Reihenfolge substantivischer und pronominaler Satzglieder

IIn diesem Artikel geht es darum, in welcher Reihenfolge Substan­ti­ve und Pronomina in einem Satz stehen, wenn sie direkt auf­ein­an­der­tref­fen. Das geschieht sowohl im Hauptsatz als auch im Nebensatz und kann einen beim Formulieren ins Grübeln bringen. Der falsche Weg, die sub­stan­tivi­schen und pro­nomi­nalen Satz­glieder richtig an­zu­ordnen, besteht darin, sich Sätze in mehreren Varianten laut vor­zu­sprechen und zu lau­schen, was rich­tiger klingt. Der richtige Weg ist das Abarbeiten einer ein­fachen Regel, die wir Ihnen hier vor­stel­len möchten.

Reihenfolge im Hauptsatz

Im Hauptsatz steht das Verb immer an zweiter Stelle, das Subjekt davor und das Objekt dahinter:

  • Peter ißt ein Ei.

Solange das Verb an der zweiten Stelle bleibt, kann man die anderen Satz­glie­der ver­tau­schen.

  • Ein Ei ißt Peter.

Der Satz ist jetzt aber nicht mehr unmarkiert, also neutral. Das Ei ist pro­mi­nent und be­tont. Das ist immer der Fall, wenn das Subjekt nicht an er­ster Stelle steht, denn im Deut­schen gilt die Rei­hen­folge Subjekt – Prä­dikat – Dativ-Adverbiale – Objekt– andere Adverbialia.

  • [Peter]Subjekt [gibt]Prädikat [Helga]Dativ-Adverbiale [das Buch]Objekt [mit einem Lächeln]Adverbiale.

Man kann auch Subjekt und Adverbiale vertauschen und dabei das Ad­ver­bia­le her­vor­heben:

  • Helga rief ihn am Morgen an.
  • Am Morgen rief ihn Helga an.
  • Am Morgen rief Helga ihn an.

Durch die Umstellung trifft nun das pronominale Objekt ihn auf das sub­stan­tivi­sche Subjekt Helga. In welcher Reihenfolge stehen Pronomen und Substantiv?

Reihenfolge im Nebensatz

Dasselbe Problem ergibt sich in Nebensätzen grundsätzlich, weil das Verb hier im Deutschen von der zweiten an die letzte Stelle rückt.

  • Ich hörte, wie Helga ihn anrief.
  • Ich hörte, wie ihn Helga anrief.

Regel

Was vorne und was hinten steht, läßt sich nicht durch lau­tes Vor­spre­chen er­mit­teln, weil man dabei betont, was eigentlich unbetont ist. Die kor­rek­te Rei­hen­folge wird allerdings genau damit definiert. Mit einer einfachen Regel, die aus zwei Direktiven besteht, läßt sich die richtige Rei­hen­folge im Hand­umdre­hen be­stim­men:

Obere Direktive Das Kürzere steht vor dem Längeren. Weil Re­flexiv­pronomina und Per­sonal­prono­mina grundsätzlich kürzer sind als Substantive, stehen Pro­nomina vor Substan­tiven.

Untere Direktive Das Subjekt steht vor dem Objekt.

Die untere Direktive gilt nur, wenn beide Satzglieder entweder Sub­stan­tive oder Pronomina sind:

  • An der Tür umarmte [Peter]Subjekt [Helga]Objekt zum letz­ten­mal.
  • An der Tür umarmte [er]Subjekt [sie]Objekt zum letz­ten­mal.

Die obere Direktive hebt die untere auf, wenn das eine Satzglied ein Sub­stan­tiv ist und das andere ein Pronomen:

  • An der Tür umarmte [er]Subjekt [Helga]Objekt zum letzten­mal.
  • An der Tür umarmte [ihn]Objekt [Helga]Subjekt zum letz­ten­mal.

Man darf also nicht von der Syntax zweier Glieder mit gleicher Wortart auf die Syntax zweier unter­schied­licher Satz­glieder unter­schied­licher Wort­art schlie­ßen.

Hier möchten wir der oft ge­äußer­ten Ansicht wi­der­spre­chen, Für­wör­ter wür­den Haupt­wörter er­set­zen, wie die Be­grif­fe Fürwort und Pro­no­men nahe­legen. Wer ein Pronomen ge­braucht, ge­braucht ein Pro­nomen. Sie ersetzen Sub­stan­tive nicht, sondern refe­rie­ren auf sie.

Ausnahme von der Regel

Es gibt eine zwei Ausnahmen von der Regel. Die er­ste Aus­nahme ist sta­tari­sches Spre­chen: Man denkt noch wäh­rend des For­mulie­rens der Aus­sage nach und tastet sich im Satz Schritt für Schritt voran. Oder man möchte be­ton­en, wer Sub­jekt und wer Ob­jekt ist.

  • Wenn ich recht überlege, glaube ich gar nicht, daß Klara ihn liebt, sondern daß es vielmehr umgekehrt ist!
  • Richter: Herr Zeuge, Sie behaupten also, daß die Angeklagte (Richter deutet zur Anklagebank) ihn (Richter deutet zum Nebenkläger) gar nicht liebt?

Auch schriftsprachlich kann man das Pro­nomen durch Nach­stel­lung be­tonen und damit Aus­zeich­nung ver­mei­den:

  • Kursivierung unnötig: Petra wußte, daß Klara ihn liebte und nicht Hugo.
  • Besser: Petra wußte, daß Klara ihn liebte und nicht Hugo.

Die Objektform des Personalpronomens wird einem sub­stan­tivi­schen Sub­jekt nicht voran­gestellt, wenn man da­durch Sub­jekt und Ob­jekt nicht mehr iden­tifi­zie­ren kann. Be­trof­fen sind aber nur weib­liche For­men:

  • An der Tür umarmte [sie]Objekt [Peter]Subjekt zum letz­ten­mal.
  • An der Tür umarmte [sie]Subjekt [Peter]Objekt zum letz­ten­mal.

Beide Sätze klin­gen durch die Regel gleich, haben aber ent­gegen­gesetzte Bezüge. Wenn also die Gefahr besteht, Subjekt mit Objekt zu ver­wech­seln, kann man das pro­nomi­nale Objekt hinter das sub­stan­tivi­sche Subjekt stellen.

  • An der Tür umarmte [Peter]Subjekt [sie]Objekt zum letztenmal.

Man darf den Satz aber nicht isoliert betrach­ten. Ver­wechs­lung be­steht nur, wenn selbst im Kon­text des Voran­gegan­genen un­klar bleibt, wer wen um­armt. Das kommt aber in der Praxis so gut wie nie vor. Wenn doch, deutet das darauf hin, daß der ganze Absatz un­gün­stig formu­liert ist.

Hintergrund

WWarum ist das so? Warum stehen Pronomina vor Substantiven, auch wenn das der normalen Wortstellung widerspricht?

Die obere Direktive ist alt, sehr alt. Wir können sie bis zu den ältesten Schriftzeugnissen nachweisen, die uns erhalten sind. In der Sprache der alten Ägypter steht wie bei uns das Subjekt vor dem Prädikat:

Im Altägypischen steht das nominale Prädikat nach dem Subjekt

Der Satz ist ein sogenannter Adverbialsatz. Er besteht aus einer ein­lei­ten­den Par­ti­kel jw, die hier nicht von Bedeutung ist, aus dem Sub­jekt anch was Leben [und] Heil und dem Prädikat, das nur aus der Prä­po­si­tio­nal­phrase n nsw für König besteht. Er bedeutet also: Leben und Heil sind für den König. Gemeint ist damit der Wunsch, daß Leben und Heil dem König von den Göttern gewährt werden mögen.

Ersetzen wir nun das Substantiv nsw König durch ein Pronomen, ändert sich die Rei­hen­folge der Glie­der, obwohl die Syn­tax des Ägyp­ti­schen außer­ordent­lich starr ist. Das Pro­nomen n k für dich springt nach vorn:

Pronomen werden im Altägypischen vorangestellt.

Es heißt also wörtlich übertragen: Leben und Heil für den König, aber Für dich Leben und Heil. Das Prinzip, daß das Kürzere vor dem Län­ge­ren steht, finden wir als uni­versa­les Sprach­gesetz und kon­stant und all­ge­mein in den indo­germani­schen Spra­chen, vom Grie­chi­schen und La­tei­nischen bis zu den moder­nen Spra­chen. Die oben gezeigte Regel läßt sich seit dem Alt­hochdeut­schen in allen Stufen des Deut­schen nach­weisen:

  • Nu sendida mih druhtin got (althochdeutscher Isidor).
  • Da sandte mich Gott, der Herr.

Dahinter stehen mehrere prosodische Gesetze, von denen wir das Be­haghel­sche Ge­setz als wich­tig­stes her­aus­grei­fen wol­len.

Das Behaghelsche Gesetz ist das Gesetz der wachsenden Glieder. So sagen wir Titel, Thesen, Tempera­mente, aber nicht Thesen, Tem­pe­ramente, Titel. Wenn die Glie­der nicht von vor­ne bis hin­ten an­wach­sen, emp­fin­den wir das als un­proso­disch und un­harmo­nisch, wie eine unvoll­ständige Kadanz in der Musik.

Man findet dieses Prinzip in allen modernen Sprachen Europas. In­ter­essant ist das Eng­lische:

  • I told him it yesterday.

Der Satz ist korrekt, aber die Konstruktion etwas außer Gebrauch ge­ra­ten. Das Per­sonal­prono­men him ist eine alte Dativ­form und im Bei­spiel auch so gemeint. Zugleich wird sie aber auch als Objekt­form ver­wen­det: I love him. Des­wegen wird der Emp­fänger im Engli­schen heute im all­gemei­nen durch eine Präpo­sitional­phrase aus­ge­drückt, wo das Deut­sche nach wie vor den Dativ verwendet:

  • I told it to him yesterday.

  • I told it to John yesterday.

Die Präpositionalphrase ist immer länger als ein Wort und wird daher niemals vor­gezo­gen wie eine reine Dativ­form. So kommt es, daß es im Eng­lischen keine Rolle spielt, ob von der Prä­posi­tion ein Pro­nomen oder ein Sub­stan­tiv abhängt. Im Deut­schen ist das aber nicht so.

Beispiele für das Deutsche

SSehen wir uns Beispiele für die Stellung des Reflexivpronomens und des Personalpronomens an:

  • Sie sagte, daß sich ihr Mann im Keller verstecke.
  • Sie sagte, daß ihr Mann sich im Keller verstecke.

Auf den ersten Blick könnte man wie die Redaktion des Dudens (Siehe Video) glauben, beide Varianten wären zulässig und nur stilisti­sche Vari­an­ten von­einan­der. Tatsächlich ist die zweite aber nur korrekt, wenn sich betont werden soll – was hier aber sinnlos wäre.

Heute sieht man einige Menschen die zweite Variante wäh­len. Ana­lysiert man die Be­lege, fallen zwei Um­stän­de auf: Es ge­schieht nur beim Schrei­ben. Wer spricht, hat keine Zeit, auf fal­sche Ge­dan­ken zu kom­men, und macht es na­tür­lich richtig. Falsch findet man es zudem nur in Texten, die stili­stisch insge­samt einen schlech­ten Ein­druck machen, zu­gleich aber auch ambi­tio­niert wir­ken.

Wir haben es also mit einem bildungs­bürger­lichen Irrtum zu tun. Der Verfasser möchte korrektes Deutsch schrei­ben und schließt irr­tüm­lich von der Stel­lung der Glie­der glei­cher Wort­art auf die Stellung von Glie­dern ver­schie­dener Wortart: Sie sagte, daß ihr Mann den Ball im Keller verstecke.Sie sagte, daß ihr Mann sich im Keller verstecke.

Aufgrund dieses Befundes ist nicht anzunehmen, daß ein proso­di­sches Ge­setz, das offen­kundig seit Erfin­dung der Sprache uni­ver­sal und in der gespro­chenen Sprache und in geschrie­bener Sprache in normalen und guten Texten unverändert wirkt, lang­sam auf­hört zu funk­tionie­ren und beide Vari­anten zulässig sind. Daß zwei Vari­anten unter­schieds­los (unmarkiert) neben­einan­der exi­stie­ren, ist sprach­typolo­gisch ohnehin abwegig.

Oben haben wir die zweite Variante nur zugelassen, wenn das Re­flexiv­pronomen sich betont werden soll. Aus diesem Grund kann man durch lautes Aufsagen beider Mög­lich­keit nicht die richtige ermitteln. Man neigt sich dadurch eher zur falschen hin. Gehen Sie daher mecha­nisch vor. Wenn bei zwei direkt neben­einan­der stehenden Satz­glie­dern das eine ein Sub­stan­tiv ist und das andere ein Pro­nomen, dann stellen Sie das Pro­nomen vor das Sub­stan­tiv; igno­rieren Sie dabei, welches das Sub­jekt ist und welches das Objekt.

Reflexivpronomen

Das Reflexivpronomen ist das rückbezügliche Fürwort. Das Objekt der Handlung ist also mit dem Subjekt identisch:

  • Wozu Peter den Mann bewegen wollte.
  • Wozu den Mann Peter bewegen wollte.

Beide Glieder sind substantivisch. Hier muß nach der unteren Direktive das Subjekt vor dem Objekt ste­hen. Die er­ste Variante ist richtig, die zwei­te falsch.

  • Wozu Peter mich bewegen wollte.
  • Wozu mich Peter bewegen wollte.

Pronomen und Substantiv. Nach der oberen Direktive kann nur die zwei­te Va­rian­te richtig sein. Die erste ist falsch und Bil­dungs­bür­ger­deutsch.

Was für sich gilt, gilt grundsätzlich für alle Form des Re­fle­xiv­pro­no­mens, aber nur in der dritten Person kann es dazu kommen, daß ein Re­flexiv­prono­men auf ein Sub­stan­tiv trifft.

Personalpronomen

Das Reflexivpronomen ist nur eine spezielle, rückbezügliche Variant­e des Per­sonal­prono­mens. Auch dafür gilt unsere Regel in vollem Umfang:

  • Abgesehen vom Regen, hatten sie es schön.
  • Abgesehen vom Regen, hatten es sie schön.

Beide Glieder sind pronominal. Es gilt die untere Direktive: Das Subjekt steht vor dem Objekt.

  • Abgesehen vom Regen, hatten die Touristen es schön.
  • Abgesehen vom Regen, hatten es die Touristen schön.

Hier muß das Pronomen vor dem Substantiv stehen. Die zwei­te Variante ist richtig, die erste falsch.

  • Er fragte sich, ob sie ihn liebe.
  • Er fragte sich, ob ihn sie liebe.

Einfache Sache. Das Subjekt muß vor dem Objekt stehen, weil beide pronominal sind.

  • Er fragte sich, ob Klara ihn liebe.
  • Er fragte sich, ob ihn Klara liebe.

Wer bei dieser Entscheidung die Regel nicht kennt und durch lau­tes Auf­sagen auf die richtige Wort­stellung kommen will, hat keine Chance. Er wird sich wohl für die erste entscheiden. Richtig ist aber die zweite.

Da kaum jemand die Regel kennt, hat das Falsche in diesem kon­kre­ten Fall schon eine etwas breitere Masse hinter sich, so daß man ihm eine gewisse Exi­stenz­berech­tigung zusprechen könnte – wenn auch nicht sti­li­stisch, so doch zumindest lingu­istisch. Aber dieser bil­dungs­bürger­liche Irrtum steht den­noch gegen eine proso­dische Kraft, die so weit wirkt wie die Gravi­tation in der Physik.

Der Irrtum wird sich lang­fristig nicht durch­setzen. Natürlich auch deshalb, weil er sich bei we­ni­gen ko­nkre­ten Fällen weiter aus­brei­tet, da­gegen aber das Sys­tem in seiner Ge­samt­heit steht.