Interferenz und Codeswitching

Interferenz und Codeswitching

Über Schwierigkeiten beim Wechsel zwischen Muttersprache und Fremdsprache.

Interferenz und Codeswitching

— Ein Gastbeitrag von Sandra Brockmann (Klinische Linguistik — Klinikum am Rosengarten, Bad Oeynhausen), Anna Kutscher (Germanistische Linguistik — Uni Bielefeld), Christof Dücker (Neuroinformatik — IT-Beratung, Bielefeld) —

In unserer FacebookgruppeExterner Link zur Facebookgruppe von Belles Lettres fragte Sebastian Keller:

Mir passiert immer wieder, dass ich in einem deutschen Satz ein Fremdwort problemlos aussprechen kann, aber dann das nachfolgende deutsche Wort mit Akzent spreche, weil mein Gehirn immer noch auf die Fremdsprache eingestellt ist. Gibt’s eine Erklärung warum der Wechsel in die eine Richtung besser funktioniert als in die andere? Eigentlich müsste ich doch mehr Probleme damit haben von meiner Muttersprache in eine Zweitsprache zu wechseln und nicht umgekehrt, oder?

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Wie eine Fremdsprache erworben wurde, wirkt sich auf Geschwindigkeit und Präzision beim flüssigen Wechsel in eine andere Sprache aus. Nach klassischer Lehrmeinung erwirbt man für jede Sprache ein Lexikon, das bestimmte Areale im Gehirn belegt. Je früher das geschieht, um so näher liegen diese Areale beieinander oder überlappen sich gar und bilden bei Kindern mit mehr als einer Erstsprache ein zusammenhängendes Areal. Je größer die Überlappung der Lexika-Areale ist, desto reibungsloser funktioniert das Codeswitching.

Missglücktes oder unvollständiges Codeswitching tritt auf, wenn jemand eine Fremdsprache besonders gut beherrscht, zum Beispiel bei einem Russlanddeutschen, der zwar mit Russisch als Muttersprache aufgewachsen ist, aber mittlerweile vornehmlich und vorzüglich Deutsch spricht. Im Russischen gibt es keine Unterscheidung zwischen kurzen und langen Vokalen, so dass sich Miete und Mitte gleich anhören würden. Genau das passiert manchmal, wenn jemand müde, unkonzentriert oder auch kognitiv angestrengt ist.

Man geht in der klinischen Linguistik davon aus, dass hierbei für einen Moment das falsche Phoneminventar benutzt wird. (Manche Menschen haben das ja auch gar nicht richtig ausgebildet, denkt man an Chris Howland oder Gus Backus.) Der Wechsel von der Muttersprache in die Fremdsprache erfolgt eher konzentriert, so dass auch der Switch in das korrekte Phoneminventar in der Regel sauber und synchron erfolgt. Nur beim Weg zurück hakt es dann schon mal, der Wechsel erfolgt bei Wortschatz, Grammatik und Sprachlogik synchron, nur die Aussprache kommt erst ein, zwei Worte später nach.

Diese Hysterese ist normal und nicht pathologisch.

Das zugrundeliegende Erklärungsmodell kann die klinische Linguistik mit Belegen aus der Praxis stützen. In dieser Disziplin geht es um die Diagnose und Therapie von Sprach- und Sprechstörungen, die sehr oft durch physische Verletzungen des Gehirns verursacht werden. Dazu gehören Verletzungen durch Unfälle, das Spektrum der Schlaganfälle sowie Mangeldurchblutungen von Gehirnarealen, die den Herz-Kreislauf-Erkrankungen zugeschrieben werden.

Aus der Praxis ist eine ähnliche, pathologische Form des gefragten Phänomens bekannt: Das Fremdsprachen-Akzent-SyndromExterner Link zur Universität von Dallas: FAS (FAS) ist eine Störung des Phoneminventars, so dass der Betroffene zwar noch über alle höheren Sprachfertigkeiten wie Wortschatz, Satzbau und Grammatik verfügt, aber nicht mehr richtig aussprechen kann, so dass es sich für den Zuhörer wie ein fremdsprachlicher Akzent anhört.

Oft liegt eine Verletzung der Hirnhemisphere vor, auf der die Areale für Prosodie liegen. Bei Rechtshändern ist es normalerweise die rechte Seite. Die Areale für Semantik, Grammatik und Vokabular liegen auf der andere Hemisphere. Bei Linkshändern liegen die Areale nicht unbedingt spiegelverkehrt, dennoch geht die klassische Lehrmeinung davon aus, dass die Händigkeit (Präferenz einer Hand) ihre Hände im Spiel hat.

Doch woher weiß man eigentlich, wofür welche Seite des Gehirns zuständig ist? Es ist vom Patienten abzulesen: Es tropft ihm aus dem linken Mundwinkel, er hat eine linksseitige Parese, das heißt das linke Bein hinkt, der linke Arm lässt sich nicht mehr kontrolliert bewegen, wenn die Verletzung rechts am Kopf liegt. In der Eingangsdiagnostik werden bildgebende Verfahren wie MRT hinzugezogen, auf denen die Verletzungen (gerade wenn eine Parese ebenfalls vorhanden ist) sichtbar sein können. Kleine Läsionen, Einblutungen und Quetschungen sind hier meist nicht zu erkennen, so dass man mit linguistischen und neuropsychologischen Tests herausfinden muss, wie weit die Folgen der Verletzung reichen: sensorische Ausfälle, Schwächen der Koordination. Die ersten Untersuchungen zur Kartierung im Gehirn fanden wohl mit solch Verletzungen statt, zum Beispiel Streifschuss- und Schussverletzungen aus dem Ersten Weltkrieg.

Die Symptome treten kontralateral zur verletzten Hemisphere auf. Wer links am Kopf verletzt ist, zeigt als Symptom oft Aphasie: Wort­findungs­störun­gen, die nicht leicht zu diagnostizieren sind. Dann ist das Broca- oder das Wernecke-Areal betroffen (ehemals differentialdiagnostisch als motorisch versus sensorische Aphasie klassifiziert), oder schlimmstenfalls beide.

Broca-Areal und Wernicke-Areal im menschlichen Gehirn
Broca-Areal und Wernicke-Areal im menschlichen Gehirn (Wikimedia, Uwe Gille, US NIH publication 97-4257)

Die Verletzung der rechten Seite führt oft zu Nuscheln, undeutlichem Sprechen, falschen Lauten, also allen Arten von Artikulationsschwierigkeiten oder zerstörtem oder falschem Phoneminventar, deshalb lokalisiert man jenen Bereich, der in der Zuschauerfrage beim Codeswitching versagt, auf der rechten Hemisphäre.

Bei der Erforschung des Bezugs zwischen Sprache und Gehirn ist man vornehmlich auf Störfälle angewiesen: Die Sprechfunktionen werden im menschlichen Gehirn lokalisiert, indem man bei Sprachgeschädigten die beschädigten Stellen in Bezug zur vermuteten Funktion setzt. Diese Methode birgt grundsätzlich die Gefahr für Irrtümer, weil Sprache ein komplexer Vorgang ist, an dem viele Bereiche des Großhirns und anderer Hirnteile wie des Kleinhirns mitwirken und ähnlich wie bei der Genetik der Bezug zur Oberfläche nicht eindeutig ist. So wurde das Broca-Zentrum früher irrtümlich durch solche Gleichsetzungen für den Ort der Sprache schlechthin gehalten.

In diesem Fall haben sie sich jedoch praktisch bewährt. Wenn eine Dysfunktion nachgewiesen ist, ordnet man sie den zuständigen Arealen der Sprache dem verletzten Gehirnbereich zu. Damit ist jedoch nicht bewiesen, dass dieser Bereich allein für die Funktion zuständig ist.