Goten, Gothik, gothic novel und Goth

Die Begriffe ›gotisch‹ und im Englischen ›gothic‹ werden für allerlei verwandt. Doch was hat das mit den Goten zu tun?

Gotisch, gothic und die Gotik

Gotisch (früher gothisch geschrieben) und englisch gothic beziehen sich ja sowohl auf das Volk der Goten als auch auf viele andere Sachen wie die Gotik, eine Stil­rich­tung des Punk­rocks, die gothic novel, die Gothic-Szene, eine Schrift­arten­gruppe und vie­les mehr. Im Eng­lischen wer­den die Deut­schen manch­mal als Goths be­zeich­net, wenn ein wich­tiges Fuß­ball­spiel ansteht. Die Frage lau­tet nun: Wann schreibt man mit th und wann schreibt man mit ein­fachem t.

gotisch, gothisch, gothic

Gota, Gutones, Goten

Historisch ist die Schreibung mit t. Das gilt sowohl für das La­tei­ni­sche in klas­si­scher Zeit, zum Bei­spiel Pli­nius im ersten Jahr­hun­dert nach Chri­stus. Er schreibt Gu­to­nes die Goten. Aber auch für die Go­ten selbst, wie wir uns am Ring von Pietro­assa an­sehen kön­nen; darauf fin­det sich der Ei­gen­name in Runen.

Ring aus dem Schatz von Pietroassa
Ring aus dem Schatz von Pietroassa. Abzeichnung von Henric Trenk (1875), von BL nach­bear­bei­tet. Der Ring ist Teil eines Königsschatzes (Sakral­insigni­en), der in der ru­manä­nischen Walachei gefunden wurde, und hat einen Durchmesser von 16 Zentimetern.

In Klarschrift:

Gautani Runeninschrift
Der Dentallaut ist mit der Teiwaz-Rune für <t> und nicht mit der Thorn-Rune (þ) für <th> (wie englisch th als stimmlose dentale Spirans gesprochen) geschrieben.

Gutani

Die Form gutani (gutane) ist der Geni­tivEntstehung der Deklination der Substantive Plu­ral, bedeutet also der Go­ten. Genau wie deutsch Got∙e, die Go­t∙en wird es auch im Goti­schen als schwa­ches Sub­stan­tiv de­kli­niert, zeigt dort also das für die schwache De­klina­tion ty­pi­sche n in den Endungen.

Deklination von gotisch guta und deutsch Gote
  gotisch deutsch
Nominativ Signular *guta der Gote
Akkusativ Signular *gutan den Goten
Dativ Signular *gutin dem Goten
Genitiv Signular *gutins des Goten
Nominativ Plural *gutans die Goten
Akkusativ Plural *gutans die Goten
Dativ Plural *gutam den Goten
Genitiv Plural gutane/i der Goten

Die gesamte Inschrift lautet (mit Konjekturen und mutmaßlicher Über­set­zung):

gutanī ō<þal> wī<h> hailag

Der Goten geweihtes, unantastbares Heiligtum.

Auch in den germanischen Nachbarsprachen wird immer mit t ge­schrie­ben: altenglisch Gota Gote (Pluralral Gotan Goten) und alt­nor­disch Gotna der Goten. Im Deut­schen ist der Name zu­nächst nicht belegt; als die Deut­schen zu schrei­ben be­gan­nen, waren die Go­ten lange tot und das ur­sprüng­liche Sied­lungs­gebiet der Go­ten an der Ost­see, wo sich der Name ja gehalten hat (siehe die Insel Got­land), räum­lich zu weit vom Deut­schen ent­fernt.

Deutsch gothisch und englisch gothic

Im Isländischen, wo es ja heute noch wie im Englischen den th-Laut gibt, spricht und schreibt man ein nor­males t: Goti Gote (Plural­ral Gotar Goten). Eben­so im Schwe­di­schen, wo die Go­ten Goter, die In­sel Got­land, die Stadt Göte­borg (aber eng­lisch Gothen­burg, is­län­disch Gau­tar­borg) und der ge­sam­te Sü­den Schwe­dens Götaland heißt.

Schreibung mit th

Nur im Deut­schen und im Eng­lischen kam die Schrei­bung mit th auf: gothisch und gothic.

Sie stammt aus spätantiker und mittelalter­licher Zeit, wo Au­to­ren Pluraltz­lich an­fangen, den Na­men der Goten auf Latein mit th zu schrei­ben, zuerst Ta­ci­tus um 100 nach Chri­stus: Got(h)ones. An­gestif­tet wurden sie von den Grie­chen, die die Goten in grie­chi­scher Schrift mit Theta ϑ für be­hauch­tes t statt mit Tau τ für un­behauch­tes schrie­ben: Strabo schreibt im ersten Jahr­hun­dert vor Chri­stus <Γ>ούϑονες <G>oúthones und Ptole­maios zweiten Jahr­hun­dert nach Christus Γύϑωνες Gútōnes.

Das ist dort wohl rein graphematischer Schind­luder, denn diese Grie­chen hat­ten keine Ge­legen­heit, den Namen aus dem Mund eines Go­tisch­spre­chers zu hören und des­sen t ir­gend­wie be­haucht zu finden. Der Gote hätte den Griechen wahr­schein­lich als Haus­tier be­hal­ten. Die Hauch­schrei­bung ist wohl nur eine Ver­zie­rung und soll die grund­sätz­liche Rauh­haf­tig­keit der Goten und ihrer Sprache darstellen.

Im Deutschen war gothisch im 18. und 19. Jahrhun­dert be­liebt, wur­de dann aber ge­nau wie die Thür und die That zu Be­ginn des 20. Jahr­hun­derts ab­geschafft, so daß wir heu­te wie­der schrei­ben, wie wir es ur­sprüng­lich taten: gotisch, Goten, Gotik.

Im Englischen hat sich gothic und Goth jedoch gehalten, und wenn wir eine Musik­rich­tung oder Sub­kul­tur wie Goth aus dem eng­li­schen Sprach­raum über­neh­men, schrei­ben wir es à la manière anglaise mit th. Die An­hän­ger der Goth-Szene könnten es natür­lich zu Gotik ein­deut­schen, aber sie be­zie­hen sich kul­turell ja nicht auf die Goten oder die Gotik, sondern auf das dunkle gothic, das es nur im Eng­lischen gibt.

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