Attribut, Adverbiale und Prädikatsadjunkt

Attribut, Adverbiale und Prädikatsadjunkt

Wo liegt der syntaktische und stilistische Unterschied zwischen einem Attribut (der erste Mann jodelte), einem Prädikatsadjunkt (der Mann jodelte als erster) und einem Adverbiale (der Mann jodelte zuerst)?

Attribut, Adverbiale und Prädikatsadjunkt

Ein Journalist formuliert:

Roland Koch geht — und hinterlässt eine ver­unsiche­rte Union.

Im Kopf des Journalisten existieren mehrere Unio­nen (Mul­ti­ver­sum). Er weiß nicht, welchen Unionsklon Koch verläßt, des­halb ver­wen­det er den unbestimmten Artikel eine. Er weiß jedoch, daß die­ser Uni­ons­klon eine einzige, aber dau­ernde Eigen­schaft hat: Ver­unsi­che­rung. Im Kopf des Jour­na­listen ist die­se Ver­unsi­che­rung also schon vor Kochs Ab­gang da­gewe­sen und viel­leicht sogar der Grund dafür — warum sollte er es sonst erwähnen?

Außerhalb des Journalisten­kopfes sieht es völlig anders aus: Es gibt nur eine ein­zige Union (jedenfalls nur eine, die in Frage kommt). Des­halb steht in der wirk­lichen Welt der be­stimm­te Artikel die. Hier ist die Ver­unsi­che­rung keine dau­ern­de Eigenschaft der CDU, sondern ihre erste und spon­tane Reak­tion auf Kochs Abgang. Deshalb steht sie nicht als Ad­jektiv­attri­but, sondern im Prädikat.

Richtig hätte der Satz also so gelautet:

Roland Koch geht — und hinterlässt die Union ver­unsi­chert.

So ist zwar immer noch stilistisch schlecht, aber wenigstens nicht mehr gram­ma­ti­ka­lisch falsch.

Gehen wir hypothetisch davon aus, daß jemand, der den Top­arti­kel bei einer der größten Nach­richten­seiten Deutsch­lands schrei­ben darf, wie die restlichen 180000000 Sprecher des Deut­schen den Unter­schied zwischen Attribut und Prädikat kennt und die Grund­lagen des Satz­baus beherrscht.

Dann müssen wir uns aller­dings fragen: Was ist von einem Jour­nali­sten zu halten, der Ursache und Wir­kung, Vor­her und Nach­her sowie Dinge und Zeichen nicht von­ein­ander unter­schei­den kann? Gehört es nicht zu den wichtigsten Eigenschaften eines Journalisten, sei­nen Le­sern erklären zu können, wo die Wahrheit (Dinge) aufhört und die Lüge (Zeichen) beginnt? Die Anzahl der Menschen mit deut­scher Mut­ter­spra­che schätzt man auf 105 Mil­lio­nen. Dazu kom­men 70 bis 80 Mil­lio­nen Men­schen, die Deutsch als Zweit­spra­che gelernt haben.

Attribut

Das Attribut bezieht sich immer auf ein Substan­tiv und ant­wor­tet auf die Frage Was für ein? Was im At­tri­but steht, ist rela­tiv zur Hand­lung, die im Prä­di­kat gezeigt wird, andauernd. Oder anders: Die im At­tri­but aus­gewie­se­nen Ei­gen­schaf­ten müs­sen be­reits da sein, bevor die im Prä­dikat ge­zeig­te Hand­lung ein­setzt. Im obigen Fallbeispiel ging es um ein Adjektiv­attributTutorial: Das Adjektiv als Attribut:

Der Vulkan spie Feuer. Die ersten Häuser gin­gen in Flam­men auf.

Was bedeutet dieser Satz? Er bedeutet nicht, daß diese Häuser als erste in Flam­men aufgingen, wäh­rend es ande­re noch nicht taten. Ge­nau das be­deu­tet dieser Satz nicht. Die ersten Häu­ser kön­nen nur die dem Vul­kan am näch­sten ge­lege­nen sein, die Front­linie also.

Ebenso:

Der erste Mann ist gestorben.

Der Satz bedeutet nicht, daß dieser Mann als erster von meh­re­ren ge­stor­ben ist. Das sähe so aus:

Der Mann ist als erster gestorben.

Ein Mann ist (nun) gestorben.

Dagegen kann der erste Mann zum Beispiel der erste Mann der Republik sein (Prä­si­dent), aber auch der erste von mehreren Männern einer Frau oder der in einer Reihe ganz vorne steht. Das At­tri­but erster kann sich gram­ma­ti­ka­lisch und in­halt­lich nicht auf das Prä­dikatsnomenTutorial: Was ist ein Prädikatsnomen? ge­stor­ben beziehen.

Nicht nur Adjektive können Attri­bute sein, son­dern auch: Die bei­den letz­ten sind eigen­tlich ad­ver­bia­ler Natur, be­zie­hen sich also nativ auf ein Verb. Das wird am La­tei­ni­schen deut­lich, wo in der Regel noch ein Par­ti­zip ste­hen muß: Die am See ge­lege­ne Villa.

Adverbiale

Dieselbe Aufgabe kann ein Adverbiale erfüllen:

Der Mann starb zuerst.

Das Adverbiale ist eines der fünf Satzteile und eine Umstands­anga­be. Es bezieht sich also im­mer auf ein Verb. Ad­ver­bia­lia sind vor allen Ad­ver­bi­en (starb zuerst) oder Prä­posi­tio­nal­phra­sen (starb zu Beginn). Die fünf Satz­glie­der: Sub­jekt (Satz­gegen­stand), Prä­di­kat (Satz­aus­sage), Ob­jekt, Attri­but (Bei­fügung), Ad­ver­bia­le (Um­stands­angabe). Das Adver­bia­le ist ein Satz­glied, das Ad­verb eine Wort­art.

Prädikatsadjunkt

Daneben gibt es das Prädikatsadjunkt, das man auch Prädikativum nennt: Das Adjunkt ist immer Teil des Prä­di­kats. Des­wegen zählt man es nicht zu den fünf Satz­glie­dern. Auch das Attri­but ist immer Teil eines ande­ren Satz­glieds. Weil das aber alle sein kön­nen, zählt man es zu den fünf Satz­glie­dern.

Der Mann starb als erster.

Die Häuser gingen als erste in Flammen auf.

Unterschied zwischen Prädikatsadjunkt und Adverbiale

Prädikatsadjunkte und Adverbialia sind Subsatzglieder und damit Teil des Prädikats. Im Gegensatz zum Adverbiale kongruiert das Adjunkt aber mit dem Subjekt des Satzes:

Auch mit dem Objekt kann das Adjunkt kongruieren, wenn auch ungut:

Den Mann sah sie als ersten.

Das ist aber nicht zu empfehlen. Besser ist ein Adverbiale:

Sie sahen zuerst den Mann.

Auf ein Adverbiale mit GenitivTutorial: Verben mit Genitiv kann sich das Adjunkt nicht beziehen (doppel­plus­ungut!):

Er besann sich dessen als erstes.

Hier ist es besser, gleich ein Adverbiale zu wählen:

Er besann sich dessen zuerst.

Doppelplusgut:

Er besann sich zuerst darauf.

Stilistische Faustregel

Für jeden Satz gibt es einen Anlaß. Das sollte die Handlung sein. Die Handlung und der Anlaß sind die Satzaussage und gehören daher ins Prädikat.

Das Prädikat zeigt, was gerade geschieht. Beim Fallbeispiel ist Kochs Rücktritt der Anlaß des Satzes und die Handlung.

Kochsubjekt geht/tritt abprädikat

Nun möchte der Autor auch noch erwähnen, daß Kochs Partei davon er­schüt­tert ist. Hier schwenkt der Fokus von Koch zur Par­tei. Ändert sich der Fokus, sollte sich immer auch das Sub­jekt ändern:

Koch geht. Du liebes Bißchen!/End­lich!

Aber was wird jetzt aus der CDU, denkt man gleich dar­auf. Auf kei­nen Fall sollte man es so un­geschickt for­mu­lie­ren wie Philipp Witt­rock:

Roland Koch geht — und hinterlässt eine ver­unsiche­rte Union.

Schlechter kann man eigentlich nicht mehr schrei­ben. Es bie­ten sich zwei Mög­lich­kei­ten:

Erstens kann man die CDU zum Objekt von Koch machen, wie es Wittrock versucht hat:

Roland Koch geht und läßt die Union im Stich.

Das ist sachlich und erzählerisch aber Unsinn. Es wäre besser, den Fokus auf die CDU zu verlegen.

Roland Koch tritt ab — was wird jetzt aus der CDU?

Wie auch immer man sich ent­schei­det: Attri­bute ent­hal­ten nur, was re­la­tiv zum Prä­di­kat an­dau­ernd ist. Um­stän­de müssen sich auf das Prä­di­kat be­zie­hen. Sind es gar Fol­gen, dann gehören die in das Prä­dikat eines neu­en Satzes.