Konjunktiv leicht gemacht!

konjunktiv Die Konjunktive der gesprochenen Sprache beherrscht jeder. Bei den Konjunktiven, die nur in der Schriftsprache vorkommen, findet sich in Zeitungen und Büchern eine enorme Fehlerquote. Mit unseren Tutorials zum Konjunktiv ist die Zeit des Mumaßens vorbei.
Dauer: 51 Minuten.

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Dieses Thema wird aufwendig und neu im BL-Buch Denksport Deutsch behandelt.

Video veröffentlicht am 08.01.2010 (58.95 MB).

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Der Konjunktiv in der deutschen Sprache

Der Konjunktiv wird in der gesprochenen und in der geschrie­be­nen Sprache verwendet. In der ge­sprochenen Sprache ist er auf Haupt­sätze und Bedingungssätze beschränkt:

  • Hättest du nur etwas gesagt, dann hätte ich dir geholfen!
  • Würden sie mir die Tür aufhalten?
  • Das hätte ich mir nicht bieten lassen!
  • Er dürfte wohl gegen sechs kommen.

Diese mündlichen Anwendungsfälle bereiten einem Sprecher des Deut­schen kaum Schwierigkeiten.

Anders sieht es mit jenen Konjunktiven aus, die ausschließlich in der ge­schrie­benen Spra­che vor­kom­men. Hier findet man in Zeitungen und Büchern eine enorme Zahl an falschen Formen. Sie ent­ste­hen durch den Irr­tum, die beiden Kon­junk­tive des Deut­schen — sei und wäre, habe und hätte — wären untereinander austauschbar und sei bloß die fei­nere, schrift­sprach­liche­re Vari­ante von wäre.

Wer als Schriftsteller, Lektor oder Journalist etwas auf seine Bil­dung hält, wird in ir­rea­len Ver­gleichs­sät­zen mit als ob zum Kon­junk­tiv 1 grei­fen:

Falsch: Er verhielt sich, als gehöre ihm die ganze Welt.

Der Konjunktiv steht hier aber nur, um auszudrücken, daß es sich um einen irrealen Ver­gleich han­delt. Und Un­wirk­liches und Hypo­theti­sches drückt im Deut­schen allein der Kon­junk­tiv 2 aus. Rich­tig muß es also heißen:

Richtig: Er verhielt sich, als gehörte ihm die ganze Welt.

Der Konjunktiv 1 gehöre, sei, habe drückt etwas ganz anderes aus, und zwar innerliche Abhängigkeit.

Bevor wir uns die Sache von Grund auf und systematisch anschauen, vergessen Sie bitte alles, was Sie über den Konjunktiv zu wissen glauben, und prägen sich folgende Regeln ein:

1. Der Konjunktiv im Deutschen ist ziemlich einfach. Am Ende dieses Tutorials werden Sie ihn begriffen haben und korrekt anwenden können.

2. Der Konjunktiv ist keine Möglichkeitform. Vergessen Sie den Begriff der Mög­lich­keit. Seine An­wen­dung ist auch nicht vage, wie ihr Deutsch­lehrer oder ihre Hausgrammatik Ihnen weismachen will, sondern kann mit ein­fachen und prä­zi­sen Re­geln be­schrie­ben werden.

3. Es gibt nur ein Konjunktivsystem im Deutschen, das sowohl für die ge­spro­chene als auch für die ge­schrie­bene Spra­che gilt. Kon­junk­tiv 1 und 2 sind zwei ver­schie­dene Dinge, die nicht un­ter­einan­der ver­tauscht wer­den können.

A Bildung des Konjunktivs

Bevor wir uns die Aufgaben des Konjunktivs ansehen, machen wir uns klar, welche Formen sie bilden.

Die deutsche Sprache besitzt zwei Konjunktivformen. Sie werden vom Stamm der Präsens- und der Präteritumsform des Verbs ab­ge­lei­tet, wes­halb man sie traditionell als Konjunktiv Präsens (la­tei­nisch con­iunc­tivus prae­sentis) und Konjunktiv Präteritum (la­tei­nisch con­iunc­tivus prae­ter­iti) be­zeich­net:

  • ich bin → daß ich sei (Konjunktiv Präsens)
  • ich war → als ob ich wäre (Konjunktiv Präteritum)
  • ich habe → daß ich habe (Konjunktiv Präsens)
  • ich hatte → als ob ich hätte (Konjunktiv Präteritum)
  • ich fahre → daß ich fahre (Konjunktiv Präsens)
  • ich fuhr → als ob ich führe (Konjunktiv Präteritum)

Für die Bildung der Formen sind diese tradionellen Begriffe hilfreich, für ihre Verwendung dagegen irre­füh­rend. Man spricht bes­ser von Kon­junk­tiv 1 und 2, weil es sich dabei nicht um ein und die­selbe Sache in zwei Zeit­stufen han­delt.

Das ist das Wesentliche zur Bildung. Sie können die folgen­den Son­der­fälle aus­las­sen und zur An­wen­dung sprin­gen.

B Verwendung des Konjunktivs

Für die Bil­dung der Kon­junk­tiv­for­men sind die tra­ditio­nel­len Be­zeich­nung er­hel­lend, für ihre Ver­wen­dung da­gegen irre­füh­rend, denn kei­ner der beiden Kon­junktive drückt eine Zeit­stufe aus. Der deut­sche Kon­junk­tiv hat im Gegen­satz zum Lateinischen (Consecutio temporum) oder zum Englischen (back-shift in re­por­ted speech) und an­deren Spra­chen kei­nen Zeit­bezug. Im Eng­lischen hängt die Zeit­form im ab­hängi­gen Aus­sage­satz von der Zeit­form des Haupt­sat­zes ab, im Deut­schen nicht: Es heißt cōnsecūtiō témpŏrum und nicht cōnsecūtiō tempṓrum!

  • John says that his boss is not very friendly.
    John sagt, daß sein Chef nicht sehr freundlich sei.
  • John said that his boss was not very friendly.
    John sagte, daß sein Chef nicht sehr freundlich sei.

Deshalb nennt man die beiden For­men besser Konjunktiv 1 und Konjunktiv 2. Sie über­nehmen im Neben­satz verschiedene Aufgaben.

  • Konjunktiv Präsens → Konjunktiv 1
  • Konjunktiv Präteritum → Konjunktiv 2

B1 Konjunktiv 1

Der Konjunktiv 1 hat im Deutschen nur eine einzige Aufgabe: Er stellt Aussagen als innerlich abhängig dar. Man fin­det ihn daher in der in­direk­ten Rede und ähnlichen Sätzen. Über den Wahr­heits­gehalt die­ser Aus­sa­gen (Rea­lis, Ir­rea­lis und Poten­tia­lis) gibt er keine Aus­kunft.

Konjunktiv 1 im abhängigen Aussagesatz

Eine Vorübung:

  • Er sagt die Wahrheit.

Äußerlich/formal ist die Wahrheit das Objekt des Satzes und vom Verb sagte abhängig. Es erläutert zudem, was der Inhalt des Sagens ist (in­ner­lich oder in­haltlich abhängig). Das Objekt muß aber kein Sub­stan­tiv sein. Auch ein gan­zer Satz kann das Ob­jekt bil­den:

  • »Ich fahre jetzt!« sagt er.

Hier bildet ein direkter Aussagesatz das Objekt des Hauptsatzes. Möchte man die di­rek­te Rede in in­direk­te RedeTutorial: Konjunktiv 1 und indirekte Rede um­wan­deln, erhält man einen in­di­rek­ten (= abhängigen) Aus­sage­satz:

  • Er fahre jetzt, sagt er.

Indirekte (= abhängige) Aussagesätze, auch bekannt als indirekte Rede, stehen grundsätz­lich im Kon­junk­tiv 1. Ob das Verb im Hauptsatz (ein Verb des Sa­gens, Den­kens oder Fühlens, sog. verba dicendi et sen­tien­di) im Präsens oder im Prä­teritum steht, ist im Ge­gen­satz zum Eng­lischen un­erheb­lich:

  • Er fahre jetzt, sagt er.
  • Er fahre jetzt, sagte er.

Es kann allerdings vorkommen, daß der Konjunktiv 1 sich nicht vom Indikativ unterscheiden läßt:

  • Sie beginnen jetzt, sagt er. (Indikativ)
  • Sie beginnen jetzt, sagte er. (= Konjunktiv 1)

In diesem Fall — und nur in diesem! — wird der Konjunktiv 1 ausnahms­weise durch den Konjunktiv 2 ersetzt:

  • Sie beginnen jetzt, sagte er. (Konjunktiv 1) → Sie begännen jetzt, sagte er. (= Konjunktiv 2)

Im abhängigen Aussagesatz steht unabhängig vom Tem­pus des Verbs, von dem dieser Satz abhängt, der Kon­junk­tiv 1. Der Kon­junk­tiv 1 ist die Form, die in­halt­liche/in­ner­liche Abhän­gig­keit zum Aus­druck bringt (und nichts an­deres). Ist die Form des Kon­junk­tivs 1 al­ler­dings mit der Indi­kativ­form iden­tisch, wird stell­ver­tre­tend der Kon­junk­tiv 2 ver­wen­det.

Dieses übergeordnete Verb muß nicht unbedingt ein Verb wie sagen, fragen oder glauben sein. Manchmal ergibt sich das Aussagen auch aus der Gesamt­bedeu­tung des Haupt­satzes:

  • Wir werden nicht gerettet!
  • Sie hatten keine Hoffnung mehr, daß sie gerettet würden.

Auch bei diesem Beispiel wurde der Konjunktiv 1 (werden) durch den Kon­junktiv 2 (würden) ersetzt, weil er mit dem Indi­kativ iden­tisch ist.

B1a Konjunktiv 1 als Optativ?

Hat der Konjunktiv 1 denn wirklich keine ande­ren Auf­gaben, als die in­ner­liche Ab­hängig­keit und in­di­rekte Rede aus­zu­drücken? Die Ant­wort lau­tet nein. Der Kon­junk­tiv 1 kann heut­zu­tage ei­gent­lich nur in Glied­sät­zen ste­hen und steht dort für in­ner­liche Ab­hän­gig­keit. In Haupt­sät­zen kommt er nur vor, wenn dem Haupt­sätze in einem Satz da­vor ein Aus­druck des Sa­gens oder Den­kens vor­aus­geht:

Der Minister sagte, er habe (Gliedsatz) damit nichts zu tun. Außer­dem müsse er jetzt zum Golf.

Die dem Konjunktiv fälschlich zugeschriebenen Auf­gaben haben wir in einem ei­ge­nen Tu­tori­alTutorial: Warum die Möglichkeitsform keine Möglichkeit ausdrücken kann. zu­sam­men­gefaßt.

B2 Konjunktiv 2

Die Aufgaben des Konjunktivs 2 sind ganz anderer Art als die des Konjunktivs 1.

Irrealis und Konjunktiv 2

Der Kon­junk­tiv 2 kenn­zeich­net Aus­sa­gen als irreal (un­wirk­lich). Zu­nächst eine reale Aus­sage:

Paul
Ich komme dann um sechs.
Anna
Wenn du kommst, wird das Essen schon fertig sein.

Die Bedingung, die Anna nennt, steht im Indikativ, denn sowohl Anna, Paul als auch der Leser können davon ausgehen, daß diese Bedingung tatsächlich eintreten wird. Es handelt sich also um eine reale Behaup­tung. Diese Aussage­form nennt man Realis.

Und jetzt eine irreale Aussage; es wird etwas unterstellt (Hypothese), was nicht der Wirklichkeit entspricht: Hypothese von grie­chisch hypo∙­tithe­mi ich un­ter­stelle, wäh­ne, set­ze vor­aus.

Knut
Heute abend kann ich leider nicht kommen.
Britta
Wie schade! Wenn du doch kämest, würde ich mich sehr freuen.

Eine irreale Aussage in der Vergangenheit:

Knut
Es tut mir leid, daß ich gestern nicht kommen konnte.
Britta
Dabei hätte ich mich so gefreut, wenn du gekom­men wärest!

Britta nennt Bedingungen, deren Unerfüllbarkeit klar ist, noch wäh­rend sie sie ausspricht. Solche Aus­sage­formen nennt man Irrealis. Der Modus des Irrealis ist der Kon­junk­tiv 2 (niemals der Kon­junk­tiv 1).

Die beiden Bei­spiele zeigen Aussagen, wie sie auch in der gesproche­nen Spra­che vor­kom­men. Sie be­rei­ten Spre­chern daher keine Schwierig­keiten. Der Ir­re­alis kommt in der Schrift­sprache aller­dings auch in an­deren Satz­arten vor.

B2a Vergleichssätze

Ein Beispiel aus einem Zeitungsartikel:

Ihr Blick ist so konzentriert auf die Buchstaben gerichtet, daß es scheint, sie könne aufsaugen, was da steht.

Natürlich kann der Blick der Lesenden niemals so konzentriert sein, daß da­durch die Druckerschwärze vom Papier gesaugt wird. Es handelt sich bloß um eine Über­trei­bung, mit der ver­deut­licht werden soll, wie kon­zen­triert die Le­sen­de liest. Der Vergleich (schei­nen wie) ist also nicht Wirk­lich­keit (irreal) und muß deshalb im Kon­junk­tiv 2 stehen. Dies gilt für alle Sätze, die von Ver­ben wie schei­nen abhängen. Die Form könne (= Kon­junk­tiv 1) muß also zu könnte (= Konjunktiv 2) korrigiert werden.

Ein Beispiel aus der Schönliteratur:

  • Sie kam sich vor, als sei sie gerade ge­stor­ben.
  • Sie kam sich vor, als ob sie gerade gestorben sei.

Natürlich kann die Person nicht wirklich gestorben sein, da sie sich dann ja nicht mehr ir­gend­wie vor­kom­men könnte. Rich­tig ist also:

  • Sie kam sich vor, als wäre sie gerade gestorben.
  • Sie kam sich vor, als ob sie gerade gestorben wäre.

Gerade im Hochfeuilleton und in der Hochliteratur, also überall dort, wo sich Men­schen ein­bil­den, sie könn­ten Dinge wie den Kon­junk­tiv mit ih­rem In­tel­lekt auf An­hieb durch­drin­gen, fin­det man die meisten falschen Kon­junk­tive, denn hier sind Vergleichssätze be­son­ders be­liebt. Viele werden ver­lei­tet, hier den Kon­junk­tiv 1 zu ver­wen­den (…, als sei bla bla; …, als habe bla bla; usw.), weil der Kon­junk­tiv 1 viel­leicht vor­neh­mer und li­terari­scher klingt.

Der Konjunktiv 1 hat in Ver­gleichssätzen aller­dings nichts ver­loren. Die Wort­kom­bina­tio­nen als sei, als habe usw. sind also immer falsch. Richtig sind als wäre und als hätte. Deshalb kann man auch sagen: Nicht daß ich wüßte. Aber nicht: Nicht daß ich wisse.

Denn das Wesen von Vergleichen besteht ja gerade darin, daß sie nicht Wirklichkeit sind, sondern ein Bild, das zur Ver­deut­lichung der Wirk­lich­keit neben sie ge­stellt wird. Ver­gleiche und Ver­gleichssätze sind also grundsätzlich und aus­nahms­los irreal. Irreale Aus­sagen ste­hen im­mer im Kon­junk­tiv 2 und nie­mals im Kon­junk­tiv 1, der nichts andres als inner­liche Abhängigkeit aus­drückt.

In Vergleichssätzen, die mit als (ob) eingeleitet werden, sowie in allen anderen Sätzen, die einen Vergleich ausdrücken, steht ohne Spielraum der Konjunktiv 2 (wäre, hätte, müßte, wüßte …).

B2b Irrealis der Höflichkeit

Im Alltag werden Aussagen oft als irreale Aussagen formuliert, um den An­gesprochenen nicht vor vollendete Tatsachen zu stellen.

  • Könnten Sie mir bitte helfen?
B2c Konjunktiv der Ungewißheit

In alten Wendungen findet man noch Reste eines Kon­junk­tivs, der einst Un­ge­wiß­heit und Zu­rück­hal­tung aus­ge­drückt hat:

  • Ich wüßte nicht, was daran nicht stim­men soll­te.

Ebenso der französische Subjonctif:

  • Je ne sache pas que … (Ich wüß­te nicht …)
B2d Bairischer Irrealis

In Bayern ist selbst das, was bereits als Tatsache eingetreten ist, noch un­gewiß. Bayern formulieren daher jede Aussage im Konjunktiv 2. Die Be­nutzung des Indikativs (Realis) nennt man dort gschert daher­redn.

  • Des kannt scho sei!
  • An soichatn Schmoan mechatn mia ned!
  • Pfeilgråd! Jetzat häddidi bald nimma kennt!

Von Bruno Jonas gibt es folgenden Lehrdialog:

#1Was dadsd denn du sogn, wenn i di frogn dad,
ob du morgen Zeit hättst?

#2Dad i sogn, kannt ma drüber reden …

Am nächsten Tag …

#2Ich wär jetzt da.

#1Zeit wär’s.

Zur Unterscheidung zwi­schen Sein und Schein im Deut­schen gibt es ein eige­nes Tuto­rial.

C Potentialis

Der Potentialis ist ein anderer Aussagemodus. Er kenn­zeich­net den Inhalt eines Satz nicht als unwahr, son­dern als mög­lich oder wahr­schein­lich.

Scheinbarer Potentialis

Natürlich besteht die Welt nicht nur aus schwarz und weiß. Oft möchte man sich gar nicht festlegen, ob etwas real oder irreal ist.

Die folgenden Beispiele sind Zeitungsartikeln entnommen, die aus der Zeit der Präsi­dentenwahl in den Vereinigten Staaten stammen. Sie verraten, daß der Verfasser nach Grautönen zwischen schwarz und weiß sucht.

  • Axelrod wirkt auf den ersten Blick, als sei er direkt aus den sechziger Jahren in die Gegenwart gebeamt worden.

Axelrod, damals der Wahlkampftaktiker von Obama, sieht in den Augen des Verfassers dieses Satzes also wie jemand aus, der aus den Sechzigern stammt. Das wäre die wirkliche Seite dieses Satzes, die Sache mit dem Beamen dage­gen die unwirkliche. Vielleicht möchte der Autor durch den (hier ganz und gar deplazierten) Konjunktiv 1 andeuten, daß der Ver­gleich nicht ganz irreal ist, sondern nur ein bißchen.

Der Gedanke ist jedoch ein Irrtum. Entweder hat man es mit einem Ver­gleich zu tun (Konjunktiv 2) oder eben nicht (Indikativ). Und hier ist es ein Vergleich.

Wenn weder der Konjunktiv 2 noch der Indi­kativ die Sache treffen, kann man das als deutlichen Hin­weis se­hen, daß die Aussage als solche falsch kon­struiert ist und umfor­muliert werden sollte. Die sanfteste Ver­änderung wäre hier:

  • Axelrod wirkt auf den ersten Blick wie (jemand) aus den sechziger Jahren. Als wäre er von dort in die Gegenwart gebeamt worden.

Das nächste Beispiel ist noch extremer. Einige Tage nach der Präsiden­tenwahl hieß es:

  • Es ist, als müsse sich das Land immer noch vergegenwär­tigen, was letzte Woche geschah: Wir haben es wirklich getan!

Hier wird etwas als Vergleich und damit als irreal formuliert, was tat­sächlich Wirklichkeit war. Die amerikanischen Wähler mußten sich durchaus erst ver­gegenwärtigen, daß sie einen Farbigen ins Weiße Haus gewählt haben. Hier hilft nichts, als die gesamte Konstruktion aufzu­geben. Ein Vergleichssatz gehört hier nicht hin:

  • Das Land muß sich immer noch vergegenwärtigen, was letzte Woche geschah: Wir haben es wirklich getan!

Ein weiteres Beispiel:

  • Fortan modellierten die PR-Berater sie zur treuen und schönen Gattin. (…) Und es scheint, als habe Michelle Obama mit dieser Rolle inzwischen ihren Frieden gemacht.

Der Verfasser dieses Satz kann nicht mit Gewißheit sagen, was in Michel­le Obama vorgeht. Mit dem Verb scheinen und den Vergleichssatz gibt er al­lerdings vor, Michelle hätte sich innerlich nicht damit abgefunden, ver­halte sich aber so. Ob der Autor das sagen wollte?

Echter Potentialis

Tatsächlich sind im Lateinischen der Konjunktiv Präsens (vocem, mone­am) und der Konjunktiv Perfekt (vocaverim, monuerim) dafür zustän­dig, den Potentialis, also eine für möglich gehaltene Aussage, auszu­drücken.

Auch im Deutschen ging man mit geringerer Exaktheit einst so vor. Dies ist jedoch seit langem ausgestorben und heute allein schon da­durch unmöglich, weil der Konjunktiv 1 ausschließlich inner­liche Abhän­gigkeit ausdrückt.

In dieser Rolle enthält er sich jeder Aussage über ihren Bezug zur äußeren Wirklichkeit. Er kann also nicht zu­gleich in gewissen Fällen Potentialis aus­drücken, in anderen aber nicht. Das Deutsche hat deshalb Konstruktionen ent­wickelt, mit denen man potentielle Aussagen formu­lieren kann:

  • Das dürfte der letzte gewesen sein.
  • Er kommt wohl nicht vor sechs.
  • Vielleicht kommt sie morgen.
  • Das könnte unser Untergang sein.

Oft kann eine Formulierung mit anscheinend falsche und sinnlose Ver­gleichs­sätze beseitigen:

  • Anscheinend hat Michelle Obama mit die­ser Rolle in­zwischen ihren Frie­den gemacht.

Realis, Irrealis und Potentialis im Vergleich

Der Realis kenn­zeich­net, daß der In­halt des Satz als wahr an­ge­se­hen wird oder daß der Wahr­heits­gehalt un­er­heb­lich ist. Der Rea­lis wird durch den Indi­ka­tiv dar­ge­stellt: Heute ist das Wet­ter schön. Der Rea­lis ist also der Nor­mal­fall.

Der Ir­rea­lis stellt die Aus­sage als unwahr dar und wird durch den Kon­junk­tiv 2 aus­gedrückt: Kämest du doch! Wärest du nur ge­kom­men!

Der Poten­tia­lis stellt den Inhalt eines Satz als möglich und mehr oder minder wahr­schein­lich dar. Er wird nicht durch den Kon­junk­tiv aus­gedrückt, sondern durch Wen­dun­gen mit Modal­ver­ben: Er wird wohl kommen. Das Hilfs­verb steht nur dann im Konj­unk­tiv 2, wenn Zu­rück­hal­tung zum Aus­druck gebracht wer­den soll: Das dürfte stimmen versus Das stimmt wohl.

Der Konjunktiv 1 hat mit den Aus­sage­modi nichts zu tun. Er kenn­zeichnet einen Satz als inner­lich abhängig, ohne daß damit ein Hinweis gegeben wird, ob diese Aussage wahr oder unwahr ist.

D Irreale abhängige Aussagesätze

Oben wurde erklärt, daß der Konjunktiv 2 im abhängigen Aus­sage­satz nur als Stell­ver­tre­ter für den Kon­junktiv 1 ein­sprin­gen darf, wenn dieser vom In­dika­tiv nicht zu unter­schei­den ist. Was aber, wenn man eine in­direkte Aus­sage durch den Kon­junktiv 1 als inhaltlich ab­hän­gig kenn­zeichnet, zugleich aber zum Ausdruck bringen will, daß diese Aussage unwahr oder irreal ist?

Wenn Konjunktiv 1 und Konjunktiv 2 konkurrieren, gewinnt immer Kon­junktiv 2. Der Konjunktiv 2 kann die innerliche Abhängigkeit mitaus­drücken, der Konjunktiv 1 jedoch niemals den Irrealis.

Ein erfundenes Beispiel in zwei Varianten. Bei der ersten erfährt man erst ganz zuletzt, daß die Aussage unwahr ist.

Ich habe die Sache bereits erledigt, Liebling!

Er behauptete immerfort, er habe die Sache bereits erledigt, dabei konnte sie die Klospülung noch laufen hören.

In diesem Fall bietet sich Konjunktiv 1 an. Die Aussage wird zunächst als inhaltlich abhängig wiedergegeben und erst danach widerlegt. Sieht man in dem Verb behaupten jedoch einen Anfangsverdacht für einen Irrealis, kann man auch in den Konjunktiv 2 wechseln. Dies würde sich auch deshalb anbie­ten, weil es sich bei dem Satz um erlebte Rede han­delt. Schriftsteller und Lek­toren müssen hier genau überlegen, ob der Tonfall schriftsprachlich bleibt oder in den der gesprochenen Sprache wechselt.

Bei der zweiten Variante wird jedoch bereits vor der Behauptung kein Zweifel gelassen:

Ich habe die Sache bereits erledigt, Liebling!

Wie alle Männer war er faul und ein Lügner. Er behauptete immerfort, er hätte die Sache bereits erledigt, dabei konnte sie die Klospülung noch laufen hören.

Hier sollte auf jeden Fall der Konjunktiv 2 verwendet werden, auch wenn der Konjunktiv 1 vielleicht literarischer, klüger, vornehmer, sensibler, fein­geisti­ger oder graustufiger klingt.

E Zusammenfassung der Konjunktiv-Regeln

Fassen wir alle wichtigen Erkennisse zum Kon­junk­tiv als Regel zu­sam­men:

Konjunktiv 1 und Konjunktiv 2 haben nichts mit­einan­der zu tun. Ihre Funktionen sind exakt festgelegt und über­schnei­den sich nicht.

Der Konjunktiv 1 kenn­zeich­net syn­tak­tisch abhängige Sätze (Ne­ben­sätze) als auch in­halt­lich abhängig. Das be­deu­tet, daß der Aus­sage­satz den In­halt einer Aus­sage (Verb des Sa­gens im über­geord­neten Satz) erläutert.

Der Kon­junk­tiv 2 kenn­zeich­net Aus­sa­gen als irreal.

Weder der Kon­junk­tiv 1 noch 2 haben etwas mit dem Aus­sage­modus Poten­tia­lis zu tun.

E Liste schwieriger Konjunktivformen

backen
er bäckt
daß er backe
er backte (buk)
als ob er backte (büke)
befehlen
er befiehlt
daß er befehle
er befahl
als ob er beföhle/befähleDies ist die die jüngere Form. Näheres darüber im Video.
beginnen
er beginnt
daß er beginne
er begann
als ob er begönne/begänneDies ist die die jüngere Form. Näheres darüber im Video.
bewegen
er bewegt
daß er bewege
er bewegte
als ob er bewegte
brennen
er brennt
daß er brenne
er brannte
als ob er brennte
bringen
er bringt
daß er bringe
er brachte
als ob er brächte
denken
er denkt
daß er denke
er dachte
als ob er dächte
dünken
es dünkt/deucht ihm
daß es ihm dünke/deuche
mir/mich dünkte/deuchte
als ob es ihm dünkte/deuchte
empfehlen
er empfiehlt
daß er empfehle
er empfahl
als ob er empföhle/empfähleDies ist die die jüngere Form. Näheres darüber im Video.
(jemand) erschrecken
er erschreckt mich
daß er mich erschrecke
er erschreckte mich
als ob er mich erschreckte
(deshalb) erschrecken (ehemals schricken)
er erschrickt deshalb
daß er deshalb erschrecke
er erschrak (auch: erschreckte) deshalb
als ob er deshalb erschräke (auch: erschreckte)
erwägen
er erwägt
daß er erwäge
er erwog (auch möglich, aber nicht gut: erwägte)
als ob er erwöge
essen
er ißt
daß er esse
er aß
als ob er äße
fangen
er fängt
daß er fange
er fing
als ob er finge
geben
er gibt
daß er gebe
er gab
als ob er gäbe
gelten
es gilt
daß es gelte
es galt
als ob es gölte/gälteDies ist die die jüngere Form. Näheres darüber im Video.
gewinnen
er gewinnt
daß er gewinne
er gewann
als ob er gewönne/gewänne
halten
er hält
daß er halte
er hielt
als ob er hielte
hängen (ehemiges hangen)
das Bild hängt an der Wand
daß das Bild an der Wand hänge
das Bild hing an der Wand
als ob das Bild an der Wand hinge
hängen (ehemaliges hengen)
er hängt das Bild an die Wand
daß er das Bild an die Wand hänge
er hängte das Bild an die Wand
als ob er das Bild an die Wand hängte
heißen
er heißt Knut
daß er Knut heiße
er hieß Knut
als ob er Knut hieße
kaufen
er kauft
daß er kaufe
er kaufte
als ob er kaufte
kennen (schwaches Verb mit RückumlautSchwache Verben mit Rückumlaut wird im Tutorial über wenden/wandte erklärt.)
er kennt
daß er kenne
er kannte
als ob er kennte
klemmen
der Reißverschluß klemmt
daß der Reißverschluß klemme
der Reißverschluß klemmte
als ob der Reißverschluß klemmte
klimmen
er erklimmt die Leiter
daß er die Leiter erklimme
er erklomm die Leiter
als ob er die leiter erklömme
können (Präteritopräsens: Die Gegenart sieht aus wie die Vergangenheit starker Verben)
er kann
daß er könne
er konnte
als ob er könnte
laden
er lädt
daß er lade
er lud
als ob er lüde (besser: als ob er laden würde)
lügen
er lügt
daß er lüge
er log
als ob er löge
nennen (schwaches Verb mit Rückumlaut)Schwache Verben mit Rückumlaut wird im Tutorial über wenden/wandte erklärt.
er nennt
daß er nenne
er nannte
als ob er nennte
rennen (schwaches Verb mit Rückumlaut)Schwache Verben mit Rückumlaut wird im Tutorial über wenden/wandte erklärt.
er rennt
daß er renne
er rannte
als ob er rennte
rinnen
es rinnt
daß es rinne
es rann
als ob es rönne/ränneDies ist die die jüngere Form. Näheres darüber im Video.
saufen
er säuft
daß er säufe
er soff
als ob söffe
saugen
er saugt den Teppich
daß er den Teppich sauge
er saugte den Teppich
als ob den Teppich saugte
saugen
er saugt sich fest
daß er sich fest­sauge
er sog sich fest
als ob er sich fest­söge
säugen
sie säugt das Kind
daß das Kind säuge
sie säugte das Kind
als ob sie das Kind säugte
sein
er ist jung
daß er jung sei
er war jung
als ob er jung wäre
schmelzen
das Eis schmilzt
daß das Eis schmelze
das Eis schmolz
als ob das Eis schmöl­ze
schmelzen
er schmelzt Eis
daß er Eis schmelze
er schmelzte Eis
als ob er Eis schmelz­te
schreien
er schreit
daß er schreie
er schrie
als ob er schriee
schwimmen
er schwimmt
daß er schwimme
er schwamm
als ob er schwömme/schwämmeDies ist die die jüngere Form. Näheres darüber im Video.
sehen
er sieht
daß er sehe
er sah
als ob er sähe
senden (schwaches Verb mit Rückumlaut)Schwache Verben mit Rückumlaut wird im Tutorial über wenden/wandte erklärt.
er sende
daß er sende
er sandte (sendete)
als ob er sendete
sinnenÜber das Verbum ›sinnen‹.
er sinnt darüber nach
daß er darüber nachsinne
er sann darüber nach (falsch: sinnte)
als ob er darüber nachsänne/nachsänneDies ist die die jüngere Form. Näheres darüber im Video.
spinnen
er spinnt
daß er spinne
er sponn den Faden; er spinnte herum
als ob er den Faden spönne; als ob er herumspinnte
stecken
er steckt fest
daß er feststecke
er stak (neuer: steckte) fest
als ob er feststäke (auch: feststeckte)
stecken
er steckt etwas ein
daß er etwas einstecke
er steckte etwas ein
als ob er etwas einsteckte
stehlen
er stiehlt
daß er stehle
er stahl
als ob er stehlte
streifen
er streift
daß er streife
er streifte (nicht: striff; außerdem gestreift, nicht gestriffen)
als ob er streifte
sterben
er stirbt
daß er sterbe
er starb
als ob er stürbe (selten: stärbe; gut ist auch: sterben würde)
triefen
er triefe
daß er triefe
er triefe (auch noch: troff)
als ob er triefte (tröffe)
trügen
es trügt
daß es trüge
es trog
als ob es tröge
verderben
es verdirbt
daß es verderbe
es verdarb
als ob es verdürbe
vergessen
er vergißt
daß er vergesse
er vergaß
als ob er vergäße
wägen
(siehe erwägen)
waschen
er wäscht
daß er wasche
er wusch
als ob er wüsche
wendenZur Beugung von wenden gibt es ein Tutorial.)
er wendet
daß er wende
er wandte sich an die Auskunft, er wendete/wandte einen Trick an, das Auto wendete in der Einfahrt
als ob er sich an die Auskunft wendete, als ob das Auto wendete
werden
er wird
daß er werde
er wurde
als ob er würde
werben
er wirbt
daß er werbe
er warb
als ob er würbe
werfen
er werfe
daß er werfe
er warf
als ob er würfe
wiegen (ehemals wegen)
er wiegt einen Zentner, er wiegt das Obst, sie wiegt das Kind in den Schlaf
daß er wiege
er wog einen Zentner, er wog das Obst, sie wiegte (auch: wog) das Kind in den Schlaf
als ob er einen Zentner wöge, als ob sie das Kind in den Schlaf wiegte
winden
er windet sich vor Schmerzen
daß er sich vor Schmerzen winde
er wand sich vor Schmerzen
als ob er sich vor Schmerzen wände
wissen
er weiß
daß er wisse
er wußte
als ob er wüßte
wollen
er will
daß er wolle
er wollte
als ob er wollte

Das dicke Deutschbuch
von Belles Lettres

Die großen Themen von Belles Lettres in einer rasanten und witzigen Erzählung:

Grammatisches Geschlecht, Genitiv, gutes Deutsch und schlechtes Deutsch, Konjunktiv, Anführungszeichen und Zitieren, die Zukunft der deutschen Sprachen und vieles mehr!

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