DDer Blogger Anatol Stefanowitsch hält sich be­kannt­lich nicht lange mit The­men auf. Das findet er lang­weilig, wie er uns mit­teilt. Neulich schrieb er:

Das mit den Eskimos und ihren Wörter [sic!] für Schnee ist ja inzwischen abgefrühstückt [BL: Kein Link, wo das geschehen ist.] – kein Mensch glaubt mehr an ein aus­gedehn­tes, lexi­kalisch mani­festes In­ter­esse der Völ­ker des nörd­lichen Polar­krei­ses am kri­stall­förmi­gen Nierder­schlag [sic!]. Höch­ste Zeit also für neue Vari­anten des zu­grunde­liegen­den Mythos, dass Sprach­gemein­schaften be­son­ders viele Wör­ter für das haben, was ihnen be­son­ders wich­tig ist.

Anatol Stefanowitsch

Der Schnee ist den Grönländern nicht wichtig, er ist in Grön­land all­gegen­wärtig und be­stimmt das Le­ben in gra­vieren­der Weise.

Wir wissen nicht, wie viele Menschen – Diese Menschen sind ja so dumm! Wie kleine Kin­der, die einen stren­gen Vater brau­chen. – tat­säch­lich an ein aus­gedehn­tes, lexi­ka­lisch mani­festes Inter­esse der Völker des nördl­ichen Polar­krei­ses am kri­stall­förmi­gen Nie­der­schlag glau­ben.

Aber wie der Zu­fall es will, hat meine Se­kretä­rin Rúna nicht nur schon ein­mal ei­nen ech­ten Eskimo ge­sehen oder eine Kreuz­fahrt nach Grön­land unter­nommen, son­dern spricht ei­nige ost­grön­ländi­sche Dia­lekte be­ein­druckend gut.

Sogar mir, der schon den ein oder anderen ost­grön­län­dischen Sprach­hap­pen aufgeschappt hat und zu­min­dest grön­län­dische Zei­tun­gen le­sen kann, war auf An­hieb klar, daß Ste­fano­witsch das Thema nur wie jeder Sprach­wissen­schafts­student auf­gegabelt hat und damit vor an­deren halb­stark angibt. Aller­dings ist Ste­fano­witsch kein Stu­dent im ersten Se­mester, sondern je­mand, dem Man­gel an wis­senschaft­licher Ar­beits­moral irgend­wann zum Ver­hän­gnis wer­den könn­te. Er spricht als Pro­fes­sor im Namen der Sprach­wissen­schaft.

Wie diese Arbeitsmoral im Detail aus­sieht, werde ich dem­nächst in einer Podcast­folge dar­legen.

Meine Sekretärin Rúna ging einen anderen Weg. Sie hat vor allem die groß­kotzi­ge Art von Ste­fano­witsch auf­gebracht, des­halb schrieb sie einen Kom­men­tar unter seinen Ar­tikel:

Ich kenne schon recht viele Begriffe und Wendungen im Grön­län­dischen, die mit Schnee und seinen Er­schei­nungs­for­men zu tun haben. Es könnte viel­leicht daran lie­gen, dass ich kein Hoch­stapler bin, der irgend­woher etwas auf­geschnappt hat und sich im Inter­­net als Fach­kun­diger auf­spielt, son­dern auf einem is­län­dischen Hof mit vie­len Gast­arbei­tern aus Grön­land auf­gewach­sen bin.

Ich würde mich sehr gerne mal mit Dir auf grönländisch über Schnee unter­hal­ten, am besten vor einer Kamera, so dass alle sehen und hören können, wie tief Dein Wissen ist. Meine E-Mail hast Du ja. Ich komme jeder­zeit zu Dir nach Ham­burg und kann auch noch ein paar Grön­länder mit­brin­gen.

Rúna

Darunter setzte Stefanowitsch seinen Kommentar:

Sehr geehrte Frau Gísladóttir, Sie dürfen Ihre Bauern­hof-Erfah­run­gen gerne auf Ihrer eigenen Web­seite ver­arbeiten. Vielleicht gelingt es Ihnen ja, die stau­nende Fach­welt von einer Viel­zahl von Wör­tern für Schnee im Grön­län­dischen zu über­zeu­gen, aber wahr­schein­licher ist es wohl, dass Sie nur ein wei­teres Mal Ihr Un­verständ­nis be­züg­lich sprach­licher Struk­tur­prin­zipien und Funk­tions­weisen doku­men­tieren. Mir wäre beides recht, solange Sie (und die anderen Mit­wirken­den Ihrer gerne­gro­ßen, pseudo­bildungs­bürger­tümelnden Lang­weiler­seite) mir hier im Sprach­log damit nicht auf den Geist gehen. Um Ihnen dabei zu helfen, Ihre dümm­lichen Pöbeleien in Zukunft für sich zu behalten, sind Sie für Kommen­tare hier ab jetzt gesperrt. -- A.S.

Anatol Stefanowitsch

Herr Stefanowitsch möchte also kein Stelldichein mit Palaver auf Grön­län­disch. Und wie­der kein Wort, wie es im Grön­ländi­schen denn tat­säch­lich ist – nur die Be­haup­tung und der Ver­weis auf die Fach­welt, die den kri­ti­schen Le­ser zum Schwei­gen brin­gen soll. Sind die Le­ser zu blöd, echte Belege oder Zitate aus Fach­veröffent­lichun­gen zu ver­ste­hen? Oder sind solche Belege gar zu lang­weilig?

Rúnas Antwort besteht in der Wiederholung Ihrer Ankündigung, im Laufe dieses Jah­res mit einer Video­kamera in der Uni­versi­tät Ham­burg auf­zu­kreuzen. Stefano­witsch wird sie nicht mehr los­werden.

Bis dahin schauen wir uns an, was die Fachwelt zu diesem The­ma zu sagen hat. Damit es nicht zu lang­weilig wird, habe ich ein re­zen­tes und von der Fach­welt an­erkann­tes Hand­buch der eskimo-aleuti­schen Sprach­gruppe ge­wählt, das sich kurz­faßt:

Im Wortschatz jeder Sprache kommt es zu einer Anpassung an die Umwelt: Für Dinge, über die oft ge­spro­chen wird, ent­wickelt sich eine ent­sprechen­de Ter­mino­logie. In den Eskimo-Spra­chen gibt es u. a. über den Wal­fang, den Fisch­fang und das Klima der Ark­tis einen ela­borier­ten Wort­schatz. Das be­rühm­teste Bei­spiel ist die Mög­lich­keit, viele Sorten von Schnee zu un­ter­schei­den. Dorais (1990:205) [BL: Dorais, Louis-Jacque: The Cana­dian Inuit and their language. In: Collis (1990), Seite 185-289)] hat aus zwei Wör­ter­büchern von Lucien Schnei­der die fol­gen­den Schnee-Wörter im Arctic Quebec Inuktitut zu­sammen­gestellt:

  • qanik: fallender Schnee
  • qanittaq: vor kurzem gefallener Schnee
  • aputi: Schnee auf dem Boden
  • maujaq: weicher Schnee auf dem Boden
  • masak: nasser fallender Schnee
  • matsaaq: halbgeschmolzener Schnee auf dem Boden
  • aqilluqaaq: Treiben von weichem Schnee
  • sitilluqaq: Treiben von hartem Schnee
  • kaviʁisiʁlaq: durch Regen und Frost rauh gewordener Schnee
  • pukak: kristallener Schnee auf dem Boden
  • miŋuliq: feiner Mantel von pudrigem Schnee
  • natiʁuvaaq: feiner von Wind getragener Schnee
  • piiʁtuʁiniq: dünner Mantel von weichem Schnee auf einem Objekt
  • qiqumaaq: Schnee, dessen Oberfläche gefroren ist
  • katakaʁtanaq: harte Kruste von Schnee, die unter Fußstapfen nachgibt
  • aumannaq: Schnee im Begriff zu schmelzen, auf dem Boden
  • aniu: Schnee zum Herstellen von Wasser
  • siʁmiq: schmelzender Schnee als Baumaterial für ein Schneehaus
  • illusaq: Schnee benutzbar zum Bauen eines Schneehauses
  • isiʁiaʁtaq: gelber oder rötlich fallender Schnee
  • kiniʁtaq: kompakter Schnee
  • maŋŋuq: schmelzender Schnee
  • qannialaq: leicht fallender Schnee
  • qanniapaluk: sehr leicht fallender Schnee, noch in der Luft
Jan Henrik Holst: Einführung in die eskimo-aleutischen Sprachen. Hamburg, 2005. Seite 169f.

Erklärung: /ʁ/ wie /j/, aber die Zunge berührt den Gaumen nicht vorne, sondern ganz weit hin­ten (uvular). So weit hin­ten wie mög­lich. /ŋ/ wie /n/, aber die Zunge berührt den Gau­men dort hin­ten, wo er weich ist (velar).

Würden Sie als pseudobildungsbürgertümelnden Lang­wei­ler ein le­xika­lisch mani­festes In­ter­esse der Eski­mos am Schnee an­hand die­ser Primär­belege ohne wei­tere Nach­for­schun­gen be­strei­ten? Halten Sie es als mün­diger Leser für sinn­voll, daß Ihnen solche Be­lege vor­gelegt wer­den? Oder wür­den Sie lie­ber ein­fach alles glau­ben?

Elaboriert bedeutet, daß alle örtlich auf­treten­den Er­schei­nungs­for­men des Schnees zu einem Begriff führen. Die­ses Voka­bular ist ört­lich be­grenzt. Was die Be­woh­ner einer Sied­lung so nen­nen, kann zehn Kilo­meter wei­ter schon wie­der einen ganz an­de­ren Na­men haben. Wer das ein­mal an Ort und Stelle er­lebt, wird die Liste oben noch dra­stisch ver­län­gern kön­nen.

Das gilt natür­lich nicht nur für Schnee in Grön­land. In einem ba­yeri­schen Dorf, wo alle in einer Braue­rei ar­bei­ten, hat je­der Brau­typ von Bier einen ei­genen Na­men. Oft sind sie bild­lich, zum Bei­spiel Bock. Auch an­de­re schnee­reiche Re­gio­nen wie die Hoch­alpen haben na­tür­lich einen dif­feren­zier­ten Schnee­wort­schatz für Schnee als Sizi­lia­ner oder Ni­geria­ner. Und die vielen Nudel­wör­ter der Ita­liener ken­nen Sie ja aus dem Super­markt.

Von welcher Fachwelt Stefanowitsch da auch immer spricht, ich kenne dieses Thema nur aus dem Mund von Sprach­wissen­schaft­lern. Wenn es einen My­thos gibt, dann kommt er viel­leicht gar von dort?

Und von all den Sprach­wissen­schaft­lern, die diese Anek­dote bringen, be­herrscht meiner Er­fah­rung nach kein ein­ziger das Grön­län­dische auch nur im Ansatz. Denn die Ge­legen­heit, le­ben­di­ges Grön­län­disch von Mut­ter­sprach­lern zu er­ler­nen, ist na­tür­lich selten.

Das zeigt sich auch in Fach­publika­tionen, die sich wie das Bei­spiel oben so gut wie immer auf Meta­ana­lysen stüt­zen. Ihre Au­to­ren sind nicht in der Lage, zi­tier­te Vo­ka­beln auf ihre Rich­tig­keit zu über­prüfen (ein ge­nerel­les Problem in der Sprach­wissen­schaft). Ein an­deres Bei­spiel ist die eben­falls auch in Fach­krei­sen selbst­erzeugte und später selbst­wider­legte Ge­schich­te, die In­dianer­spra­chen wür­den keine Tem­pora ken­nen. Aus diesem Grund zi­tie­ren wir bei Bel­les Lettres nie­mals aus Spra­chen, die wir nicht selbst aus­giebig stu­diert haben.

Nachtrag

Damit kein Mißverständnis entsteht: Wir sind selbst Sprach­wissen­schaft­ler mit Uni­versi­täts­abschluß und blicken auf Jahre von lin­guisti­scher Feld­for­schung zurück. Des­wegen be­strei­ten wir auch nicht die com­munis opi­nio der Fach­welt. Wir be­strei­ten, daß jemand wie Herr Ste­fano­witsch sie ver­tre­ten kann. Wir er­ken­nen Herr Ste­fano­witsch nicht als Sprach­wis­sen­schaft­ler an und ver­wei­gern jede Fach­diskus­sion mit ihm. Warum wir so den­ken, er­fah­ren Sie hier: