Die Kunst des Nicht-aus-dem-Häuschen-Geratens

rechtschreibung Welche Regeln gelten für die Großschreibung und die Kleinschreibung in Wortzusammensetzungen, die mit Bindestrichen durchgekoppelt sind, für deren Einzelteile und die Gesamtkonstruktion?
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Video veröffentlicht am 28.02.2011 (26.65 MB).

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Wortzusammensetzungen mit oder ohne Bindestrich?

Bei der Rechtschreibung von Wortzusammensetzungen sind im Deutschen zwei Ent­schei­dun­gen zu treffen:

  • Wird mit Bindestrichen durchgekoppelt oder nicht?
  • Wird groß oder klein geschrieben?

Zusammensetzungen ohne Bindestrich

Die Wortbildung des Deutschen ist inkorporierend. Das bedeutet, daß die Ele­mente einer Wort­zusam­men­set­zung ihren Status als Wort und Wort­art ver­lie­ren, was er­heb­lichen Ein­fluß auf die Groß- und Klein­schrei­bung hat.

Die meisten Zusammensetzungen sind Deter­mina­tiv­kom­posi­ta: Hierbei wird ein Wort durch Vorsilben spezifiziert oder in seinem Be­zug ein­ge­engt:

Wichtig ist dabei die Erkenntnis, daß alle nichtletzten Glie­der ihren Sta­tus als eigen­stän­di­ges Wort und ihre Wort­art verlieren — sie wer­den zu einer Vor­silbe.

Das Substantiv Atom ist also kein Sub­stan­tiv mehr, wenn es zum spe­zi­fizie­ren­den Vor­der­glied des Deter­mina­tiv­kom­posi­tums atom­freund­lich wird. Falsch muß des­halb auch die Schrei­bung Atom­freund­lich sein. Denn zu wel­cher Wort­art ein Kom­posi­tum gehört, wird stets vom letz­ten Glied bestimmt. Da freundlich ein Ad­jek­tiv ist, muß auch atom­freund­lich ein Ad­jek­tiv sein, selbst wenn die Vor­silbe atom- als eigenständiges Wort ein Sub­stan­tiv wäre.

Man schreibt Deter­mina­tiv­kom­posi­ta klein, wenn das letzte Glied und damit das Gesam­tkomposi­tum kein Sub­stan­tiv ist. Das be­trifft:

Bei Determinativkomposita ist auch die Binde­strich­schrei­bung falsch, weil sie der Wort­bil­dung des Deut­schen wider­spricht: Be­zie­hungs-weise, Teil-neh­men, Teil-genom­men.

Zusammensetzungen mit Bindestrich

Zusammensetzungen mit Bindestrich sind im Deutschen eine seltene Ausnahme. Der BindestrichVideo-Tutorial: Bindestrich und Gedankenstrich dient allein dem Ziel anzuzeigen, daß die In­kor­pora­tion aus unüberwindlichem Grund nicht stattgefunden hat oder nicht ordentlich geschrieben werden kann.

Ein solcher Fall ist die Schrei­bung c-Moll. Normalerweise werden Sub­stan­tive nach §55 der amtlichen Recht­schrei­bung sowie in allen frü­he­ren Schreib­syste­men groß­geschrie­ben. In der Musik ist es jedoch Kon­ven­tion, Moll-Ton­arten mit einem Minus­kel (Klein­buch­staben) zu schrei­ben und Dur-Ton­arten mit einem Majuskel (Groß­buch­sta­ben).

Dasselbe gilt für pH-Wert. In der Chemie werden chemi­sche Ele­men­te mit Groß­buch­sta­ben gesie­gelt, wie in die­sem Falle der Was­ser­stoff (der Wasserstoffkern H⁺) mit H. Obwohl es sich beim Kom­posi­tum um ein Sub­stan­tiv han­delt, darf p nicht groß­ge­schrie­ben werden, weil P das Ele­ment Phos­phor be­zeich­net, hier aber von pondus oder po­ten­tia die Rede ist. Das pH muß also auf jeden Fall mit einem Minu­skel mit fol­gen­dem Majus­kel ge­schrie­ben wer­den. Die In­kor­pora­tion mit ihren ortho­gra­fischen Fol­gen Phwert muß hier also unter­blei­ben. Die­ses Unter­blei­ben wird durch den Binde­strich markiert. Er ver­bin­det die unter­bliebene Kom­posi­tion: pH-Wert.

Das Durchkoppeln mit Binde­strich ist also über­all da vonnöten, wo aus sachlichen Grün­den nicht so ge­schrie­ben wer­den kann, wie es die Ortho­grafie vor­schreibt:

Da nur der Minuskel i einen Punkt enthält, wäre die Schrei­bung Ipunkt un­iko­nisch.

Binderstrichschreibung ist auch überall dort angebracht, wo es logische Bezüge klarzustellen gilt. Solche Fälle weisen min­destens zwei Binde­stri­che auf:

Ist eine Straße bloß reich an Kurven, kann ein normales (exozentrisches) Kom­posi­tum ge­bil­det wer­den: kur­ven­reich. Das Sub­stan­tiv Kur­ve ver­liert hier seinen Sta­tus als groß­zu­schrei­ben­des Sub­stan­tiv und wird zu einer Vor­silbe für das Ad­jek­tiv reich. Anders liegt der Fall, wenn zuerst die Kurve spe­zifi­ziert wird. Keine Haar­nadel­kurve ist gemeint, son­dern eine Kurve in Form eines S. Der Binde­strich ver­hin­dert, daß S wie der Laut /s/ ge­lesen wird: S-Kurve statt Skurve.

Dieses Kom­posi­tum wird nun wieder zum Deter­mi­nans eines Ad­jek­tivs reich. Hierbei kommt nur ein zwei­ter Binde­strich in Frage: S-Kur­ven-reich. Die Schrei­bung S-kur­ven­reich würde be­deu­ten, daß sich S auf kur­ven­reich bezöge, was kei­nen Sinn er­gäbe. Der zwei­te Binde­strich klärt die Bezüge.

In Binde­strich­schrei­bungen wer­den die ein­zel­nen Ele­mente also so ge­schrie­ben, wie sie auch als eigen­stän­dige Wör­ter ge­schrie­ben werden.

Wo der Bindestrich nichts zu suchen hat

Bei Bindestrichschreibungen kann es also vorkommen, daß Sub­stan­tive klein- und Ad­jek­tive groß­geschrie­ben werden: i-Punkt, a-Laut, c-Moll und S-Kurven-reich, UV-empfindlich.

Deshalb sollten solche Bil­dungen vermieden werden. Leider hat sich das Bil­den un­ästheti­scher Wort­unge­tümer zu einem typi­schen Merk­mal schlech­ten Stils ent­wickelt. So sprechen dritt­klassi­ge Jour­nali­sten von der Apple-eige­nen Home­page, wo das schlichte Apples Home­page ideal wäre. Ohne­hin steht das Ad­jek­tiv eigen in gutem Deutsch mit einem freien Dativ: wem eigen?mir eigenApple eigen. Die Binde­strich­schrei­bung ist hier also zudem ein lexi­kali­scher und syn­takti­scher Irr­tum, der durch falsche Ana­logie zu hauseigen entsteht. Schließ­lich ver­wen­det man eigen nur, wenn jemand etwas zu­gespro­chen wird oder man sich etwas zu eigen macht, aber eben nicht, wenn es ihm per Ge­setz ge­hört. Eigen sind heute vor allem Eigen­schaf­ten, Dinge sind da­gegen Be­sitz.

Im Rahmen der putzigen Hyperkorrekt­heit, die Jour­na­listen an den Tag legen, seit sie mit dem Re­cher­chie­ren ganz auf­gehört haben, heißt es neuer­dings US-ame­ri­ka­nisch, wo mit amerikanisch nichts als die USA ge­meint sein kann. Auch bei der Infan­tili­sie­rung des Deut­schen, die das Witz­blatt Spie­gel Online voran­treibt, lei­stet der Binde­strich gute Dien­ste:

Falsche Bindestriche in einem dämlichen, aber morphologisch normalen Determinativkompositum.
Falsche Binde­stri­che in einem dämlichen, aber morphologisch normalen Deter­mina­tiv­kom­posi­tum.

Der Binde­strich ist hier falsch. Die Wortbildung des Deutschen ist durchaus in der Lage, solche Bil­dungen zu verkraften: Dagegenrepublik. Es handelt sich technisch um ein ganz normales Deter­mina­tiv­kom­posi­tum, wenn auch um ein beschämend dämliches, bei dem das Adverb dagegen zu einer Vorsilbe von Republik wird.

Die Lesbarkeit läßt sich nicht mit dem Bindestrich steigern

Noch falscher ist dies:

Falsche Bindestriche bei Determinatkomposita.
Komplett falscher Bindestrich.

Bei der Pannenrepublik handelt es sich wie bei Idiotenredaktion oder Welt­unter­gangs­postille um normale Kom­posi­ta, bei denen die In­kor­pora­tion regulär statt­gefun­den hat. Noch dazu ent­hal­ten sie ein Fugen­ele­ment, obwohl zu ver­muten ist, daß der Redak­teur das n in Pannen mit einer Plu­ral­endung ver­wech­selt hat.

Komposita mit dem Fugenelement ∙s∙ oder ∙n∙ dürfen nie mit Binde­strich geschrieben werden. Es han­delt sich um einen ver­brei­teten Irr­tum, die Les­bar­keit langer Zu­sammen­setzun­gen könn­te mit dem Bindestrich gesteigert werden. Das gilt ebenso für Fälle, wo das vordere Element auf einen Vokal endet, der mit dem Anfangsvokal des folgenden Elements als Diphthong verkannt werden kann: Beinhalten ist be∙ und inhalten und nicht bein und halten. Ebenso re­in­vestie­ren. Das Tee-Ei schreibt man hingegen nicht mit Binde­strich, um die Les­bar­keit zu er­leich­tern, son­dern weil ein Vokal (hier e) im Deut­schen nicht drei­mal hinter­einan­der vor­kom­men darf.

Falsche Kompositionstechniken mit Anführungs- und Leerzeichen

Ohne jeden Spielraum falsch sind windige Techniken des Wort­kom­ponie­rens, die zum Leer­zei­chen oder zum An­füh­rungs­zei­chen grei­fen. Nichts davon hat im Inneren des Wortes etwas zu suchen.

Solche Konstruktionen stehen im ewigen und unlösbarem Widerspruch zu den Axiomen der Rechtschrei­bung, nach denen inner­halb eines Wor­tes kein Leer­zei­chen auftreten darf, weil das Leer­zei­chen das Ende eines Wor­tes und den Beginn eines anderen mar­kiert.

Das Anführungszeichen ist ein Satz­zei­chen und kann ebenfalls nicht im In­ne­ren eines Wor­tes auf­treten, weil es nicht möglich ist, nur einen Teil eines Wor­tes anzu­füh­ren und den Rest nicht. Ein Wort kann nicht mit einem Teil auf der Ebene des Dinge und mit dem Rest auf der Ebene der Zeichen stehen.

Ebenso­wenig kann nur ein Teil eines Kom­posi­tums mit Gänse­füß­chen ironi­siert werden, zu­mal man mit An­füh­runsgs­zeichen ohnehin nicht ironisieren kann, weil das Wesen der Iro­nie die Ver­stel­lung ist, das Wesen von An­füh­rungs­zei­chen die Kennt­lich­machung. Dazu gibt es ein eigenes TutorialTutorial: Anführungszeichen.

Ebensofalsch ist die Annahme, der Raum zwischen dem öff­nen­den und dem schlie­ßen­den An­füh­rungs­zei­chen wäre ein gram­matik­freier Raum, in dem De­klina­tion und Ortho­grafie außer Kraft ge­setzt wären.

Man kann Erste Hilfe nicht mit Anführungszeichen zu­sammen­schnü­ren und als Paket vor einen Kasten span­nen. Nur die Durch­kopplung ist rich­tig: Erste-Hilfe-Kasten.

Bei die­sem Beispiel hielt der Verfasser die An­füh­rungs­zei­chen wohl für nötig, weil Gorch Fock ein Name ist:

die »Gorch Fock«-Affäre

Namen stehen jedoch nicht in Anführungszeichen, auch wenn man sie gerne ausspricht:

  • Falsch: Sie nannten ihn »Peter«.
  • Richtig: Sie nannten ihn Peter.

Nur wenn man den Namen wirklich für ein Ding halten könn­te, werden An­füh­rungs­zei­chen gesetzt:

Im ersten Fall ist die Zeit ein Ding, das die deutsche Sprache Zeit nennt. Im zweiten Fall ist die Zeit ein Name für ein Ding, das die deutsche Spra­che Zei­tung nennt. Nur wenn die Ebene der Zei­chen mit der Ebene der Dinge mit Sicherheit ver­wech­selt werden, ste­hen Gänse­füß­chen. Wenn einer die Süd­deutsche oder Frank­furter All­gemei­ne ver­gißt, also nicht. Aus­führ­lich wurde dies im Tutorial über den Gebrauch der Gänse­füßchenVideo-Tutorial und Artikel: Wann und wie gebraucht man Anführunsgzeichen? beschrieben.

Für die Wortbildung gilt als Konsequenz, daß ein Zeitkolumnist nur ein Kolumnist sein kann, der Ko­lum­nen über den Zeit­geist schreibt, nie jedoch einer, der Ko­lum­nen für die Zei­tung dieses Na­mens schreibt. Hier sind Fü­gun­gen wie Kolumnist bei der Zeit auch aus stili­sti­schen Grün­den vor­zu­zie­hen.

Rechtschreibung von nominalisierten Sätzen und Phrasen

Ein besonderes Anwendungsgebiet der Binde­strich­schrei­bung ist die No­mi­nali­sie­rung gan­zer Phra­sen und Sät­ze. Dazu greift man meist, wenn man seine Aus­sage salopp klin­gen lassen will. Aus einem Satz oder einer Phase mit einer fi­niten Verb­form wird dann ein Sub­stan­tiv:

Sätze und Phrasen mit finitem Verb sind eigentlich nur Erweite­rungen des finiten Verb. Dieses wird also ei­gent­lich nomina­lisiert. Das Sub­stan­tiv von Verben ist der In­fini­tiv. Obwohl alle In­fini­tive Sub­stan­tive sind, schreibt man sie klein, wenn sie Teil des Prä­di­kats sind.

In anderen Satzgliedern schreibt man Infinitive groß: Daß in diesem Beispiel das Schwim­men als Objekt zum Wol­len ge­deu­tet werden kann, ändert nichts daran, daß beides zusammen das Prädikat bildet. Das gilt auch für die Mundart: Das Herta war am Spülen dran.

Diese Regeln gelten auch, wenn ein ganzer Satz nominalisiert wird:

Alle anderen Teile solcher Monsterkomposita werden so ge­schrie­ben, als wären sie eigen­stän­dige Wörter. Der erste Buchstabe muß jedoch auf jeden Fall groß­geschrie­ben wer­den, weil das Kom­posi­tum in seiner Ge­samt­heit ein Sub­stan­tiv ist. Dies wird in §55 der amtlichen Recht­schrei­bung ge­regelt, gilt aber ge­nau­so in klas­sischer Recht­schrei­bung:

Substantive schreibt man groß. Die Großschreibung gilt auch:

(1) für nichtsubstantivische Wörter, wenn sie am Anfang einer Zusammensetzung mit Binde­strich stehen, die als Ganzes die Eigenschaften eines Sub­stan­tivs hat, zum Bei­spiel: das In-den-Tag-hinein-Leben;

(2) für Substantive — auch Initialwörter und Einzelbuchstaben, sofern sie nicht als Klein­buch­sta­ben zitiert sind — als Teile von Zu­sam­men­setzun­gen mit Binde­strich, zum Beispiel: zum Aus-der-Haut-Fahren.

Amtliche Recht­schrei­bung, §

55, gekürzt

Falsch sind also diese beiden Schrei­bungen sowie die Mischung daraus:

Regel

Für alle Komposita mit und ohne Bindestriche gilt: Die Wort­art der Ge­samt­kom­posi­tion wird von der Wor­tart seines letz­ten Glieds bestimmt. Das Kom­posi­tum kuh­äugig schreibt man klein, weil das letz­te Glied ein Ad­jek­tiv ist, das Kom­posi­tum In-den-Tag-hinein-Leben schreibt man groß, weil sein letz­tes Glied ein Sub­stan­tiv ist.

In­fini­tive sind morphologisch Sub­stan­tive, das heißt von ihrem Wesen her Sub­stan­tive. Die amtliche Recht­schrei­bung be­zeich­net Infinite als Sub­stan­tivierungen. Das ist aber falsch. Es wird rasch klar, wenn man nach un­sub­stan­tivier­ten In­fi­ni­tiven sucht. Par­tizi­pien sind dagegen Ad­jek­tive. In No­mina­lisie­run­gen werden sie dennoch nicht groß­geschrie­ben, obwohl sie der Kern einer Sub­stan­tivierung sind:

Dieses Monstrum läßt sich nicht reduzieren auf das Gesagt. Das Problem liegt darin, daß Ad­jek­tive als Prädikatsnomina stark-endungslos sind, nach dem bestimmten Arti­kel oder einem De­mon­stra­tiv­pro­no­men al­ler­dings zwin­gend schwach ge­beugt werden müßten: das Gesagt-e. Das er­gäbe hier jedoch kei­nen Sinn.

Schließlich wäre dann noch die Frage zu be­ant­wor­ten, ob man das Glied -habe- nicht eben­falls groß­schrei­ben müßte. Eine fini­te Verb­form kann je­doch nicht nomina­lisiert sein. So kann sich die Nomi­nalisie­rung in die­sem Fall nur auf das Kom­posi­tum als Gesamtgebilde beziehen: das [Das-habe-ich-ja-gesagt]. Vorne muß den­noch groß­geschrie­ben werden.