Der oder das Moment?

deklination Das Substantiv ›Moment‹ wurde dreimal ins Deutsche entlehnt – jedesmal mit einem anderen Geschlecht.
Dauer: 15 Minuten.

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Video veröffentlicht am 10.04.2010 (16.73 MB).

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Lateinisch mōmentum

Das lateinische Wort mōmentum bedeutet sowohl Impuls als auch Augenblick.

Wortbildung

Mōmentum ist eine Verkürzung aus movimentum. Der erste Teil des Wortes stammt vom Verbum mōvēre bewegen. Impuls ist also die innerste Bedeutung dieser Vokabel: mŏvi∙men∙tum → mōmentum

Der zweite Teil des Wortes ist ∙men∙. Dies ist eine alte indo­ger­ma­nische Medium­endungWas ist ein Medium? Externer Link zu Wikipedia, die sich in vielen Sprachen findet. Sie steckt auch in grie­chi­schen Fremd­wör­tern auf ∙ma: Thema, Di­lem­ma, Kom­ma, Koma, Lemma, Phleg­ma, Rheuma, Trema, Stigma, Zeugma.

Im Lateinischen müssen mit ∙men∙ gebildete Sub­stan­tive nicht un­be­dingt säch­lich sein: fē∙mina∙a Frau, wörtlich die Säugende, ist weib­lich, alu∙mn∙us Schüler, wörtlich der Auf­gezo­gene, ist männ­lich.

Bedeutung

Mōmentum bedeutet räumliche Kraft, Impuls, Schwung. Der räum­liche Bezug kann auch im übertragenen Sinne, also bild­sprach­lich ver­wen­det werden: Ein­fluß, Beweg­grund, Motiv.

Fängt man einen Medizinball, nimmt man die Be­wegungs­ener­gie als Ge­wicht wahr. Mōmentum bedeutet daher auch Gewicht. Auch diese Be­deu­tung kann übertragen gebraucht werden: Bedeutung, Wert; zum Beispiel in levi mōmentō aestimāre gering­schätzen, wörtlich als von leichtem Gewicht einschätzen.

Doch wie kommt es zur zeitlichen Bedeutung Augen­blick, Mo­ment? Mōmentum kann auch meto­ny­misch verwendet werden. Es steht dann nicht nur für den Grund oder den Impuls einer Bewe­gung, sondern pars prō tōtō für die gesamte Bewegung: Mōmentō témpŏris bedeutet wörtlich in der Bewegung der Zeit und meint seit kurzem.

So kann mōmentum auch Zeit­abschnitt, Phase, Augen­blick, Mo­ment bedeuten. Es bezeich­net den ent­schei­den­den Augen­blick, den Moment also, der den Aus­schlag gibt und die Er­eig­nisse vor­an­bringt.

Entlehnung ins Deutsche

Die Koexistenz von der Moment und das Moment im Deutschen ist die Folge mehr­mali­ger Ent­lehnung.

Das lateinische mōmentum wurde zunächst ins Französische ent­lehnt. Weil das Lateinische drei Geschlechter, das Französische aber nur zwei kennt, wird das im Lateinischen sächliche Substantiv im Fran­zösi­schen männlich: le moment.

Von dort wurde es bereits im Mittelalter in der Bedeutung Augen­blick ins Mittel­hoch­deutsche ent­lehnt: die mōmente. Wohl in Analogie zu anderen Zeit­begrif­fen wie die Stunde erscheint es dort als starkes weib­liches Sub­stan­tiv. Diese erste Ent­leh­nung schaffte es allerdings nicht ins Neu­hoch­deut­sche. Das Wort starb aus.

In der Neuzeit wurde le moment noch einmal ins Deutsche als An­geber­voka­bel entlehnt. Es hat nun das männliche Geschlecht, be­deu­tet Augen­blick und wurde lange Zeit auch französisch ausgesprochen.

Parallel wurde das Wort aber auch noch einmal direkt aus dem La­tei­ni­schen impor­tiert und in Philosophie, Naturwissenschaft und Rechts­kunde aus­schließ­lich in der anderen Bedeutung Impuls, Bewegungs­kraft verwendet. Hier achtete man streng darauf, dasselbe Geschlecht wie im Latei­ni­schen zu verwenden.

Entlehnung des Wortes ›Moment‹ aus dem Lateinischen und dem Französischen Ausgangsbasis ist das lateinische Wort 'momentum'. mōmentum Aus dem Lateinischen wurde ins Französische vererbt: 'le moment'. le moment Vererbung vom Lateinischen ins Französisch: Neutra werden Maskulina. Das Wort 'Moment' wurde dreimal ins Deutsche entlehnt, jeweils mit anderem Geschlecht und in zwei Bedeutungen. In der Wissenschaft wurde 'das Moment' direkt aus dem Lateinischen entlehnt; dabei wurde das Genus übernommen. das Moment Die erste Entlehnung aus dem Französischen fand im Mittelalter statt. Wie andere Ausdrücke der zeit wurde 'Momente' weiblich. die Momente (ausgestorben) Zweite Entlehnung aus dem Französischen ins Deutsche in der Neuzeit. der Moment Im früheren Neuhochdeutschen wurde noch französisch ausgesprochen. {der mõmang} Heute gleich die Aussprache der lateinischen Entlehnung. {der momänt}

Bei der Moment und das Moment han­delt es also um zwei ver­schie­dene Wör­ter mit ei­ge­nem Ge­schlecht und eige­ner Be­deu­tung. Un­klar­hei­ten ent­ste­hen nur, weil sich die Aus­spra­che der beiden Wör­ter im spä­ten Neu­hoch­deut­schen an­gegli­chen hat.

Moment versus momentum im Englischen

Das gleiche geschah im Englischen: A moment of time stammt eben­falls vom französischen le moment ab und bedeu­tet immer Augen­blick.

Direkt aus dem La­teini­schen wurde die andere Be­deu­tung ent­lehnt: Mo­men­tum mit Er­hal­tung der latei­ni­schen Neu­trum­endung be­deu­tet im Eng­lischen Im­puls, An­triebs­kraft, Schwung.

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