Kurzanleitung: Wohlgesinnt
Nur die Variante
wohlgesinnt
ist historisch richtig, wohlgesonnen
dagegen unhistorisch erst vor kurzem durch eine falsche Verknüpfung zum Verbum sinnen
entstanden.
Tatsächlich sind das mittelhochdeutsche gesinnet
und das neuzeitliche wohlgesinnt
direkt als perfektives Adjektiv vom Substantiv Sinn
abgeleitet, so wie auch das Adjektiv gesittet
nicht das Partizip zu einem nichtexistierenden Verbum sitten
ist, sondern vom Substantiv Sitte
abgeleitet ist.
Auch wenn wohlgesonnen
unhistorisch und durch falsche Analogie entstanden ist, ist es gegenwartssprachlich korrekt.
Sinn
≠ sinnen
Das Althochdeutsche und auch das Mittelhochdeutsche kennen zwei Substantive, die einander ähneln, aber in Herkunft und Bedeutung nichts miteinander zu tun haben:
- 1.
sin
Sinn, Wahrnehmung
- 2.
sind
Weg
Das erste Substantiv ist der Vorläufer unseres heutigen Sinns
, aber noch ganz auf die Wahrnehmung äußerer Sinneseindrücke beschränkt. Dieses Substantiv hat bis in die späte Neuzeit, wo davon sinnieren
abgeleitet wird, kein korrespondierendes Verb, weil es ja die Tätigkeiten des Sehens, des Hörens, des Schmeckens, des Tastens und des Riechens abstrakt zusammenfaßt.
Das zweite Substantiv bedeutet Weg
im räumlichen Sinne und ist heute ausgestorben. Es gehört etymologisch, morphologisch und semantisch zum Verbum sinnen
.
In allen Phasen des Deutschen ist sinnen
ein Verbum der räumlichen Fortbewegung in der wörtlichen Bedeutung gehen
. Mit dem Sinn
hat das Sinnen
also nichts zu tun. Zum imperfektiven sinnen
gehen
gab es einst auch ein perfektives ge-sinnen
in der Bedeutung gehen und erreichen
. Beide Verben können seit früher Zeit auch übertragen, also bildlich verwendet werden. Dann bedeutet sinnen
nach etwas streben
und gesinnen
etwas erstreben
.
Das heutige sinnen
hat seine wörtliche Bedeutung eingebüßt, weil das Substantiv dazu verloren ist, und wird nur noch bildlich verwendet: Wer nach oder auf Rache sinnt, der denkt nicht etwa an Rache, sondern strebt danach, das heißt er schreitet gedanklich oder bildlich zur Rache.
Auch alle Komposita haben nichts mit dem Substantiv Sinn
zu tun, sondern sind bildliche Verwendung des Sinnens als Gehen:
- Wer nachsinnt, geht eine Sache bildlich durch.
- Wer sich besinnt oder besonnen ist, verwendet nicht seine Sinne, sondern ist auf dem rechten Weg.
- Wer versonnen dreinblickt, hat nicht seine Sinne abgestellt und sich nach innen gekehrt, sondern hat sich bildlich verlaufen.
- Wer etwas ersinnt, dem ist nicht etwas in den Sinn gekommen, sondern er (er)findet etwas, weil er danach gestrebt hat. Er erreicht es.
Solange es den Sind
noch gab, hat niemand den Sinn mit dem Sinnen in Verbindung gebracht. Seit der Sind verloren ist, gibt es im Deutschen noch ein Substantiv Sinn
sowie ein starkes Verbum sinnen
, dessen Anwendungen allesamt bildliche Fortbewegungen sind, was die Deutschsprecher aber nicht mehr erkennen können. Sie deuten sinnen
als native geistige Betätigungen und verknüpfen so Sinn
und sinnen
miteinander.
Weil sinnen
ein starkes Verb mit den Formen sann
und gesonnen
ist, identifiziert er wohlgesinnt
als falsche schwache Form und nimmt an, daß wohlgesonnen
nicht nur richtig, sondern gar historischer wäre.
Mehr zur Geschichte von Sinn
und sinnen
erfahren Sie im Tutorial über die Wendung Sinn machen.
Sinn
⇢ wohlgesinnt
Die Form
gesinnet
ist schon im Mittelhochdeutschen belegt und direkt vom Substantiv Sinn
abgeleitet, ohne daß es dazu ein Verbum sinnen
geben müßte, so wie auch gesittet
direkt von Sitte
abgeleitet ist, ohne daß ein Verbum sitten
existierte.
Wohlgesinnt tritt als Zusammensetzung erst in der Neuzeit auf und bezeichnet zunächst jemand, der seine Sinne wohl zu gebrauchen weiß, die Welt um sich herum also nicht ignoriert, also seine Sinne beisammen hat:
der guot sinn hat, wolgesinnt, wolgemut Alberus (1540)
Weit in die Neuzeit hinein ist wohlgesinnt, wer wohlen Sinn hat. Die heutige Bedeutung von wohlwollend
kam durch einen Dativanschluß auf, der den Begünstigten bezeichnet:
bleiben sie mir wohlgesinnt Goethe
Diese Wendung bedeutet wörtlich: Behalten Sie mich im Sinn!
Daraus ergab sich, was wir heute unter wohlgesinnt verstehen: Denken Sie wohlwollend an mich!
Stilistische Empfehlung
Beide Varianten,
wohlgesinnt
und wohlgesonnen
, sind heute korrektes Deutsch, weil sie von Deutschsprechern verwendet und verstanden werden, ohne Jargon (Soziolekt) einer Sprechergruppe zu sein.
Wohlgesinnt
ist historisch, wohlgesonnen
nicht und erst neulich in Analogie zu sinnen
gebildet.