Libyen oder Lybien?

Libyen oder Lybien?

wortkunde Woher kommt der Name Libyen und was bedeutet er? Mit der Herkunft des Namens kann man sich gut einprägen, in welcher Silbe das Ypsilon stehen muß. Außerdem: Rhythmus, Rheuma, Rhetor. Warum steht nach R am Anfang griechischer Fremdwörter immer noch ein H?
Dauer: 29 Minuten.

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Video veröffentlicht am 25.02.2011 (33.40 MB).

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Libyen oder Lybien?

Libyen oder Lybien? Der Name Libyen geht auf die grie­chi­sche Fas­sung libyē der alt­ägyp­ti­sche Be­zeich­nung r(i/e)bu zurück. Er gelangt über das Latei­ni­sche libya ins Deut­sche. Im Eng­lischen Libya wird das Ypsi­lon als Kon­sonant [j] ge­spro­chen, im Deut­schen al­ler­dings als Vokal [ü] (münd­lich un­sau­ber oft [libjen]). Weil sich die Vokale [i] und [ü] phone­tisch sehr ähn­lich sind, kommen Deutsch­spre­cher immer wieder durch­einan­der, in wel­cher Silbe von Libyen das Ypsi­lon steht.

Altägyptisch rebu

Das Ethnikon rebu ist erstmals in der 19. Dynastie belegt, also vor 3200 Jahren zur Zeit der Könige Ramses II. und III. Be­zeich­net wird damit kein Land, sondern die westliche Wüste Ägyp­tens, die dort beginnt, wo das frucht­bare Land am West­ufer des Nils in Wüste über­geht.

Die Rebu gelten den Ägyptern nicht als Volk, sondern als lose Horde von Vagabunden, die ihr Leben in der Wüste verbringen und immer wieder Raub­über­fälle auf die ägyp­tische Zivi­lisa­tion über­nehmen.

Neben Rebu kennt das Ägyptische zu allen Zeiten auch andere Be­zeich­nun­gen für das Land west­lich des Nils und die darin leben­den Menschen.

Der Laut [u] im ägyptischen r(e)bu ist die Pluralendung:

Phonetischer Teil Pragmatischer Teil r b w Ausland Land Mensch
Das ägyptische Ethnikon rebu in Hieroglyphenschrift.

Die Hieroglyphenschrift der Ägypter ist eine Lautschrift, in der nur Kon­sonan­ten ge­schrie­ben werden. Die ersten drei Gly­phen (hier von links nach rechts zu lesen) stehen je­weils für die Laute R, B, und W, wobei W hier den Vokal U an­deu­tet. Das ist die En­dung für die Mehrzahl.

Die vier letzten Zeichen sind keine Lautzeichen sondern Deter­mina­tive, also Deu­tungs­zei­chen. Hinter Ver­ben der Fort­bewe­gung fin­den sich zum Bei­spiel zwei laufende Beine als Deu­tungs­zei­chen. Das erste Deter­minativ ist hier das Wurf­holz, eine Waffe, mit der im alten Ägypten Fremd­völker charak­teri­siert werden. Das zweite Deter­mina­tiv zeigt Wüsten­dünen und be­zeich­net Land­schaften und Län­der. Dahinter folgt ein sit­zen­der Mann, wenn nicht die Land­schaft Lybien, sondern die Men­schen darin ge­meint sind. Die drei Stri­che unter dem Mann ma­chen noch einmal deut­lich, daß es sich um eine Plu­ral­form handelt. Der Plural wird also einmal laut­lich und noch einmal sinn­lich ge­kenn­zeich­net.

Die Bezeichnung ist eine zweistufige Metonymie, also eine bild­sprach­liche Über­tra­gung. Die drei Laut­zei­chen und das erste Deter­minativ be­zeich­nen den Rebu Fremd­län­der aus der west­lichen Wüste. Das zweite Deter­mina­tiv zeigt, daß der Name für die Men­schen da­nach auf das Land, wo diese Men­schen hau­sen, über­tragen wurde (erste Met­ony­mie). Da­nach wurde Rebu als Land­schafts­bezeich­nung wieder auf die Men­schen darin übertragen.

Griechisch libyē

Das Ethnikon rebu gelangt spä­ter ins Grie­chi­sche und mußte in griechischer SchriftVideo-Tutorial: Einführung und Übung in die griechische Schrift werden. Wir sind uns nicht sicher, ob es Hero­dot war, der den Namen ins Grie­chi­sche ein­führ­te, oder ein ande­rer Grie­che. Das Ypsi­lon Υ, υ wird im Grie­chi­schen je­ner Zeit grund­sätz­lich [u] aus­gespro­chen und ent­spricht damit wohl dem Laut der ägyp­ti­schen Plural­endung.

Im At­tisch-Ioni­schen hatte sich Ypsi­lon damals aller­dings schon zu [ü] ent­wickelt. Die­ser Dia­lekt ist wegen der Vor­herr­schaft Athens im klas­sischen Grie­chen­land jener Dia­lekt, aus dem spä­ter alle Lehn- und Fremd­wörter ins La­teini­sche und damit ins Deut­sche ge­lan­gen. Auch die Sprache des Neuen Testa­ments geht aus das At­tisch-Ioni­sche zurück. Attisch ist der Dialekt, der im antiken Athen und dem Umland Attika ge­spro­chen wurde.
Ionisch ist der Dia­lekt, der einst an der süd­lichen West­küste der heu­tigen Türkei gesprochen wurde. Ionisch ist auch die Mutter­sprache Hero­dots.

1. Ägyptisch rebw → griechisch liby∙

2. → griechisch λιβύ∙η (libý∙ē) ›Libyen‹

und λίβυ∙ς (líby∙s) ›Libyer‹

Der erste Laut wird in der Ägyptologie traditionell als r tran­skri­biert. In­zwi­schen ist aber be­kannt, daß die Hiero­glyphe eher einen Laut [l] be­zeich­net.

Da die HieroglyphenVideo-Tutorial: Wie ist die Schrift entstanden? Die ägyptischen Hieroglyphen. grundsätzlich nur Konsonanten darstellen, wissen wir nicht, welcher Vokal zwischen r und b ge­spro­chen wur­de, aber die Grie­chen ha­ben die­sen Vokal offen­kun­dig als [i] gehört und mit Iota ge­schrie­ben.

Im Ägyptischen haben Substantive keine Endung in der Grundform, im Griechischen schon. So bezeichnet λιβύ∙η (libý∙ē) das Land und λίβυ∙ς (líby∙s) den Be­woh­ner. Unter λιβύ∙η (libý∙ē) ver­ste­hen die Grie­chen nicht nur die Wüste westlich des Nils bis Kyrene, sondern das ge­samte Nord­afrika, ein­schließ­lich der Sahara.

Lateinisch libya und deutsch Libyen

Die Römer übernehmen libyē als Ethnikon, er­set­zen die attisch-io­ni­sche En­dung ∙ē für weib­liche Sub­stan­tive jedoch durch die latei­nische En­dung ∙a: libya.

Das unlateinische Ypsilon bleibt erhalten und gelangt so ins Deut­sche, wo Ypsi­lon grund­sätz­lich nur in Lehn- und Fremd­wör­tern aus dem Grie­chi­schen ver­wen­det und authe­ntisch als [ü] aus­gespro­chen wird. Mode­schrei­bungen wie Bayern oder frey, wo Ypsilon für i und j steht, waren immer wie­der mal beliebt, haben sich aber nur in Eigen­namen halten können.

Libyen oder Lybien?

Die Bezeichnung Libyen bereitet Deutschs­pre­chern Pro­bleme, so daß man münd­lich meistens Liebien oder Liebjen sagt. Denn die Vokale [i] und [ü] sind sich phone­tisch sehr ähn­lich. Zudem tritt [ü] im Deut­schen sonst nur in be­ton­ten Sil­ben auf, [i] dagegen auch in un­beton­ten. Das Wort Physik bereitet deshalb keinem Probleme.

In Libyen besteht allerdings der Drang, die Vokale zu ver­tau­schen und so der phono­logischen Struktur des Deutsch anzupassen: Lybien.