but pas­si­vi­sche Be­deu­tung:

  • Die umschwärmte Frau, der gefällte Baum, das erbaute Haus.

Ver­ben wie erblicken, erkennen, vergessen, ver­nich­ten, ein­schlä­fern sind per­fek­tiv. Da sie aber tran­si­tiv sind, bil­den sie das Per­fekt mit ha­ben. Mit sein bil­den sie das Pas­siv.

Ver­ben wie gehen, reisen, sterben sind auch per­fek­tiv. Da sie in­tran­si­tiv sind, bil­den sie das Per­fekt mit sein. Ein Pas­siv kön­nen sie nicht bil­den. Jeden­falls kein Zu­stands­pas­siv mit sein. Ein Vor­gangs­pas­siv mit wer­den können sie mit einem Au­gen­zwin­kern bil­den:

  • Der Ministerpräsident wurde gegangen.

Verben mit Per­fekt mit sein

Einheitlich bilden alle Verben der Fort­bewe­gung und räum­lichen Ver­ände­rung das Per­fekt mit dem Hilfs­verb sein:

  • abbiegen: Das Auto ist rechts ab­ge­bo­gen.
  • gehen: Er ist in die Schule ge­gan­gen.
  • laufen: Er ist als erster ins Ziel gelau­fen.
  • rennen: Sie ist weggerannt.
  • rinnen: Das Wasser ist über das Ufer geron­nen.
  • schreiten: Das Brautpaar ist zum Altar geschrit­ten.
  • springen: Sie ist über den Zaun gesprun­gen. Aber auch: Die Schüs­sel ist ge­sprun­gen.
  • steigen: Er ist auf die Leiter gestiegen. Die Tem­pera­tu­ren sind deut­lich ge­stie­gen.
  • weichen: Der Feind ist gewichen.
  • gleiten: Er ist übers Eis geglit­ten.
  • fließen: Der Fluß ist ins Tal geflos­sen.

Zu dieser Gruppe gehört auch reisen, obwohl es im­per­fek­tiv ist: Er ist durch ganz Eu­ro­pa ge­reist.

Einige Verben können eine Bewegung ausdrücken oder auch nicht. In je­nem Fall bil­den sie das Per­fekt mit sein:

  • schießen: Schorsch hat auf einen Saupreu­ßen geschos­sen. Der Hackl Schorsch ist auf dem Schlit­ten über die Zeil­linie ge­schos­sen. Die Ver­mutun­gen sind ins Kraut ge­schos­sen. Die Ra­ke­te ist zum Him­mel ge­schos­sen.
  • schleichen: Er hat sich von hinten angeschli­chen. Er ist durch den Gar­ten ge­schli­chen.
  • schwimmen: Er hat am Morgen eine Stunde lang geschwom­men. Er ist hin­über zum an­de­ren Ufer ge­schwom­men.
  • segeln: Er hat in seiner Jugend gesegelt. Er ist zur Insel ge­segelt.
  • streben: Er hat in der Schule eifrig gestrebt. Er ist zum Gi­pfel gestrebt.
  • stoßen: Ich habe ihn in den Abgrund gesto­ßen. Ich bin zu den an­de­ren gesto­ßen.
  • treten: Ich habe ihn in den Hintern getre­ten. Ich bin in eine Pfüt­ze getre­ten.
  • wanken: Nach dem dritten Bier hat er ge­wankt. Ich bin be­trun­ken nach Hau­se gewankt.
  • schwärmen: Ute hat für die Beatles ge­schwärmt. Die Hum­meln sind ausge­schwärmt.

Echte intransitive Perfektiva bilden das Perfekt mit dem Hilfs­verb sein:

  • sprießen: Die Blumen sind gespros­sen.
  • werden: Ich bin krank geworden.
  • kommen: Nun ist er ins Haus gekom­men.
  • schwinden: Die Gewinne sind geschwun­den.
  • sterben: Er ist gestorben.
  • wachsen und erwachsen: Der Baum ist in die­sem Som­mer stark ge­wach­sen. Er ist jetzt er­wach­sen. Er ist sei­nem Um­feld ent­wach­sen.

Ebenso machen es Verben, die mit einem Präfix perfekti­viert sind. Sie müs­sen in­tran­si­tiv sein.

  • ersaufen: Ralf ist im Rhein ersoffen. Aber: Da­vor hat­te er in jedem Lo­kal der Düs­sel­dor­fer Alt­stadt ein Alt gesof­fen.
  • einschlafen, erwachen und aufwachen: Ich bin erst nach Mit­ter­nacht ein­ge­schla­fen, aber dann habe ich bis zum Mor­gen ge­schla­fen. Ich bin beim er­sten Son­nen­strahl er­wacht/auf­ge­wacht. Der Sol­dat hat die gan­ze Nacht ge­wacht.
  • gedeihen: Die Sache ist weit gedie­hen.
  • gelingen und mißlingen: Der Plan ist ge­lun­gen/miß­lun­gen.
  • gerinnen: Die Milch ist geron­nen.
  • verderben: Die Pornografie hat uns verdorben. Die Milch ist verdor­ben.
  • verlieren: Wir sind verloren. Ich habe meinen Schlüs­sel ver­lo­ren.
  • erlöschen und verlöschen: Das Licht ist erloschen. Unsere Hoff­nung ist ver­loschen. Aber: Ich habe das Licht ge­löscht.
  • erbleichen: Er ist bei ihrem Anblick erbli­chen (sie­he auch un­ten).

Zu dieser Gruppe gehört auch das Verbum bleiben. Das Per­fekt ist ge­blie­ben ver­wun­dert einen, da Blei­ben ja eine aus­ge­spro­chen nicht­per­fek­tive Hand­lung ist. Histo­risch ist blei­ben je­doch eine Ver­kür­zung aus be-leib-en, wo­bei der Wort­stamm kle­ben be­deu­tet (da­her kle­ben blei­ben).

Einige Verben treten sowohl als verba movendi als auch als tran­si­ti­ve oder in­tran­si­ti­ve Ver­ben ohne räum­liche Ver­ände­rung auf. Hier bil­den sie das Per­fekt mit ha­ben, dort mit sein:

  • ziehen: Die Lok hat den Wagon aufs Abstellgleis gezogen. Er hat an der Pfei­fe ge­zo­gen. Jo­han­nes ist nach Frank­furt ge­zo­gen.
  • fliegen und auffliegen: Er ist nach Berlin geflo­gen. Er hat mich in den Dschun­gel ge­flo­gen. Die Krä­hen sind zum Him­mel auf­ge­flo­gen. Die Ver­schwö­rung ist auf­ge­flo­gen.
  • fahren: Er ist im Zug nach Köln gefahren. Jürgen hat einen Mer­ce­des ge­fah­ren.
  • gären: Der Wein hat lange gegoren. Er hat Trau­ben zu Wein ge­go­ren.
  • dringen: Er hat auf schärfere Maßnahmen ge­drun­gen. Der Ein­bre­cher ist in den Gar­ten ein­ge­drun­gen. Sein Kör­per ist ge­drun­gen.
  • treiben: Die Baumstämme sind auf dem Fluß hinabgetrieben. Seine Frau hat ihn ins Verderben ge­trie­ben. Petra und Knut haben es die ganze Nacht ge­trie­ben.

Nicht dazu gehört ist geboren (Passiv). Gebä­ren ist ein Tran­si­ti­vum: Sie hat ein Kind ge­bo­ren. Das Kind wur­de am frü­hen Mor­gen ge­bo­ren. Er ist in Ham­burg ge­bo­ren. In der Be­deu­tung sich gebärden, sich be­tra­gen, zum Bei­spiel: er ge­bärt sich schlecht, ver­wen­det man heu­te eher die Ab­lei­tung sich ge­bär­den: er hat sich schlecht ge­bär­det.

Das Perfekt unterscheidet stark gebeugte in­transi­tive Per­fek­tiva von schwa­chen Tran­si­ti­va und star­ken In­transi­tiva. Hier ist der In­fini­tiv gleich, das Par­ti­zip des In­transi­tivums jedoch stark, das des Transi­ti­vums schwach:

Er ist oder er hat gelegen?

FFür Muttersprachler ist es kein Problem, das richtige Hilfsverb zu fin­den. Nur bei drei Ver­ben versagt das Sprachgefühl: Heißt es richtig er ist gelegen oder er hat gelegen, er ist gesessen oder er hat gesessen, er ist gestanden oder er hat gestanden?

Beide Bildungen sind richtig. Und beide sind mundartlich.

In der Zeit, als das Hoch­deut­sche allein von den Deut­schen im Sü­den, den Schwei­zern und Öster­rei­chern ge­spro­chen wurde, konn­ten die Ver­ben sitzen, stehen, liegen per­fek­tiv und imper­fek­tiv gebraucht wer­den. Mit der Vor­sil­be ge- waren sie per­fek­tiv, oh­ne da­ge­gen im­per­fek­tiv: Hoch­deutsch im Sü­den (wei­ter un­ter­teilt in Mit­tel­deutsch, das vor al­lem Frän­kisch und Ober­säch­sisch ist, und Ober­deutsch, be­ste­hend aus dem Bai­ri­schen und dem Ale­man­ni­schen), Nie­der­deutsch im Nor­den:
Das deutsche Sprachgebiet besteht aus dem Hochdeutschen im Süden und dem Niederdeutschen im Norden.
So ist es bis heu­te in der Mund­art. In ge­ho­be­ner ge­spro­che­ner Spra­che und im Schrift­deut­schen ist das Hoch­deut­sche des Sü­dens aber mitt­ler­wei­le die Stan­dard­spra­che al­ler Deut­schen.

  • Ich gesaß mich auf einen Hügel.
  • Ich saß auf einem Hügel.

Heute sind sie stets imper­fek­tiv. Die per­fek­tive Bedeutung wird durch neue Ver­ben ausgedrückt, die es damals noch nicht gab: ich setze mich, ich lege mich, ich stelle mich.

Diese Ver­ben sind reflexiv, also tran­si­tiv. Damit bil­den sie sys­te­ma­tisch das Per­fekt mit haben. Sys­tematisch ja, aber nicht historisch. Zu Be­ginn der Neu­zeit muß­ten sich die Kern­hoch­deut­schen entscheiden, ob sie die­se Ver­ben als grund­sätz­lich per­fek­tiv oder imper­fek­tiv deuteten. Sie entschieden sich für per­fek­tiv.

Als später auch die Menschen in Norddeutschland das Hoch­deut­sche über­nah­men, haben sie diese Ent­schei­dung nicht mehr ver­stan­den, da die zwei­ge­teil­te Kon­juga­tion be­reits ab­ge­schafft war. Sie bildeten das Per­fekt daher systematisch mit haben.

So wird das Per­fekt dieser Ver­ben auch heute noch im Süden mit sein, im Norden mit haben gebildet. Keine dieser Bildungen ist richtiger oder besser als die andere. Es besteht auch keine Not, eine Form zum Standard für alle Deutschsprecher zu machen.

Dies versuchen gerade Sprachratgeberbücher. Da die Ver­fas­ser alle­samt aus dem Nor­den stam­men, wol­len sie ihren Le­sern natür­lich die nord­deut­sche Vari­ante als Stan­dard ver­kau­fen. Die Ver­fas­ser haben eine wei­tere Ge­mein­sam­keit: Keiner von ihnen be­sitzt tie­fere Ein­sich­ten in Gram­ma­tik und Sprach­geschich­te.

Sprachwissenschaftlich die einzige gültige Regel ist jedoch: Wer aus dem Sü­den kommt, bil­det das Per­fekt mit sein, wer aus dem Nor­den kommt, mit ha­ben. Aber auch eine per­sön­liche Prä­fe­renz ist in Ord­nung: Wer aus dem Sü­den kommt, es aber lie­ber sys­te­ma­tisch mag, sagt hat geses­sen. Wer aus Ham­burg stammt und gerne Leder­hosen trägt, sagt bin ge­le­gen.

Weg zum heutigen Per­fekt

WWie alle Menschen aus den katholischen Gefilden Europas haben die süddeutschen Sprecher das Per­fekt zum Ver­gan­gen­heits­tem­pus der ge­spro­chenen Spra­che gemacht. Vorbild dürfte das La­tei­ni­sche ge­we­sen sein. Zudem bietet das Per­fekt gewisse Vorteile: Die Ver­gan­gen­heit ist zu­sam­men­ge­setzt, während die Nicht­ver­gan­gen­heit (Prä­sens) nicht zu­sam­men­ge­setzt ist. Das bie­tet einen gu­ten Kon­trast. Zu­dem ist das Per­fekt länger als Prä­te­ri­tum und ver­schafft dem Spre­cher Zeit zu über­legen, was er als nächstes sa­gen wird.

Die Menschen in Norddeutschland haben je­doch zu­nächst das ger­mani­sche Sys­tem bei­be­hal­ten. Bei ihnen blieb das Prä­te­ri­tum die Form der Ver­gan­gen­heit. So ist es auch im Eng­li­schen (simple past) und in den skan­dina­vi­schen Spra­chen. Erst in den letz­ten Jahr­zehn­ten kol­li­dier­ten die beiden Sys­teme zum erstenmal durch die Mas­sen­kom­mu­ni­ka­tion. Das führte dazu, daß sich das Sys­tem des Sü­dens heu­te als Stan­dard durch­gesetzt hat.

Norddeutsche sollten sich davon nicht beirren lassen und das nie­der­deut­sche Tem­pus­system pfle­gen.

Prä­te­ri­tum oder Imperfekt?

WWarum gibt es für die einfache Ver­gan­gen­heit zwei Namen: Imperfekt und Prä­te­ri­tum?

Das Lateinische erzählt im Per­fekt. Wenn erst das eine ge­tan wird, da­nach das nächste, dann steht im Latei­ni­schen das Per­fekt. Es schil­dert die Voll­en­dung von Hand­lun­gen. Da­gegen ver­wen­det man das Im­per­fekt für un­voll­ende­te Hand­lun­gen:

  • Marcus librum legebat, tum Claudia intravit.
  • Marcus war gerade dabei, ein Buch zu lesen, da kam Claudia herein.

Das Imperfekt zeigt also Unvollendetes, Andauerndes oder auch den ständigen Versuch, etwas zu voll­brin­gen im­per­fec­tum de cona­tu.

So bil­den die Bezeichnungen Per­fekt und Imperfekt das Lateinische Tem­pus­sys­tem kor­rekt ab.

Das deutsche Prä­te­ri­tum ist jedoch kein Imperfekt. Es ist ja das Tem­pus für Ver­gan­ge­nes. Was ver­gan­gen ist, ist ab­ge­schlos­sen. Des­halb hat man für das Ger­mani­sche die Be­zeich­nung Prä­te­ri­tum (wört­lich: Ver­gange­nes) ge­schaf­fen.