Sieg des System

deklination Neuerdings haben einige Menschen Schwierigkeiten, Namen und sogar normale Substantive richtig zu deklinieren. Dies betrifft vor allem den Genitiv maskuliner und neutraler Substantive mit der Endung ∙s: »2010 war Jahr des Bastian Schweinsteiger«, schreibt Spiegel Online. Die FAZ schreibt: »der Triumph des ›System Putin‹«. Und beim ZDF spricht man von der der roten Färbung des Nil. – Wir betrachten im Speziellen, welche Formen Substantive im Genitiv annehmen können, und verschaffen uns einen Überblick über das, was man starke und schwache Deklination von Substantiven nennt.
Dauer: 58 Minuten.

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Video veröffentlicht am 16.03.2011 (72.33 MB).

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Deklination der Substantive

Seit einigen Jahren greift dieser Deklinationsfehler beim Genitiv von Eigen­namen immer mehr um sich:

  • das Jahr des Bastian Schweinsteiger
  • Die großen und kleinen Lügen des Donald T.
  • Aufstieg und Fall des Mehmet Göker
  • Die Zweifel des Bruno Labbadia
  • Der erste große Auftritt des Mick Schumacher
  • Der Frust des Mario Götze

Alles Beispiel sind Überschriften bei Spiegel Online und der FAZ. Auf Anhieb ist gar nicht so einfach zu sagen, was an dieser Kon­struk­tion nicht stimmen soll. Vielleicht kommt man sogar zu dem Schluß, sie sei alter­tümlich und vornehm.

Das ist jedoch nicht der Fall. Beispiele dieser Art sind erst seit kurzem in epidemischem Aufschwung unter Schlag­zeilen­redak­teurenVideo-Tutorial: Zombiedeutsch, als Folge man­geln­der Ge­läufig­keit mit dem Schrift­deut­schen und durch Ver­wechs­lung mit Wen­dun­gen, die ähn­lich klin­gen. Der Fehler läßt sich deshalb nicht leicht erken­nen, weil es sich um zwei Fehler han­delt: Erstens fehlt die De­kli­nations­endung am Nach­namen. Schwein­steiger ist ein sta­rkes, mas­kuli­nes Sub­stan­tiv und muß im Geni­tiv Sin­gular auf ∙s aus­gehen. Zwei­tens ist aber auch der Arti­kel falsch. Damit wollen wir beginnen.

Substantive mit und ohne Artikel

Das Urgermanische kannte weder einen bestimmten noch einen un­be­stimm­ten Ar­tikel. Er ist auch dem Gotischen noch nicht ei­gen­tüm­lich und kommt nur da vor, wo der be­stimm­te Arti­kel des Grie­chi­schen in Über­setzun­gen wie der Wul­fila-Bibel nach­geahmt wird.

Das Deutsche verwendet aber sowohl den aus dem De­mon­strativ­prono­men ent­stan­denen be­stimm­ten Artikel der, die, das als auch den aus dem Zahl­wort ent­stan­denen un­bestimm­ten Artikel ein, eine, ein — in frü­he­ren Zei­ten aller­dings grund­sätzlich sel­tener als heute und in lockerer Weise. Die Ver­wen­dung des Artikels hat in der Ge­schich­te des Deut­schen stetig zu­ge­nom­men.

Für unseren Zweck reicht es, bei der Verwendung des Artikels die Begriffe bestimmt von unbestimmt zu unter­scheiden:

ein Haus→ inde­finit, un­determi­niert

Ein Haus ist ein unbestimmtes Haus. Wir wissen (noch) nicht, um welches Haus es sich han­delt, oder hören zum ersten­mal davon.

das Haus → definit, determiniert

Bei dem Haus ist von einem bestimmten Haus die Rede.

Kein Artikel vor Personennamen

In unserem Beispiel ist das Substantiv jedoch ein Per­sonen­name:

  • das Jahr des Bastian Schwein­steiger[s]

Per­sonen­namen sind bereits aus sich selbst deter­miniert, weil sie sich le­xi­ka­lisch auf eine be­stimmte Person be­ziehen. Daß Vor- und Nach­namen sel­ten ein­zig­artig sind, ist dabei ohne Be­lang.

Determiniert oder definit werden Substantive durch:

  • ihre Bedeutung, das heißt wenn sie Eigennamen sind:
    Peter, Schmidt, Paris;
  • wenn sie durch ein Demonstrativpronomen bestimmt werden:
    dieses Haus, der Mann da, jenes Ereignis;
  • wenn sie durch einen Namen als Genitivattribut bestimmt werden:
    Peters Auto.

Ist keine dieser Voraussetzungen erfüllt, wird ein Substantiv durch den bestimmten Artikel (der, die, das) be­stimmt: Das Auto (ein­deu­tig be­stimmt) vs. Auto fah­ren/auto­fah­ren (ar­tikel­los) und ein Auto (ein­deu­tig un­be­stimmt).

Substantive werden theoretisch durch jedes substantivische Attri­but (Geni­tiv­attri­but und Ap­posi­tion; wird unten er­klärt) sowie durch den Re­la­tiv­satz (ein Neben­satz als At­tri­but: At­tribut­satz: der Mann, der an der Ecke stand und war­tete) oder auch einen Ad­ver­bial­satz die Stelle, wo der Mord ge­schah ein­deu­tig deter­miniert, nicht jedoch durch ein Ad­jektiv­attri­but (gelb + Auto, da kom­men viele in Frage).

Weil substantivische Attribute dem Bezugs­wort heut­zu­tage aber im­mer nach­gestellt sind, muß das Be­zugs­wort mit dem Arti­kel ste­hen; sonst er­führe man erst im Nach­hinein, daß das Be­zugs­wort be­stimmt ist: das Auto des Man­nes. Die­ses Prin­zip er­kennt man gut an Eigen­namen als At­tri­but:

  • Lisas Auto: Der Eigenname ist dem Bezugswort vorangestellt und bestimmt es ein­deu­tig. Das Bezugs­wort hat daher keinen Artikel.
  • das Auto der jungen Lisa: Das Attribut folgt auf das Bezugs­wort. Auto erhält des­halb den Artikel, damit man bereits beim Hören oder Lesen des Wor­tes weiß, daß es bestimmt ist.

In der gesprochen Sprache kommt es vor, daß einem Namen der be­stimm­te Ar­ti­kel voran­gestellt wird (Hyper­deter­mina­tion), nicht jedoch in der ge­schrie­benen:

  • Gesprochene Sprache: (Der) Peter kommt heute nicht.
  • Geschriebene Sprache: Peter kommt heute nicht.

Artikel vor Namen mit Adjektivattribut: der junge Werther

Es gibt jedoch eine Situation, in der Eigennamen regulär mit dem be­stimm­ten Ar­tikel ste­hen, und zwar immer dann, wenn sie durch ein Ad­jektiv­attribut näher bestimmt werden:

  • der alte Peter
  • der junge Werther
  • die kluge Lisa

Wir wissen aus einem früheren Tutorial, daß Adjektive als Attribut stark und schwach gebeugt wer­den können:Tutorial: Starke und schwache Beugung des Adjektivs als Attribut Sie werden stark gebeugt, wenn das Bezugs­wort unbestimmt ist; vor definiten Sub­stan­tiven muß das Ad­jek­tiv schwach gebeugt werden:

  • Starkes Adjektiv vor unbestimmten Bezugswort: ein alt∙er Mann, eine jung∙e Frau, ein klein∙es Kind. Früh∙er Vogel fängt den Wurm.
  • Schwaches Adjektiv vor bestimmten Bezugswort: der alt∙e Mann, diese jung∙e Frau, das klein∙e Kind da. Der früh∙e Vogel fängt den Wurm.

Die Endungen der schwachen Adjektivbeugung sind nicht sehr vielseitig: kleine, kleinen. So isoliert sieht man ihnen nicht an, wel­ches Genus und welchen Ka­sus und Nume­rus sie haben. Das ist auch nicht nötig, da ihnen stets der Ar­ti­kel oder ein Pro­nomen vor­aus­geht. Die Phra­se wird also durch ein Wort ein­gelei­tet, das in den drei Kat­ego­rien Ka­sus, Ge­nus und Nu­merus exakt zu iden­tifi­zieren ist: der, des, dem, dem, die usw.

Eigennamen sind aus sich selbst heraus definit. Das Ad­jektiv­attri­but muß bei ihnen also schwach ge­beugt werden. Da Eigen­namen aber kein Arti­kel vor­aus­geht, lassen sich die drei Kate­gorien besten­falls am Ende der Phrase erkennen:

  • alt∙e Peter

Deswegen wird aus technischen Gründen der Artikel vorangestellt:

  • der alte Peter (Ah!)

Wird diese Wendung nun in einen anderen Kasus gesetzt, nehmen alle drei Teile der Phrase die Form dieses Kasus an:

  • das Haus de∙s alt∙en Peter∙s

Weil der technisch bedingte Artikel vor Eigennamen eben dann vor­kommt, wenn sie ein Ad­jektiv­attribut bei sich haben, haben unsichere Deutsch­sprecher in den letzten zwei­hundert Jah­ren angefangen, die Ge­nitiv­endung des Sub­stan­tivs weg­zulassen: des alten Peter. Diese Praxis reicht min­destens ins 18. Jahrhundert zurück, weil wir bereits Gustav Wust­mann (Sprach­dumm­heiten) darüber klagen hören (des Roten Kreuz statt korrekt des Roten Kreuzes).

Ein berühmtes Beispiel zeigt, wie es richtig geht:

Die Leiden der jungen Werthers. Erstausgabe.
Bild: H.-P.Haack (CC BY SA 3.0), Wikipedia

Ebenso findet wird die richtige Beugung im Text selbst:

Richtiger Genitiv bei Goethe
Auch im Text heißt es die Leiden des jungen Werthers.

Offenkundig sind die Leiden des jungen Werthers nicht so be­rühmt, daß sich der Titel bis zum Feuil­leton der Zeit herum­gespro­chen hat:

Falscher Genitiv in der Zeit

Die grammatikalische Verhohnepipelung des jungen Werthers greift um sich:

Fehlende Genitivendung
Erst nachschlagen, dann schreiben.

Ein Linguist würde den Wegfall des Genitiv-s wohl damit erklären, daß der Genitiv ja bereits durch den Artikel des aus­gedrückt wird. Es han­delt sich also um eine Ver­schie­bung der Geni­tiv-Mar­kie­rung von hin­ten nach vorne. Das kann aber schon des­halb keine Er­klä­rung sein, weil es nichts er­klärt. Zudem ist es nicht der Grund. Der liegt näm­lich in weib­lichen Per­sonen­namen: Wir sagen zwar Lisas Auto, aber das Auto der jun­gen Lisa. Hier ist die Ge­ni­tiv­endung nicht ab­gefal­len. Es hat sie bei weib­lichen Namen mit Ad­jek­tiv nie ge­ge­ben, wie wir unten sehen werden.

Bevor wir tiefer in die De­klina­tion der Sub­stan­tive ein­tau­chen, sei ein wei­terer Feh­ler im Um­gang mit Eigen­namen mit Ad­jektiv­attribut an­ge­führt. Er tritt erst seit kur­zer Zeit auf.

Starkes Adjektiv vor Eigennamen

Hat ein Eigenname ein Adjektivattribut bei sich, wird dieses Adjektiv unter al­len Um­stän­den schwach ge­beugt.

  • Richtig: der alt∙e Peter.
  • Falsch: (der) alt∙er Peter.

Den­noch fin­det man in der deut­schen Syn­chron­fassung der Fern­seh­serie The Simpsons Homer Simp­son über seinen Sohn schimpfen und sagen: Blöder Bart!. Die Wen­dung charak­terisiert Homer als in­fanti­len Cha­rak­ter und ist somit ge­recht­fertigt und bestimmt Absicht. Nach­machen sollte man es aber nicht, denn es ist ein gram­matika­lischer Feh­ler, der sonst nur Kin­dern pas­siert. Genau darin liegt näm­lich das In­fantili­sie­rende.

Der Fehler entsteht durch falsche Analogie (Generalisierung) zu Ausrufen wie Braver Hund! oder Blöder Depp!. Hund und Depp sind aller­dings keine (lexikalisch bestimmten) Eigen­namen, sondern ganz normale (unbestimmte) Sub­stan­tive. Sie sind in diesen Wendungen indefinit, weshalb ihnen ein stark gebeug­tes Adjek­tiv voran­geht. Denn Braver Hund! ist eine Verkürzung aus (Bello), du bist ein braver Hund!. Blöder Bart! ist dagegen nicht verkürzt aus Bart, du bist ein blöder Bart! Das ergäbe keinen Sinn, da es nur einen Bart geben kann.

Noch ein Beispiel:

Falsches Adjektivattribut, Beispiel 1
Die Artikel von Matthias Kremp von Spiegel Online fallen uns stets durch ihre enormen gram­mati­kali­schen und stili­stischen Defizite auf.

Wie jeder Apple-Aktionär weiß, gibt es nur einen Steve Jobs, und zwar den Steve Jobs. Das Adjektiv muß hier also schwach gebeugt werden, was den bestimmten Artikel bedingt: der kranke Steve Jobs. So wäre die Überschrift zwar morpho­logisch richtig, bliebe aber syn­tak­tisch und sti­listisch immer noch falsch, denn die Krank­heit ist die Aus­sage der Mel­dung und keine per­manen­te Eigen­schaft von Steve Jobs. Sie gehört des­halb nicht ins At­tri­but, sondern in die Satz­aus­sage, das Prädikat: Steve Jobs (ist) (wieder) krank: …

Weitere Beispiele:

Falsches Adjektivattribut, Beispiel 2
Die Überschrift ist grammatikalisch und stilistisch falsch. Richtig und besser wäre: Schürle agil, Träsch leidet. Dieses Beispiel gehört zur globalen Infantilisierung der Sprache auf Spie­gel Online (Dagegen-Republik).
Falsches Adjektivattribut, Beispiel 3
Derselbe Fehler. Statt Toter Bin Laden: Fototrickser fälschen Leichenbilder sollte es heißen: Fototrickser fälschen Leichenbilder von Bin Laden.

Im nächsten Beispiel steht das starke Adjek­tiv nicht völ­lig falsch vor ei­nem Eigen­namen, son­dern vor einem nor­ma­len Sub­stan­tiv:

Falsches gebeugtes Adjektivattribut, Beispiel 4
Auch gegen die Formulierung Getöteter Qaida-Chef ist einiges einzuwenden.

Tatsächlich findet man solche starken Adjektive häufig vor Sub­stan­tiven, und zwar in Titeln, zum Bei­spiel im Titel eines Krimis:

Starkes Adjektiv vor unbestimmten Substantiven in Titeln
Korrekter Gebrauch eines starken Adjektivs vor unbestimmten Substantiven in Titeln.

Zweifellos ist Getöteter Qaida-Chef von einem ungelenken Redakteur bei Spiegel Online nach diesem Schema gebildet worden. Es gibt jedoch einen ge­wich­tigen Unter­schied, den der Redakteur nicht be­grif­fen hat: Im Krimi­titel ist es ein Nebel, und der ist töd­lich. Es handelt sich also um ein un­bestimm­tes Sub­stan­tiv, vor dem gemäß der Regel ein star­kes Ad­jek­tiv steht. Bei Titeln ist es aller­dings üblich, den un­bestimm­ten Artikel weg­zu­las­sen. Im Bei­spiel von Spie­gel On­line ist es je­doch nicht ein Qai­da-Chef. Das Sub­stan­tiv ist lexi­ka­lisch bestimmt, weil es dem We­sen eines Chefs ge­mäß nur einen ein­zi­gen Chef geben kann. Die Kon­struk­tion mit star­kem Ad­jek­tiv drückt aber aus, es gäbe meh­rere Chefs und die­ser hier sei der ge­töte­te.

  • Tödlicher Nebel = Ein tödlicher Nebel → Das ergibt einen Sinn.
  • Getöteter Qaida-ChefEin getöteter Quaida-Chef → Das ergibt keinen Sinn.

Die Formulierung ist also grammatikalisch falsch. Zudem ist sie journa­listisch schlecht geraten, weil sie die In­forma­tio­nen re­dun­dant und in fal­scher Rei­hen­folge bringt. Der Eigen­name soll­te als The­ma und Be­zug in der Topik­zeile ge­nannt wer­den, die ei­gent­liche Mel­dung in der Haupt­über­schrift als Prä­dikat dazu: Osama bin Laden: USA zögern Ver­öffent­lichung des Lei­chen­bilds hin­aus.

Zwei letzte Beispiel:

Adjektivattribut nicht richtig dekliniert, Beispiel 5
Ebenso falsch. Es sind nicht irgendwelche Australier, die immer harmlos sind, sondern die Australier, die nur jetzt harmlos sind. Richtig und besser wäre: Australier harm­los. Deutsch­land führt.

Im Gegensatz zum vorherigen Beispiel geht es bei diesem um die fiktive Figur Frankenstein:

Falsches Adjektivattribut, Beispiel 2
Auch hier ist die Überschrift grammatikalisch falsch und zudem jour­nali­stisch schlecht, denn die Mel­dung be­steht aus der Neuig­keit, daß Fran­ken­stein in Almo­dó­vars Film trau­rig ist. Die Mel­dung oder Aus­sage sollte nie­mals im At­tri­but stehen. Sie gehört ins Prä­dikat: Fran­ken­stein trau­rig, Monster wunder­schön.

Kann es einen traurigen Frankenstein geben, wenn man be­denkt, daß es von Fran­ken­stein viele Inter­preta­tio­nen gibt? Natürlich nicht. Es gibt nur den Fran­ken­stein, und der ist bei Almo­dóvar trau­rig. Lei­der ist Su­san Va­hab­za­deh von all dem ziem­lich un­beleckt:

Es geht um einen traurigen Franken­stein und sein wun­der­schö­nes Mon­ster. Ein Horror­thril­ler, sagt Almo­dóvar - span­nend wie ein Thril­ler ist "La piel que habito" alle­mal, der Schrecken aber ist sub­til.

Susan Vahabzadeh, Süddeutsche.deExterner Link zum Artikel bei Sueddeutsche.de

Es geht in Almodóvars Film nicht um einen trauri­gen Fran­ken­stein, denn das ist gram­mati­kalisch un­mög­lich (und auch in­halt­lich falsch), weil Fran­ken­stein ein Eigen­name und kein nor­ma­les Sub­stan­tiv ist, son­dern um ge­nau den Fran­ken­stein, den Almo­dóvar in seinem Film als trau­ri­ges Ge­müt inter­pre­tiert (auch wenn er im Film Robert heißt).

Das Ad­jek­tiv trau­rig gehört also nicht als At­tri­but vor das Sub­stan­tiv, son­dern in ein Prä­dikats­adjunkt:

  • Attribut (bei Eigen­namen nur mit bestimm­ten Artikel): der trau­rige Fran­ken­stein
  • Prädikats­adjunkt: Fran­ken­stein als trau­riger Mensch

Warum Attribute vor Eigennamen nicht selektierend gebraucht werden können, erklären wir hier ausführlich.

Genitivattribute und Appositionen im Genitiv

Der oben dargestellte Wegfall des Genitiv-s bei Eigen­namen mit Ad­jek­tiv die Lei­den des jun­gen Wer­ther[s] ist seit ei­ni­ger Zeit die Aus­gangs­basis für eine ver­hee­rende Ent­wick­lung, die sich auf normale Sub­stan­tive mit Ar­ti­kel aus­dehnt. Ein Beispiel:

Falscher Genitiv: Feinde des Internet
Falscher Genitiv bei heise.de: Feinde des Internet ist grammatikalisch falsch und zudem noch falsch zitiert.

Wer von Feinden des Internet spricht, leidet ohne Einschränkung an einer ernstzunehmenden Sprachentwicklungsstörung. Er nimmt an, daß Substantive nicht gebeugt wür­den, wenn sie einen Artikel bei sich haben. Die Quelle der Nach­richt offen­bart, daß es bei heise.de auch jour­nali­stische De­fizi­te gibt, denn der Ur­heber der Wen­dung de­kli­niert durch­aus richtig:

Richtig gebeugter Genitiv
Im falsch zitierten Original ist der Genitiv dagegen richtig.

Der Deklinationsfehler im nächsten Beispiel springt dermaßen ins Auge, daß wir davon ausgehen müs­sen, daß Birger Menke (Spie­gel Online) aus ir­gend­einer Über­zeugung falsch dekli­niert:

Falsches Adjektivattribut, Beispiel 2
Das Substantiv das Ich beugt stark. Es muß des Ichs lauten. Ob Birger Menke gram­mati­ka­lisch auch von der Digi­talisie­rung des Mann oder des Mensch spre­chen würde?

Nicht nur bei Boulevardmagazinen wie Spiegel Online hat die fal­sche Beu­gung Met­hode, auch bei Zei­tungen, bei denen man ei­gent­lich die Ret­tung durch den Chef vom Dienst er­war­tet hättet. Hier ein Bei­spiel von der FAZ:

Falscher Genitiv
Hier stimmt gar nichts. Der Genitiv ist falsch gebeugt und zudem noch in sinnlose Anfüh­rungs­zei­chen gesetzt. Sie sind deshalb sinnlos, weil nichts zitiert wird. Sym­ptome einer Sprach­entwicklungs­störung.

Man könnte glauben, die Wendung stünde in Anfüh­rungs­zei­chen, weil eine Äuße­rung aus dem Text zitiert wird. Selbst wenn das der Fall ist, wird in Überschriften die Anführung nach den Regeln der Kunst nicht durch An­füh­rungs­zeichen kennt­lich gemacht. Über­schrif­ten haben keine andere Auf­gabe, als den Inhalt anzu­deu­ten und zum Lesen anzu­regen. Doch wenn man den Artikel zu dieser Über­schrift liest, staunt man: Die Wendung kommt im gan­zen Text kein einziges Mal vor, und es wird auch nicht an­gedeu­tet, daß sie in Ruß­land oder Deutsch­land je ein Mensch gesagt hätte. Es wird also gar nichts zitiert. Die An­führungs­zeichen sind Scher­gen der falschen Dekli­nation.

Denn zuerst war der Deklinationsfehler da. Herr Bacia hat wohl be­merkt, daß irgend­etwas mit der De­klina­tion nicht stimmt, ist aber nicht auf die Idee gekommen, daß starke Neutra wie System im Geni­tiv auf -s ausgehen. Anstatt diesen Fehler zu korrigieren, möchte er ihn mit einem zweiten Irrtum vertuschen, mit der Annahme nämlich, daß die Regeln der Sprache in­ner­halb von An­füh­rungs­zei­chen nicht gelten würden.

Hier zum Vergleich ein Beispiel, wo alles richtig ist:

Richtig gebeugtes Genitivattribut mit Apposition
Der Genitiv ist richtig gebeugt, und die vom Genitiv abhängige Apposition auch.

Die beiden Beispiele sind völlig gleich konstruiert und be­ste­hen aus ei­nem Be­zugs­wort im Nomi­nativ der Triumph, die Iso­lie­rung, von dem ein Ge­nitiv­attri­but ab­hängt des Systems. Ge­nitiv­attri­bute sind Sub­stan­tive, die im Genitiv stehen, egal in wel­chem Kasus das Be­zugs­wort steht:

Was ist ein Genitivattribut?

Das Genitivattribut ist ein Substantiv (das wiederum Attribute haben kann) und steht immer im Genitiv. Normalerweise sind Genitivattribute heutzutage dem Bezugswort nachgestellt. Wie früher üblich gehen sie voran, wenn es sich um einen Namen handelt. Auch die Nachstellung ist möglich (das Auto Peters), aber nicht mit bestimmtem Artikel (das Auto des Peters).

Im Beispiel unten wird das Bezugswort durch ein vorangestelltes Genitivattri­but ein­deu­tig be­stimmt; es benötigt daher zur Deter­mination keinen Artikel. Oben jedoch ist das Attribut nachgestellt. Damit man nicht erst im Nach­hinein erfährt, daß das Bezugs­wort deter­miniert ist, geht ihm hier der bestimmte Artikel voran.

In beiden Beispielen folgt auf das Genitivattribut allerdings noch ein weiteres Substantiv Putin, Westerwelle. Aus dem Inhalt wis­sen wir, daß dieses Sub­stan­tiv ein At­tri­but zu System sein muß, weil es Aus­kunft dar­über gibt, um was für ein Sys­tem es sich han­delt. Das Sub­stan­tiv steht jedoch nicht im Ge­ni­tiv, des­halb kann es sich nicht um ein Ge­nitiv­attri­but han­deln.

Tatsächlich gibt es neben dem Genitivattribut noch ein weiteres Sub­stan­tiv­attri­but: die Ap­posi­tion. Die Ap­posi­tion steht jedoch im selben Kasus und Nu­me­rus wie das Be­zugs­wort:

  • Nominativ: Peter, der Arzt App, wohnt in Berlin.
  • Akkusativ: Sie heiratete Peter, den Arzt Apposition.
  • Dativ: Sie half Peter, dem Arzt Apposition.
  • Genitiv: Das Auto Peters, des Arztes Apposition.
  • Mehrzahl: Peter und Horst, die Ärzte Apposition. wohnen in Berlin.

Wenn ein Genitivattribut immer im Genitiv steht und eine Apposition immer in demselben Kasus wie das Bezugswort, dann läßt sich eine Ap­posi­tion nicht von einem Genitiv­attribut unter­schei­den, wenn sie von einem Genitiv­attribut ab­hängig ist und des­wegen selbst im Genitiv steht:

Was ist eine Apposition?
Eine Apposition ist ein Substantivattribut. Das Substantiv steht im selben Kasus wie das Bezugswort. Weil das Bezugswort hier ein Genitivattribut (lila) ist, steht auch die davon abhängige Apposition (grün) im Genitiv.

Wenn das Bezugswort selbst ein Genitivattribut ist und im Genitiv steht, muß also auch die davon abhängige Apposition im Genitiv stehen: das Auto Peters, des Arztes. Sehen wir uns noch einmal ein solches Beispiel von oben an:

  • Triumph des Systems GenAttr Putin App

System ist eindeutig ein Genitivattribut zu Triumph und selbst wie­der­um Be­zugs­wort für ein weiteres Attribut: Putin. Das kann grund­sätz­lich ein Ge­nitiv­attribut oder eine Ap­posi­tion sein. Dieses würde bedeuten, daß das System Putin selbst ist, also eine Auto­kratie, ein System namens Putin; jenes bedeutet dagegen, daß das System zu einem Mann Putin oder ihm gar ganz gehört. In beiden Fällen steht es dann aber im Geni­tiv und müßte nach den Regeln der Dekli­nation eigentlich Putins lauten.

Das tut es aber nicht. Es steht anscheinend im Nominativ. Obwohl das grammati­kalisch unmöglich ist, empfinden wir es als richtig. Wir sagen schließlich der Präsi­dent der Bundes­republik Deutschland und nicht der Bundes­republik Deutsch­lands sowie die Haupt­stadt des Frei­staats Bayern und nicht des Frei­staats Bayerns.

Tatsächlich handelt es sich nicht um einen Nominativ, denn das ist unmöglich. Im Nominativ können Substantive nur stehen, wenn sie das Subjekt bilden der Mann schlief, als Spie­ge­lung davon das Prädikat (Prädikatsnomen: Er ist Lehrer.) oder schließ­lich eine Appo­sition, die vom Subjekt abhängt Peter, der Faul­pelz, schlief.. Die Substantive Putin und Westerwelle aus den Bei­spie­len von eben sind Appo­sitio­nen zu einem Ge­nitiv­attri­but des Systems und stehen deshalb selbst im Geni­tiv. Aller­dings ist die En­dung ab­gefal­len.

Dies ist eine Erfindung des Neuhochdeutschen — davor ist sie nicht nötig gewesen, weil attributive (adnominale) Genitive im Mittel­alter kaum vorkamenVideotutorial: Die Entwicklung des adnominalen und adverbialen Genitivs in der deutschen Sprache.. Der Grund für den Abfall der Endung ist offensichtlich: Man könnte ein von einem Genitivattribut abhängiges Genitivattribut sonst nicht von einer von einem Genitiv­attri­but ab­hän­gigen Ap­posi­tion unterscheiden. Wir wüßten also in den Bei­spie­len nicht, ob Putin und Wester­welle das System sind (Apposition) oder ob es ihnen nur gehört (Genitivattribut).

Die präzisen Regeln lauten:

Eigennamen und Titel als Apposition
zu einem Genitivattribut

1. Ist das Genitivattribut als Bezugswort artikellos, trägt es keine Endung, dafür aber die von ihm abhängige Apposition:

  • die Uniform Kaiser Apposition Wilhelm∙s GenAttr
  • das Auto Peter GenAttr Müller∙sApp
  • die Praxis DoktorGenAttr Schiwago∙sApp

2. Hat das Genitivattribut als Bezugswort einen Artikel, trägt es die Genitivendung. Die anschließende Apposition verliert ihre Endung:

  • der Untergang des Herr∙n GenAttr Westerwelle Apposition
  • die Hauptstadt des Freistaat∙s GenAttr Sachsen Apposition
  • der Trainer des Fußballverein∙s GenAttr Schalke Apposition

Kommasetzung bei Apposition

Die Apposition wirft auch orthografische Fragen auf, die wir bereits im Tutorial über die Kommasetzung behandelt haben. Es gilt folgende Regel:

Appositionen werden nicht vom Bezugswort durch Komma abgetrennt, wenn sie aus dem Substantiv ohne Erweiterung bestehen. Das trifft vor allem auf Namen zu.

  • Peter Bezugswort Müller App
  • Doktor Bezugswort Huber App

Appositionen stehen in paarigen Kommas, wenn das Substantiv durch den Artikel und vielleicht weitere Attribute erweitert ist.

  • Huber Bezugswort , der ArztApposition , schlief.
  • Huber Bezugswort , der junge ArztApposition , schlief.
  • Huber Bezugswort , der Arzt aus HamburgApposition , schlief.
  • Huber Bezugswort , der Arzt, dem die Frauen vertrauenApposition , schlief.

Deklination der Substantive

Oben haben wir erfahren, daß der Genitiv seine Endungen in zwei Situationen verliert:

  • Wenn ein Eigenname im Genitiv durch ein Adjektivattribut erweitert ist (heute nach Belieben): der Schreibtisch des jungen Peter(s);
  • wenn ein Substantiv eine Apposition zu einem Genitivattribut ist (ver­bind­lich zur ein­deuti­gen Unter­scheidung zwischen Ap­posi­tion und Ge­nitiv­attri­but): die Haupt­stadt des Frei­staats Bayern.

Betroffen sind im ersten Fall auschließlich Eigennamen, alle an­de­ren Substan­tive je­doch un­ter kei­nen Um­stän­den. Wir sagen die Lei­den des jun­gen Man­nes und nicht des jun­gen Mann.

Obwohl es also nur um zwei Sonderfälle von erweiterten Sub­stan­ti­ven geht, ha­ben man­che in­zwi­schen schon Schwie­rig­kei­ten, Sub­stan­tive ohne At­tri­but rich­tig zu beu­gen:

Falsche Deklination, Beispiel 1
Der Bluff ist ein ganz normales starkes männlichen Substantiv. Der Genitiv lautet stets des Bluffs.
Falsche Deklination, Beispiel 2
Der Gau ist ein ganz normales starkes männlichen Substantiv. Der Genitiv lautet stets des Gaus.

Wie ist die Deklination der Substantive entstanden?

Ein wesentlicher Grund für alle oben gezeigten Schwierigkeiten mit der Beugung von Sub­stan­tiven liegt darin be­grün­det, daß nicht alle Sub­stan­tive im Geni­tiv die En­dung -s tra­gen und zudem noch Unter­schiede zwischen der Beu­gung normaler Sub­stan­tive und der von Eigen­namen be­ste­hen. Wir wol­len uns deshalb das System der De­klina­tion der Sub­stan­tive und Namen sys­tema­tisch an­sehen und auch, wie es ent­stan­den ist.

Im Urgermanischen, der Sprache also, aus der alle spä­te­ren ger­ma­nischen Spra­chen wie das Deu­tsche, das Nieder­ländische, das Goti­sche, das Eng­lische, das Schwe­dische usw. hervor­gegan­gen sind, en­de­ten alle Sub­stan­tive im Geni­tiv Sin­gu­lar auf -s, ganz gleich, wel­ches Ge­schlecht sie hatten und ob sie Namen waren oder nicht.

Das Substantiv setzt sich in dieser frühen Stufe aus drei Komponen­ten zu­sam­men. Die drei Kom­ponen­ten sind am Bei­spiel von ur­ger­ma­nisch dagaz Tag:

  • 1. die bedeutungstragende Wurzel: dag∙ Tag;
  • 2. das stammbildende Suffix, zum Beispiel: ∙a;
  • 3. die Kasusendung, zum Beispiel: ∙z.

In Aufbau und etymologischer Verwandtschaft der Komponenten ist das mit dem lateinischen Substantiv amicus zu vergleichen:

  • 1. Wurzel: amic∙ Freund;
  • 2. Suffix: ∙u;
  • 3. Kasusendung: ∙s.

Die verwickelte Geschichte der Deklination im Deutschen und in an­de­ren ger­mani­schen Spra­chen ba­siert zu­vor­derst auf dem Stamm­bildungs­suffix (2). Es gibt näm­lich nicht nur ein Suffix, son­dern eine ganze Reihe davon. Auch wenn das Suffix in den späteren Einzelsprachen schwindet, wie im Gotischen dags oder im Deut­schen und Eng­lischen (alt­hoch­deutsch tag und altenglisch dæg, hier sogar mit ge­schwun­dener Endung in der Grund­form, wie für das West­germa­nische typisch), be­grün­det das Suffix die Exi­stenz von Dekli­nations­klassen (wie im La­tei­nischen die a-, o-, u-, e- und n-De­klina­tion), die im Deut­schen bis heute in Form der starken und schwa­chen De­klina­tion fort­besteht.

Warum gibt es das Suffix überhaupt? Es ist das Re­sultat unter­schied­licher Wort­bil­dungs­techni­ken in vor­germani­scher Zeit, also ererbt und im Ur­germani­schen in sei­ner Viel­falt ohne Funk­tion. Die Suffixe sind jedoch über die drei Ge­schlech­terVideo-Tutorial: Wie sind die drei Geschlechter entstanden? ver­teilt und er­mög­lichen es, daß man einem Sub­stan­tiv das Genus anhand des Suf­fixes äußer­lich an­sehen kann. Das ent­spricht dem La­teini­schen, wo Sub­stan­tive auf ∙a (ur­sprüng­lich das Suffix) in der Regel weiblich sind, Sub­stan­tive auf -o(-s/-m) dagegen männ­lich oder weib­lich.

Das Suffix kann ein Vokal sein oder ein Konsonant. Man spricht da­her von voka­lischer und kon­sonan­ti­scher Dekli­nation. Diese beiden Haupt­gruppen ent­wickeln sich unter­schied­lich bis in die heu­tige Zeit. Die kon­sonan­tische De­klina­tion ver­liert ihre Endun­gen und wird zur heu­tigen schwa­chen De­klina­tion, die vo­kali­sche behält sie und wird zur heu­tigen starken De­klination.

Die vokalische oder starke Deklination

Die vokalische Deklination besaß bis ins Althochdeutsche mehrere Suffixe: Das Zei­chen Ø steht im fol­gen­den für eine ge­schwun­dene En­dung.

  • Männliche und sächliche Substantive hatten das Suffix ∙a: dag∙a∙z Tag (Nom. Sg.). Dies entspricht der o-Deklination des Lateinischen amic∙u∙s Freund und griechischen phil∙o∙s Freund. Wo im Germanischen ein a steht, steht in den nicht­germa­nischen Spra­chen o (im La­teini­schen zu u weiter­ent­wickelt).
  • Weibliche Substantive enden auf langes ō, das sich aus vor­ger­manisch ā ent­wickelt hat: geb∙ō∙z Gabe (Nom. Sg.), vgl. la­tei­nisch amic∙a∙⌀ Freundin. Das lange ō ent­wickelt sich im Deut­schen bald zu a oder u wei­ter.
  • Männliche und weibliche Substantive können auch das Suffix ∙i oder ∙u haben: gast∙i∙z Gast (Nom. Sg.), sun∙u∙z Sohn (Nom. Sg.), vgl. lateinisch: turr∙i∙s, cas∙u∙s. Das Suffix der i-De­klina­tion wird in der alt­hoch­deut­schen Zeit Umlaut ver­ur­sachen Gäste, der später zum all­gemei­nen Plural­zei­chen um­gedeutet und auf andere Klas­sen aus­geweitet wird.

All diese Substantive haben im Genitiv Singular die Endung ∙(e)s: dag∙es, gast∙es. Auch die weiblichen: geb∙ō∙(e)s. Aber im Deut­schen verlieren die weiblichen Sub­stan­tive diese Ge­nitiv­endung schnell wieder, und zwar noch vor den er­stens schrift­lichen Belegen. So sagen wir noch heute der Gabe und nicht der Gabes. Da Eigen­namen aber nicht mit dem Ar­tikel stehen und der Kasus bei weib­lichen Sub­stan­tiven nur am Ar­tikel zu er­kennen ist die Gabe, der Gabe, hat das Deut­sche in neu­hoch­deut­scher Zeit Frauen­namen mit der männ­lichen Ge­nitiv­endung ∙s versehen: Lisas Auto.

Diese Notlösung findet aber nur statt, wenn der Frauennamen keinen Artikel trägt. Wir sagen also wei­ter­hin: das Auto der Lisa (un­üb­liche Kon­struk­tion).

Die­se Struk­tur über­tra­gen un­siche­re Deutsch­sprecher irr­tüm­lich von den Frauen­namen auf Män­ner­namen, wie wir oben ge­sehen haben: Sie glauben, Sub­stan­tive hät­ten im Geni­tiv keine En­dung, wenn sie einen Arti­kel haben: das Auto des Bastian Schwein­steiger, die Zen­sur des Inter­net.

Männ­liche und sächliche Sub­stan­tive und alle Männernamen haben im Geni­tiv immer und aus­nahms­los die Endung ∙s. Rich­tig ist also: das Auto des Bastian Schwein­steigers (allerdings hat der Artikel hier nichts zu suchen) und die Zen­sur des Inter­nets.

Normale weibliche Substantive haben nie die Endung ∙s im Genitiv, Frauennamen nur, wenn ihnen kein Artikel vorausgeht.

Die konsonantische oder schwache Deklination

Bei der konsonantischen Deklination, aus der unsere schwa­che De­kli­na­tion ent­stan­den ist, ist vor allem das Suf­fix zu nen­nen, das aus einem n und einem voran­gehen­den (Hilfs-)Vokal ent­standen ist:

  • Männlich: nam∙ōn∙Ø Name (Nom. Sg.), nam∙a/in∙z Namen(s) (Gen. Sg.). In der Grundform ist der Vokal gedehnt, die Endung ∙s entfällt. So auch im Lateinischen: Cicer∙ō[ns] im Nominativ, aber Cicer∙ōn∙is im Genitiv
  • Weiblich: tung∙ōn∙Ø Zunge (Nom. Sg.), tung∙ōn∙z Zunge (Gen. Sg.).
  • Sächlich: herz∙ōn∙Ø Herz (Nom. Sg.), hert∙an∙z Herzen(s) (Gen. Sg.).

Die schwachen Substantiven endeten also ursprüng­lich auch im Geni­tiv auf ∙s. Aller­dings nicht lange, denn schon sehr früh findet eine drama­tische Ver­ände­rung statt: Alle Kasus­endung fallen ab, und das Suffix ∙n wird statt dessen als Kasus­endung ge­deu­tet. Das sehen wir noch heute deut­lich an den schwa­chen Sub­stan­tiven: Im Nomi­nativ Sin­gular sagen wir der Jung∙e, in allen ande­ren Fäl­len und auch im Plu­ral dagegen (dem/den/des/die) Jung∙e∙n. In­zwi­schen ist die starke Geni­tiv­endung ∙s zu einigen schwa­chen männ­lichen Sub­stan­tiven hin­über ge­wan­dert, damit wir die Ge­nitiv­form leich­ter erkennen zu können: des Buchstab∙e∙n∙s, aber re­gulär des Jung∙en. Schwache männliche Sub­stan­tive wie Friede wandern heute manch­mal zur star­ken De­klina­tion. Es heißt dann Frie­den in der Grund­form und Frie­dens im Geni­tiv.

Entstehung der Deklination der Substantive im Deutschen
Links der Aufbau eines starken Substantivs im Urgermanischen, rechts der eines schwachen.

Der Weg zum heutigen Deklinationssystem

Noch in althochdeutscher Zeit ist das Deklinations­system des Deut­schen viel­fältig und be­sitzt zahl­reiche De­klina­tions­klas­sen wie das La­teini­sche. Diesen Zu­stand hat das Is­län­dische bis in heu­tige Zeit be­wahrt. Im Deut­schen jedoch geht die Viel­falt mit dem Über­gang vom Alt­hoch­deut­schen zum Mit­tel­hoch­deut­schen mit einem Schlag zu Ende. In jener Zeit wer­den die Vo­kale in un­beton­ten Sil­ben zu e ab­geschwächt, aus taga wer­den Tage, aus ih sal­bōta wird ich sal­bete und später ich salb­te.

Die Subklassen der vokalischen Deklination schrump­fen zu einer Ein­heits­beu­gung zu­sam­men, die spä­ter von Jacob Grimm star­ke De­kli­na­tion ge­nannt wer­den wird, weil hier noch deutlich unterscheidbare Kasusformen weiter­existie­ren. Bei der kon­sonan­tischen De­klina­tion exi­stiert nur der Kon­trast zwischen Name im Nomi­nativ Sin­gular (Kasus rectus) und Namen in allen ande­ren Formen (Kasus obliqui). Sie wird deshalb schwache Deklination genannt.

Männliche und sächliche Substantive sind stark, wenn sie im Genitiv Singular die Endung ∙s haben, andernfalls sind sie schwach. Einige schwache Substantive nehmen schon seit dem 15. Jahr­hun­dert zur schwa­chen Endung im Geni­tiv noch die star­ke an (Dop­pel­endung): der Buch­stabe, des Buch­stabe∙n∙s. Schwache Sub­stan­tive haben stets die Plural­endung ∙en, starke da­gegen grund­sätz­lich nicht. Es gibt jedoch wenige starke Sub­stan­tive, die heute eine schwache Sub­stan­tiv­endung haben: der Staat, des Staats, die Staa­ten (Misch­deklina­tion).

Weibliche Substantive kennen keine Unterscheidung zwischen starker und schwacher Beugung, weil hier auch die star­ken Sub­stan­tive im Geni­tiv keine En­dung ∙s haben: Alle weib­lichen Sub­stan­tive werden heute gleich gebeugt, und zwar im Singular nach ehemals star­ker Manier die Frau, der Frau und im Plural nach ehe­mals schwa­cher Manier die Frauen, der Frauen. Alle weib­lichen Sub­stan­tive haben also die Mehr­zahl­endung ∙en.

Starke Deklination der Substantive

Starke Deklination der Substantive im Maskulinum und Neutrum
Singular Maskulinum Neutrum
Nominativ der Berg das Land
Akkusativ den Berg das Land
Dativ dem Berg(∙e) dem Land(∙e)
Genitiv des Berg∙(e)s des Land∙(e)s
Plural Maskulinum Neutrum
Nominativ die Berg∙e, die Männ∙er die Pferd∙e, die Länd∙er
Akkusativ die Berg∙e, die Männ∙er die Pferd∙e, die Länd∙er
Dativ den Berg∙en, den Männ∙ern den Pferd∙en, den Länd∙ern
Genitiv der Berg∙e, der Männ∙er der Pferd∙e, der Länd∙er

Schwache Deklination der Substantive

Starke Deklination der Substantive im Maskulinum und Neutrum
Singular Maskulinum Neutrum
Nominativ der Bot∙e
Akkusativ den Bot∙en
Dativ dem Bot∙en
Genitiv des Bot∙en
Plural Maskulinum Neutrum
Nominativ die Berg∙e, die Männ∙er
Akkusativ die Berg∙e, die Männ∙er
Dativ den Berg∙en, den Männ∙ern
Genitiv der Berg∙e, der Männ∙er

In der frühen Neuzeit verstärkte sich die Tendenz, die von Anfang an bestanden hatte, die schwache Beugung von Wörtern zu entrümpeln, die keine keine Person wie Bote, Zeuge, Pate oder etwas Personenartiges wie der Bär, des Bären, die Bären bezeichneten. Maskulina wechselten dabei zum Femininum, ohne ihre Form zu verändern: mittelhochdeutsch der ameise → neuhochdeutsch die Ameise. Mehr dazu in Denksport Deutsch auf Seite 124 f.

Die schwache Deklination der Neutra wurde dagegen aufgegeben, nur wenige Exemplare tragen heute noch Mischformen:

  • das Aug∙e, des Aug∙e∙s, die Aug∙en
  • das Herz (ehemals herz∙e), im Herz∙en tragen, des Herz∙en∙s, die Herz∙en

Weibliche Substantive

Bei den weiblichen Substantiven hat sich die Un­tertei­lung in starke und schwache Sub­stan­tive im Neu­hoch­deutschen aufgelöst. Nur bei den Pluralformen findet sich noch eine endliche Menge an Wörtern ohne Singularendung ∙e und mit der alten starken Pluralendung ∙e:

Angst (die Ängst∙e), Ankunft (—), Ausflucht (die Ausflücht∙e), Auskunft (die Auskünft∙e), Axt (die Äxt∙e), Bank (die Bänk∙e), Braut (die Bräut∙e), Brunft (die Brünft∙e), Brust (die Brüst∙e), Demut (—), Einkunft (die Einkünft∙e), Faust (die Fäust∙e), Finsternis (die Finsterniss∙e), Frucht (die Frücht∙e), Gans (die Gäns∙e), Gruft (die Grüft∙e), Hand (die Händ∙e), Haut (die Häut∙e), Kluft (die Klüft∙e), Kraft (die Kräft∙e), Kuh (die Küh∙e), Kunst (die Künst∙e), Laus (die Läus∙e), Luft (die Lüft∙e), Lust (die Lüst∙e), Magd (die Mägd∙e), Maus (die Mäus∙e), Milch (die —), Nacht (die Nächt∙e), Naht (die Näht∙e), Niederkunft (die Niederkünft∙e), Not (die Nöt∙e), Nuß (die Nüss∙e), Sau (die Säu∙e), Schnur (die Schnür∙e), Stadt (die Städt∙e), Sucht (die Sücht∙e), Wand (die Wänd∙e), Wurst (die Würst∙e), Zunft (die Zünft∙e), Befugnis (die Befugniss∙e), Begräbnis (die Begräbniss∙e), Beklemmnis (die Beklemmniss∙e), Betrübnis (die Betrübniss∙e), Bewandnis (die Bewandniss∙e), Bitternis (die Bitterniss∙e), Empfängnis (die Empfängniss∙e), Erfordernis (die Erforderniss∙e), Erlaubnis (die Erlaubniss∙e), Ersparnis (die Ersparniss∙e), Fäulnis (die Fäulniss∙e), Finsternis (die Finsterniss∙e), Kenntnis (die Kenntniss∙e), Kenntnis (die Kenntniss∙e), Kümmernis (die Kümmerniss∙e), Ödnis (die Ödniss∙e), Verdammnis (die Verdammniss∙e), Verderbnis (die Verderbniss∙e)

Die übrigen Feminina enden nach schwachem Schema im Singular ∙e auf im Plural auf ∙en: die Tann∙e → zwei Tann∙en

Über diesen Unterschied hinaus folgen alle Feminina einem vereinheitlichten Paradigma, das im Singular stark und im Plural schwach ist:

Starke Deklination der Substantive im Maskulinum und Neutrum
Singular Typ 1 Typ 2
Nominativ die Tann∙e die Stadt
Akkusativ die Tann∙e die Stadt
Dativ der Tann∙e der Stadt
Genitiv der Tann∙e der Stadt
Plural Maskulinum Neutrum
Nominativ die Tann∙en die Städt∙e
Akkusativ die Tann∙en die Städt∙e
Dativ den Tann∙en den Städt∙en
Genitiv der Tann∙en der Städt∙e

Deklination von Eigennamen

Eigennamen sind im Deutschen niemals unbeugbar. Das gilt nicht nur für deutsche und fremdländische Personennamen, sondern auch für die Namen fremder Orte, Firmen und deren Produkte.

Im Neuhochdeutschen werden alle Eigennamen stark gebeugt, so wie auch alle neuen normalen Substantive stets stark gebeugt werden, weil die starke Deklination die produktive Deklination ist. Schwach werden nur noch die Substantive gebeugt, die seit jeher schwach sind. Alle Eigennamen enden also im Genitiv auf ∙s. Davon ausgenommen sind Frauennamen, wenn sie den bestimmten Artikel bei sich haben:

Deklination von Eigennamen im Deutschen
Singular männlich weiblich
Nominativ Peter Lisa
Akkusativ Peter Lisa
Dativ Peter Lisa
Genitiv Peters
des jungen Peters
Lisas
der jungen Lisa

Die unterschiedliche Beugung weib­licher Namen im Genitiv hat bei un­siche­ren Deutsch­spre­chern in den letz­ten zwei Jahr­hun­der­ten zu dem heute ver­brei­teten Fehl­schluß ge­führt, daß dies auch bei männ­lichen Na­men so wäre: des jun­gen Peter.

Deklination von geografischen Namen

Personennamen haben schriftsprachlich keinen Artikel. In der Um­gangs­sprache kommt der Artikel manch­mal vor und ist nicht falsch (so­genann­te Hyper­deter­mination).

Geografische Namen tragen stets den bestimmten Arti­kel, wenn sie nicht vom Men­schen er­schaf­fen wor­den sind. Ist der Name männ­lich oder säch­lich, endet es im Geni­tiv stets auf ∙s:

  • der Watzmann: am Fuße des Watzmanns
  • die Zugspitze: auf dem Gipfel der Zugspitze
  • das Altmühltal: die Vögel des Altmühltals
  • der Grunewald: im Dickicht des Grunewalds
  • der Timmendorfer Strand: die Länge des Timmendorfer Strands
  • der Wannsee: das Wasser des Wannsees
  • der Rhein: die Verschmutzung des Rheins
  • die Donau: die Breite der Donau
  • die Lüneburger Heide: die Schäfchen der Lüneburger Heide

Geografische Namen tragen keinen Artikel, wenn es sich um vom Menschen geschaf­fene Kon­struk­te handelt, vor allem bei Städ­ten und Län­dern. Sie sind säch­lich und haben im Genitiv die Endung ∙s:

  • Berlin: die Größe Berlins
  • Deutschland: die Zukunft Deutschlands

Das weibliche Genus und der Artikel der Schweiz sind erst vor kurzem aus dem Franzö­si­schen la Suisse ins Deut­sche ein­geschleppt worden. Ebenso ver­hält es sich beim Irak und anderen ab­wei­chenden Länder­namen.

Deklination der Monatsnamen

Alle Monatsnamen sind heute starke männliche Substantive. Sie enden im Genitiv auf ∙s: des Januars, des Mais usw. Der März wird im Ge­ni­tiv mit Apo­strophTutorial: Apostroph ge­schrie­ben: des März’.

Das war früher anders. Monatsnamen deutschen Ursprungs wurden noch im Mit­tel­alter je nach Bil­dung stark oder schwach ge­beugt. Schwach flek­tier­ten zum Bei­spiel:

  • April: aberelle: aberellen
  • März: merze: merzen
  • Mai: meie: meien

Deshalb sprechen wir auch heute noch von der Maien­zeit. Andere Mo­nats­namen wie der Hor­nung (ehemals für Februar) waren da­gegen starke Mas­kulina.

Die am Ende des Mittelalters auf­kommen­den Mo­nats­namen nach dem latei­nischen Schema men­sis …∙ius wurden von An­fang an stark gebeugt.

  • mensis ianuariusJanuar, des Januars

Monatsnamen stehen grundsätzlich mit Artikel: Der Januar kommt einem immer un­end­lich lang vor. Er kam im Februar. Nach den Wör­tern Anfang, Mitte, Ende stehen Mo­nats­namen ar­tikel­los und un­flek­tiert Anfang Januar, wahr­schein­lich in Ana­logie zu Tages­angaben wie am er­sten Januar, obwohl die Wen­dung Anfang Ja­nuar ein Akku­sa­tiv der Zeit ist (vgl. Wir fah­ren die­sen Som­mer nach Italien.).

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