Gänsefüßchen Guillemets
Sobald man sich entschieden hat, etwas in Anführungszeichen zu setzen und damit auszuzeichnen, sollte man darauf achten, die richtigen Zeichen zu verwenden. Doch welche sind die richtigen: „Guten Morgen!“, »Guten Tag!«, «Guten Abend!» oder gar "Gute Nacht!"?
Wie beim kursiven Auszeichnen sind zudem Regeln zu beachten, wenn Anführungszeichen auf andere Satzzeichen treffen.
Typografie der Gänsefüßchen
In der Druckersprache hielt man sich lange an das Lateinische; noch heute sind Ausdrücke wie deleatur
(dies werde gelöscht) oder Pagina (Numerierung der Seiten) in Gebrauch. So sprachen die Drucker lange Zeit lateinisch vom signum citationis
, bis sich die deutsche Bezeichnung Gänsefüßchen einbürgerte. Sie rührt daher, daß die Glyphen an den Abdruck eines Gänsefußes im Lehm oder Schnee erinnern.
In der deutschen Orthotypographie, die ein Teil der Rechtschreibung ist, sind drei Anführungsformen zulässig: die klassischen Gänsefüßchen („…“) sowie zweierlei Arten der Guillemets (»…« und «…»).
Erstaunlicherweise haben die Gänsefüßchen
genannten deutschen Anführungszeichen aber gar keine Ähnlichkeit mit dem Fußabdruck einer Gans – dafür aber die nachfolgend besprochenen Guillemets
, die man gewöhnlich nicht Gänsefüßchen nennt. Oft wird der Begriff sogar als Gegenteil von Gänsefüßchen gebraucht.
Deutsche Gänsefüßchen
Das öffnende Gänsefüßchen hat im Deutschen die Gestalt einer Doppelneun und sitzt auf der Grundlinie, das schließende sieht wie eine Doppelsechs aus und hängt an der Oberlinie: ₉₉…⁶⁶
Fremdländische Gänsefüßchen
In jeder Sprache findet man andere Gepflogenheiten:
- Englisch: ⁶⁶O, wilt thou leave me so unsatisfied?⁹⁹ — ⁶⁶What satisfaction canst thou have tonight?⁹⁹ — ⁶⁶The exchange of thy love’s faithful vow for mine.⁹⁹ — ⁶⁶I gave thee mine before thou didst request it: And yet I would it were to give again.⁹⁹
- Schwedisch: ⁹⁹Jag blir galen, det är för fan jävlar inte sant. Sa hon det?⁹⁹ — ⁹⁹Ja, precis innan jag stack.⁹⁹ — ⁹⁹Hon är ju för fan inte klok din morsa.⁹⁹ — ⁹⁹En dag stryper jag henne.⁹⁹ — ⁹⁹Ja, gör det.⁹⁹
- Spanisch: ⁶⁶¡Seremos como el Ché!⁹⁹
Beispiele für deutsche Gänsefüßchen in beliebten Druckschriftarten:
Klassische Gänsefüßchen werden im Buch- und Zeitungsschriftsatz allerdings vermieden. Dies hat zwei Gründe: Erstens ähneln die Gänsefüßchen anderen Satzzeichen wie dem Komma und dem Apostroph, was zu Verwechslung oder zu einer Ballung von Zeichen gleicher Form führen kann.
Noch wichtiger ist allerdings ein anderer Nachteil: Klassische Gänsefüßchen stören den Grauwert des Satzspiegels. Hält man ein Buch mit ausgestrecktem Arm von sich, dann vermischen sich das Weiß des Papiers und die Druckerschwärze zu einer gräulichen Fläche. Die Schriftsetzerei strebt nach einem gleichmäßigen Grau. Gänsefüßchen führen jedoch zu hellen Flecken, weil die Glyphen sehr klein sind und viel weiße Fläche darüber und darunter verursachen, was zu dem Eindruck ungleichmäßiger Wortabstände führt.
Guillemets
Deswegen bevorzugt man im Schriftsatz sogenannte Guillemets (sprich: gii-mee). Im Gegensatz zu Gänsefüßchen ähneln sie tatsächlich dem Fußabdruck einer Gans:
Der Name Guillemets wird meist als Hommage an den Schriftsetzer Guillaume le Bé gedeutet. Guillaume, hat die Glyphen zum erstenmal als Anführungszeichen verwendet.
In Deutschland setzt man Guillemets am liebsten mit einwärts gewandter Spitze. Dies bringt den Vorteil mit sich, daß man den Abstand zwischen dem Guillemet und dem benachbarten Buchstaben nicht händisch zurichten muß:
Daneben ist gelegentlich aber auch die Manier mit auswärts gewandten Spitzen anzutreffen. Hier wendet sich die Seite der Glyphe mit der vollen Höhe dem benachbarten Buchstaben zu. Der Setzer darf nicht zulassen, daß sich die Zeichen berühren oder zu nahe kommen. Deshalb bleibt diese Variante Fällen vorbehalten, wo größere Sorgfalt angewandt und damit Geld und Zeit in Kauf genommen werden.
In den romanischen Ländern und in der Schweiz ist dies die Standardform. In Frankreich, wo man es in der Typografie luftig mag, ist es üblich, die Guillemets durch ein ganzes Leerzeichen vom Nachbarzeichen abzusetzen:
- « L’État ? C’est moi ! »
Weil die Variante »…« in Deutschland beliebt und verbreitet ist, die Variante «…» dagegen in Frankreich, spricht man meist von deutschen und von französischen Guillemets. Gemeint ist damit aber nur, daß diese als à la manière française
, jene als à la manière allemande
gelten. Es bedeutet nicht, daß Guillemets mit auswärts gewandten Spitzen in der deutschen Typografie falsch oder fremdländisch wären. Alle drei Arten, die klassischen Gänsefüßchen und die beiden Guillemets-
Falsche Anführungszeichen
In der Typographie und in der Typophilie gilt alles andere als falsch. Dies betrifft vor allem das "Zollzeichen" (aliter Sekundenzeichen), aber auch noch andere ´´windschiefe´´ oder >>brachiale<< Nachahmungen echter Anführungszeichen.
Man bedenke aber, daß Zollzeichen über ein Jahrhundert lang im Alltag gang und gäbe waren. Die Schreibmaschine und anfänglich auch die Textverarbeitungsprogramme boten gar keine andere Möglichkeit als das Zollzeichen. Heutzutage gibt es jedoch keine Entschuldigung mehr, in gedruckten und ausgedruckten Dokumenten falsche Anführungszeichen zu verwenden. Wer allerdings das Schriftbild einer Schreibmaschine nachahmt oder Schreibmaschinenschriften wie die Courier verwendet, darf umgekehrt nichts anderes als Zollzeichen verwenden, wenn es nicht pussyhaft aussehen soll.
Anführungszeichen in HTML
In gutem, das heißt semantischem HTML-Markup werden überhaupt keine Anführungszeichen verwendet. Die Zitation wird durch ein Tag
wie das q-Tag, das cite-Tag oder das blockquote-
Diese strenge Trennung zwischen Inhalt und Darstellung halten gerade große Webseiten selten durch. Spiegel Online verwendet seit jeher Zollzeichen, Zeit Online hat seine guten Vorsätze mit Guillemets nicht konsistent durchgehalten und vor kurzem aufgegeben. FAZ.net verwendet korrekte deutsche Gänsefüßchen.
daß jedes einzelne Anführungszeichen in diesem Beispiel semiotisch und sprachlich falsch ist.
Das Problem liegt darin, daß hier Autoren in einer großen Redaktion Artikel in einem Schreibprogramm verfassen und mit Markup-Tags überfordert wären. Die fertigen Texte durchwandern dann ein Content-
Man sollte erwägen, ob sich das Zollzeichen im Internet nicht auch in Bezug auf Typografie und Lesbarkeit besser eignet als herkömmliche Anführungszeichen. Denn niemand liest Internettexte sorgfältig durch. Man scannt den Text in seiner vertikalen Ausdehnung und springt dabei von einem visuellen Anhaltspunkt zum nächsten. Hier kann der fleckige Grauwert, den das Zollzeichen mit sich bringt, eine Hilfe sein.
Anführungszeichen vor Initial
Wie man vorgeht, wenn ein Absatz zugleich mit einem Anführungszeichen als auch mit einem Initial beginnt, wird im Artikel zur über die Typografie der Kursivierung besprochen.
Anführungszeichen und Satzzeichen
Orthotypografisch gibt es eines zu beachten, wenn Anführungszeichen auf Satzzeichen treffen: Endet die wörtliche Rede mit einem Ausrufe- oder Fragezeichen, wird sie in der Reformschreibung durch ein Komma vom übergeordneten Satz abgetrennt, in der klassischen Rechtschreibung dagegen nicht:
Haben sie ihre Frau erwürgt?
, fragte der Kommissar.Das war ich nicht!
brüllte Kunze.
Heute ist es allgemein üblich, das Komma zu setzen. Wir möchten dennoch darauf hinweisen, daß wir die Idee der Rechtschreibreformatoren für fundamental falsch halten. Zunächst sei gesagt, daß der Primat der Zeichensetzung jahrhundertelang bei den Schriftsetzern lag, die früher weit mehr als Handwerker oder Indesign-User waren. Sie verstanden es, aus komplexen semiotischen und linguistischen Zusammenhängen einfache und konsistente Setzregeln zu schaffen.
Von dieser Bildung ist die Germanistische Linguistik, aus deren Milieu und Methodologie die Rechtschreibreform stammt, weit entfernt. Die Germanistische Linguistik ist der Teil der Germanistik, die sich mit Sprache beschäftigt. Seit das Setzerhandbuch vor einigen Jahrzehnten im Duden aufgegangen ist, bilden sich die Germanisten ein, professionelle Urteile über die Zeichensetzung abgeben zu können. Leider haben es die Schriftsetzer versäumt, die Germanisten darauf hinzuweisen, daß sie sich darin etwas vormachen.
Die Zeichensetzung des Deutschen ist das Resultat von jahrhundertelangem Wirken der Setzer. Und keinem anderen. Die Anhänger des Massenstudienfachs Germanistik haben leider weder die semiotische und pragma-
Das Fragezeichen und das Ausrufezeichen sind erweiterte Punkte. Sie erfüllen zunächst die syntaktische Aufgabe, die auch der Punkt erfüllt: das Beenden von Hauptsätzen. Deswegen enthalten die Glyphen einen Punkt als syntaktischen Unterbau:
und einem pragmatischen Oberbau, der die Intonation vorgibt.
Über dem Punkt steht beim Frage- und Ausrufezeichen ein Neuma, ein Wink, der darauf hinweist, wie der Satz zu betonen ist. Das ist der pragmatische Überbau.
Nach einem Punkt kann kein Komma stehen. Das gilt auch für das Frage- und Ausrufezeichen. Syntaktisch agieren sie wie Punkte. Beenden sie wörtliche Rede, das heißt werden sie von Anführungszeichen umschlossen, so ist die wörtliche Rede ein eingebetteter Hauptsatz. Nichts andres kann wörtliche Rede sein.
Ich komme gleich.
Ich komme gleich!
Wann soll ich kommen?
Wird die wörtliche Rede in einen anderen Hauptsatz eingebettet, bleiben das Frage- und das Ausrufezeichens in der klassischen Zeichensetzung wegen ihren unverzichtbaren Neumas erhalten.
Ich komme gleich!
rief er.Wann soll ich kommen?
fragte er.
Der Punkt dagegen erfüllt nur syntaktische Funktionen und verschwindet, weil die eingebettete wörtliche Rede syntaktisch das Objekt des übergeordneten Hauptsatzes ist. Da das Objekt ein Objektsatz ist, muß er vom Hauptsatz durch Komma abgetrennt werden.
Ich komme gleich
, sagte er.
Das ist zugegebenermaßen kompliziert. Aber die Setzer früherer Jahrhunderte müssen diese Gedanken genau so gedacht haben, da die Setzregeln anders nicht zu erklären sind. Daß diese Regeln den Punkt streichen, stattdessen außerhalb der Anführungszeichen ein Komma setzen, genau das aber bei Frage- und Ausrufezeichen nicht tun, ist semiotisch genial und aufs äußerste antiredundant. Keine einzige Information wird zweimal gegeben. Antiredundanz war in den letzten Jahrhunderten die oberste Maxime der deutschen Zeichensetzung. All das war das Werk der Setzer.
Die germanistischen Reformatoren haben dies nicht im Ansatz verstanden und festgelegt, daß überall ein Komma auf die Anführung folgt:
Ich komme gleich!
, rief er.Wann soll ich kommen?
, fragte er.
Das ist mindestens mehrfach redundant, wenn nicht gar kontraikonisch: Erstens kann nach einem Fragezeichen kein Komma stehen, solange das Fragezeichen einen Punkt enthält. Zweitens kann das Komma dem Leser keine Information mitteilen, die ihm nicht auch der Umstände verriete, daß das folgende Wort fragte
kleingeschrieben wird.
Das ist mehr als ein dümmliches Ärgernis: Die reformierte Kommasetzung verstößt gegen die Grundmaximen der Zeichensetzung. Sie verändert das Wesen der Zeichen, ohne es zu bemerken.