Das Adjektiv

deklination In diesem Tutorial beschäftigen wir uns mit der Beugung und Stilistik des Adjektivs.
Dauer: 78 Minuten.

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Video veröffentlicht am 02.04.2010 (86.65 MB).

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Starke und schwache Deklination des Adjektivs

Das Adjektiv kann in der deutschen Sprache in drei Beugungsarten auftreten:

  • Starke Deklination: ein guter Mann, eine gute Frau, ein gutes Kind
  • Schwache Deklination: der gute Mann, die gute Frau, das gute Kind
  • Endungslose Form: Der Mann/die Frau/das Kind ist gut. Wir haben ihn fröhlich erlebt.

Wie das Adjektiv gebeugt wird, hängt von seiner Stellung und syntaktischen Rolle im Satz ab.

Stellungen des Adjektivs

Das Adjektiv kann an zwei Stellen im Satz vorkommen: in prä­di­ka­ti­ver und attributiver Stellung.

1. Als Attribut, also als Adjektivattribut, das ein Substantiv näher bestimmt: der schwarze Hut, die leidenschaftliche Liebe, das leckere Bier Attribute beziehen sich syntaktisch auf ein Substantiv und bestimmen es näher.

2. Das Adjektiv kann die Hauptaussage eines Satzes sein und im Prädikat stehen. Man spricht dann von einem Prädikatsnomen. Nomina sind alle Wörter, die man de­kli­nie­ren kann, also Substantive, Adjek­tive und Pro­nomina) oder Prä­di­kats­adjektiv: Der Mann ist taub, die Frau ist blind, das Kind ist klein

Von dieser syntaktischen Rolle hängt es ab, wie ein Adjektiv in der deut­schen Sprache und auch in den anderen germanischen Spra­chen ge­beugt wird (in den skandinavischen Sprachen deutlich, im Englischen wegen des Abfalls der Endungen verhüllt oder aufgehoben).

Das Adjektiv im Prädikat

Jeder Satz enthält eine Aussage, also ein Prädikat. Diese Aussage ist über­haupt erst der Anlaß dafür, daß der Satz gesprochen oder ge­schrie­ben wird. Denkt man an das Prädikat, denkt man zuerst an ein Verb:

Der Hase hoppeltverb

Aber nicht nur Verben können das Prädikat bilden. Ebenso Adjektive und andere Wortarten:

Der Hase ist kleinprädikat

Man spricht hier von einem Prädikatsnomen, denn alle Wortarten, die man deklinieren kann, sind Nomina: Substantive (in der Germanistik fälschlich aus dem Englischen als Nomen übersetzt), Adjektive und Pro­nomina. Man kann aber auch von einem Prädikatsadjektiv sprechen.

Aber auch Nominalprädikate brauchen eine Verbform (anders im Arabischen und Russischen: Mann gut.). Hier kommen aber nur die Verben sein, werden und bleiben in Frage. Weil sie nichts anderes tun, als das Prädikatsnomen mit dem Subjekt zu verbinden, also wie ein Gleichheitszeichen in der Mathematik fungieren, nennt man diese Ver­knüpfungs­verben Kopula.

Als Prädikatsnomen hat das Adjektiv keine Endung.

Der Hase ist kleinprädikat

Der Hase sind kleinprädikat

Hase steht als Subjekt im Nominativ. Stellen Sie sich tatsächlich ein Gleichheitszeichen vor: Hase = klein. Deshalb steht auch das Prä­di­kats­nomen immer im Nominativ.

Diese endungslosen Adjektive sind in Wahrheit die alten Nominative der starken Adjektivbeugung (siehe unten). Diese Nominative waren frü­her im Singular für alle drei Geschlechter endungslos: ein guot man, ein guot frouwe, ein guot kind Allerdings nicht in der Mehrzahl: zwene guote man, zwo guoto frouwe, zwei guotiu kind Aber davon weiß man in der Neuzeit nichts mehr. Man deutet die endungslosen Formen als unbeugbar (indeklinabel). Deshalb ist das Adjektiv im Prädikat in Sin­gular und Plural endungslos:

Der Hase ist kleinprädikat

Der Hase sind kleinprädikat

Das Adjektiv als Attribut

Das Adjektiv kann aber noch an anderer Stelle im Satz stehen: als At­tri­but. Hier steht es bei einem Substantiv und bestimmt es näher: ein alter Hut, die junge Frau Man spricht in diesem Fall von einem Adjek­tiv­attri­but.

  • Dersubjekt-1 kleineadjektivattribut Hasesubjekt-2 hoppeltprädikat .

Adjektivattribute können auf zweierlei Weise gebeugt werden: stark oder schwach. Welche der beiden Beugungen verwendet wird, hängt vom Sub­stantiv ab, auf das sich das Adjektiv als Attribut bezieht.

Aber: Ad­jek­tive mit Geni­tiv (ein Glas voll Wei­nes)Video-Tutorial: Welche Adjektive stehen mit einem Genitiv (voll Weines) und wie bildet man den Genitiv richtig? wer­den nach­ge­stellt und kön­nen wegen des Geni­tivs weder ge­beugt noch ge­stei­gert wer­den.

Schwache Deklination des Adjektivs

Das Adjektiv wird als Attribut schwach gebeugt, wenn das Substantiv, auf das es sich bezieht, determiniert ist. Determiniert, also bestimmt, ist es, wenn es den bestimmten Artikel der, die, das oder ein Demon­stra­tiv­pro­no­men wie der/die/das, dieser/diese/dieses oder jener/jene/je­nes bei sich hat:

  • Der junge Mann schwimmt im See.
  • Diese klugen Frauen gehören an die Universität!
  • Jene verzogenen Kinder sagen nicht danke.

Die schwachen Beugungsformen des Adjektivs lauten:

Schwache Beugung des Adjektivs in der deutschen Sprache
Kasus Maskulinum Femininum Neutrum
Nominativ der dick∙e Mann die groß∙e Frau das klein∙e Kind
Akkusativ ich sehe den dick∙n Mann ich sehe die dick∙e Frau ich sehe das klein∙e Kind
Dativ mit dem dick∙en Mann mit der groß∙en Frau mit dem klein∙en Kind
Genitiv der Bauch des dick∙en Mannes der Kopf der groß∙en Frau der Schnuller des klein∙en Kindes
Starke Deklination des Adjektivs

Ist das Substantiv nicht bestimmt, wird das Adjektiv stark gebeugt:

  • groß∙er Eifer
  • ein groß∙er Mann

Fehlt dem Substantiv also ein bestimmendes Pronomen wie der be­stimm­te Artikel (auch ein Pronomen) oder ein Demon­strativ­pronomen — ist das Sub­stan­tiv also unbestimmt — übernimmt das Adjektiv­attribut diese Auf­gabe quasi mit. Früher war das Ad­jek­tiv im Nomi­nativ en­dungs­los: ein gut Mann. Erst im Laufe der Zeit hat man die pro­no­mi­na­le Rolle des starken Adjek­tivs so hoch­geschätzt, daß der Nominativ die Endun­gen der Pro­nomina erhielt: dieser, diese, diesesguter, gute, gu­tes

Starke Beugung des Adjektivs bei Substantiv mit unbestimmtem Artikel
Kasus Maskulinum Femininum Neutrum
Nominativ ein dick∙er Mann eine groß∙e Frau ein klein∙es Kind
Akkusativ er sah einen dick∙en Mann sie sah eine groß∙e Frau sie hatten ein klein∙es Kind
Dativ mit einem dick∙en Mann mit einer groß∙en Frau mit einem klein∙en Kind
Genitiv der Bauch eines dick∙en Mannes der Kopf einer groß∙en Frau der Schnuller eines klein∙en Kindes

Der unbestimmte Artikel ein, eine, ein muß als reines Zahlwort betrachtet werden, das erst später üblich geworden ist als der bestimmte Artikel. Auch bei den anderen Zahlwörtern steht das Adjektiv stark: zwei gute Männer und nicht zwei guten Männer

Die früheren starken Endungen im Dativ sind durch die Endungen der schwachen Beugung ersetzt: Einem guten Mann statt einem gutem Mann; eines guten Mannes statt eines gutes Mannes; einer guten Frau statt einer guter Frau (Dativ und GenitivDer Genitiv in der deutschen Sprache (Video-Tutorial)). Was für das Männliche gilt, gilt auch für das Sächliche. Die Akkusativ- und Nominativendungen sind allerdings original stark, auch wenn sie sich nicht immer von den schwachen unterscheiden.

Beachten Sie hierzun bitte noch auch das Tutorial zur Beugung mehrerer Adjektive und zur Serialisierung der Adjektivbeugung.

Wo allerdings kein unbestimmter Artikel steht, findet man alte starke Genitivformen: Sie war guter Hoffnung und nicht Sie war guten Hoff­nung. Auch im Plural, wo der unbestimmte Artikel nie vorkommt, gibt es nur starke Formen: Die Beantwortung schwieriger Fragen und nicht die Beantwortung schwierigen Fragen

Starke Beugung des Adjektivs bei unbestimmtem Substantiv
Kasus Maskulinum Femininum Neutrum
Nominativ groß∙er Eifer wahr∙e Liebe dumm∙es Gerede
Akkusativ er zeigte groß∙en Eifer sie zeigte brennend∙e Eifersucht er erkannte dumm∙es Gerede auf Anhieb
Dativ mit groß∙em Eifer mit groß∙er Leidenschaft mit dumm∙em Gerede konnte er nichts anfangen
Genitiv die Gefahr groß∙en Eifers die Freuden wahr∙er Liebe letzt∙en Endes
Mehrere Adjektivattribute

Stehen gleich zwei Adjektive vor einem Substantiv, muß man zweier­lei un­ter­scheiden:

Es kann sich um zwei in Reihe folgende Adjektivattribute handeln, die sich in gleicher Weise auf das Substantiv beziehen.

  • Sie lebte in einer großen, hellen Wohnung.

In diesem Fall werden zwei Attribute aufgezählt und deshalb durch ein KommaDas Komma: Funktion als Satzzeichen und Kommaregeln voneinander getrennt:

eine [ große , helleAttribut ] Wohnung

Anders verhält es sich hier: Das ist eine bahnbrechende physikalische Entdeckung!

In diesem Beispiel ist das Substantiv Entdeckung von einem Adjek­tiv­attri­but bestimmt: physikalisch Es ist eine physikalische Entdeckung. Substantiv und Attribut bilden eine Einheit, und diese Einheit wird in Gänze wiederum von einem weiteren Attribut bestimmt: bahnbrechend.

eine { bahnbrechendeAttribut₂ [ physikalischeAttribut₁ Entdeckung ] }

Die bei­den Adjektive beziehen sich also nicht gleichgestellt und an­ein­an­der­gereiht auf das Substantiv, sondern das vom Substantiv weiter ent­fern­te bahnbrechend bestimmt auch das nähere physikalische mit. In diesem Fall setzt man kein Komma, da nichts aufgezählt wird.

Falsche Verwendung von Adjektivattributen

Das Adjektivattribut und das Prädikatsadjektiv werden von sprach­unsiche­ren Journalisten und ihren Nachahmern häufig verwechselt.

Attribute zeigen mehr oder minder permanente Eigenschaften einer Sache oder einer Person: ein blauer Hut, ein großer Mann. Diese Eigen­schaft ist in Bezug auf den Anlaß des Satzes nebensächlich. Entsteht ein Satz nur, um zu sagen, daß jemand oder eine Sache etwas ist, muß dies das Prädikat des Satzes bilden.

Beispiele, wo Adjektivattribut und Prädikat verwechselt werden:

  • In Kopenhagen haben wir ein selbstbewußtes China erlebt.
  • Am Morgen erschien ein wütender Uli Höneß zur Presse­kon­fe­renz.
  • Das Foto soll einen deutlich abgemagerten Steve Jobs zeigen, wie er am Mittwoch gegen 15 Uhr Ortszeit das Apple-Haupt­quar­tier in Cuper­tino verlässt.
  • Die Zutaten zum beeindruckenden Sieg: Einsatz, das Glück des ersten Tores und ein überragender Bastian Schwein­stei­ger.
  • Kurz vor der Wahl begrüßt die Israelische Kultusgemeinde München das neue jüdische Jahr — und einen mü­den Gün­ther Beck­stein.

Der Fehler liegt darin, daß das Adjektiv in allen Beispielen zwar die ei­gen­tliche Aussage ist, aber nicht das Prädikat bildet, sondern ein At­tri­but. Attribute beschrieben Eigen­schaf­ten einer Sache oder einer Person, die in Relation zur Handlung des Satzes (Prädikat) permanent sind. Genau das ist hier nicht der Fall: Es geht um momentane Stimmungen oder Zustände, die zudem keine Neben-, sondern Hauptsache sind.

Wenn die eigentliche Aussage das Adjektiv ist, gehört es ins Prädikat: Man erlebt China selbstbewußt und kein selbstbewußtes China. Das wür­de bedeuten, daß es China mehrmals gibt — jeweils mit einer einzigen und permanenten Eigenschaft: ein selbstbewußtes China, ein wütendes China, ein großherziges China …

Man erlebt in Wahrheit also nur das einzige China in unter­schied­lichen Stimmungen, hier als selbstbewußtes Land.

Daß Uli Höneß zur Pressekonferenz erscheint, ist Nebensache. Wie er dort auftrat, ist wich­tig: Höneß erschien wütend zur Pressekonferenz. Wen zeigt das Foto? Steve Jobs. Es zeigt ihn als abgemagerten Men­schen: Das Foto soll Steve Jobs abgemagert zeigen. Zutaten zum Sieg: Schweinsteiger in überragender Form. Daß oder weil Scheinsteiger überragend war. Die Kultusgemeinde begrüßt Günther Beckstein. Der war müde.

Nicht selten wird auch das Adverbiale, dessen Aufgabe es ist, das Verb im Prädikat zu spezifizieren, fälschlich zu einem Attribut gemacht:

Das Publikum grölte, und eine siegesgewisse Hillary Clinton lachte sarkastisch: »Das möchte ich auch gerne hören.

Hier lautet der Kernsatz: Hillary Clinton lachte. Wie oder aus welchem Grund sie lachte, gehört nicht ins Attribut, das sich auf das Subjekt be­zieht (eine sieges­gewis­se H.), sondern in das Adverbiale: Hillary Clinton lachte sieges­gewiß. Da hier aber noch der Sarkasmus erwähnt werden soll, macht man ihn zum Adverb (Adverbiale 1), das sich auf das Verb bezieht: Hilla­ry lachte sarkastisch. Warum lachte sie so? Aus Sieges­gewiß­heit: Hil­la­ry Clinton lachte aus Siegesgewißheit sarkastisch. Nun besitzt das Verb zwei Adverbialia. Beide geben Umstände des Lachens an, das erste den Grund, das zweite die Art und Weise.

Der falsche Gebrauch des Adjektivs zeigt sich auch in gewissen Wen­dungen:

  • Das literarische Deutschland war von diesem Roman ganz aus dem Häuschen.
  • Das politische Berlin schweigt dazu.

Hier wird irrtümlich unterstellt, daß es mehrere Deutschländer und Ber­lins gäbe. Richtig wäre: Deutschland war von diesem Roman aus dem Häuschen. Berlin schweigt dazu.

Die Attribute literarisch und politisch sind gänzlich zu entbehren. Der Leser weiß ohnehin, daß mit Berlin die Regierung oder die Bundes­poli­tiker gemeint sind und nicht Kurt Krömer.

Komparation des Adjektivs

Die Steigerungsformen des Adjektivs werden auf dieselbe Art und Weise gebeugt wie die Grundstufe.

Komparativ

Der Komparativ kann stark oder schwach gebeugt werden:

  • Starke Deklination: ein bess∙er∙er Mann, eine bess∙er∙e Frau, ein bess∙er∙es Kind
  • Schwache Deklination: der bess∙er∙e Mann, die bess∙er∙e Frau, das bess∙er∙e Kind
  • Endungslose Form: Der Mann/die Frau/das Kind ist bess∙er. Wir haben ihn bess∙er erlebt.

Superlativ

Der Superlativ kennt nur die schwache Beugung, weil der beste, größte, längste (Neue Rechtschreibung: der Beste usw.) immer nur ein einziger sein kann. Der Superlativ ist also immer definitDefinitheit und bestimmter Artikel:

  • der größ∙t∙e Mann, die dick∙st∙e Frau, das klein∙st∙e Kind
  • Dieser Mann ist am dick∙st∙en.

Substantivierung des Adjektivs

Man schreibt das Beste groß, wenn man auch das beste Ding sagen könnte:

Das Beste ist gerade gut genug.

Ist das nicht möglich, ist meist am besten gemeint. Hier schreibt man klein:

Dieser Film war der beste.

Gemeint ist also: Dieser Film war am besten Es ist elliptisch für Dieser Film war der beste Film

Vertiefende Anmerkungen zur Substan­tivie­rung, schein­barer Sub­stan­ti­vierung und falscher Groß­schreibung finden Sie oben im Video

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