sich [einer Sache]Genitiv annnehmen

Die Konstruktion der Wendung sich einer Sache annehmen erschließt sich einem nicht so leicht. Sich annehmen war einst synonym zu sich an­stel­len, so wie man heute noch sagt: Stell dich nicht so an.

Im folgenden Beispiel kehrt jemand nach einem unbekann­ten Vor­fall in den Saal zurück:

da gieng er wieder in den saal und nam sich nichts an. Dann ging er wieder in den Saal und tat, als ob nichts wäre. Erratum: Im Video fehlt bei nichts das Ess. Es ist eine Genitivform.

Nahm sich nichts an, bedeutet hier er tat, als ob nichts gewesen wäre (Non­cha­lan­ce). Also: Er ver­hielt sich in Bezug auf nichts.

Sich annehmen bedeutet also sich verhalten, sich an­stel­len. Der Geni­tiv ant­wor­tet auf die Frage, in Bezug worauf man sich anneh­men soll:

… und er nam sich keins dings an. … und kümmerte sich um nichts.

Oder:

… und er sahe drein und nam sich irer an. … und er sah drein und nahm sich ihrer an.

Im folgenden Beispiel geht es um einen Mann, der sich feind­lich ver­hält; er stellt sich also feind­lich an, nimmt die Feind­schaft an:

man findt oft einen solchen man, der sich nimpt groszer feind­schaft an umb sei­nes nutzens willen

Aber wie jedes Genitiv-Verb wurde auch dieses eifrig mit ei­ner Prä­posi­tion ge­braucht:

das ir euch umb die redekunst so ernstlich annemet. Mar­tin Luther

Heute ist die Präposition nicht mehr möglich, weil die Kon­struk­tion nur noch als ver­dun­kel­ter Aus­druck be­kannt ist.

Video-Tutorials zum Genitiv
Einführung Wo wird der Geni­tiv im Deut­schen ver­wen­det? Welche Funk­tio­nen hat er? Liegt der Genitiv tatsächlich in einem Todes­kampf, wie Bastian Sick be­haup­tet?
Folge 1 Wegen des Un­wetters oder wegen dem Unwetter, we­gen mir oder meinet­wegen? — Steht nach der Präposition wegen der Genitiv oder der Dativ. Dieses Video-Tutorial be­schäf­tigt sich mit dem Geni­tiv nach Prä­posi­tio­nen und der Ge­schich­te der Prä­posi­tion wegen.
Folge 2 Einer Sache harren, eines natür­lichen Todes ster­ben, jemand des Mor­des an­kla­gen, sich einer Sache erinnern oder ihrer gedenken, aber eine Sache ver­ges­sen — Der Genitiv nach Verben.
Folge 3 Woher kommt die Wen­dung sich einer Sache an­neh­men und wa­rum steht sie mit dem Geni­tiv?
Folge 4 Welche Wendung ist richtig: ein Glas voll Wein, ein Glas voll Wei­nes, ein Glas vol­ler Wein, ein Glas voll mit Wein? — Der Ge­ni­tiv nach Ad­jek­tiven.
Summa Grammatica des Genitivs Zusammenfassung der Er­kennt­nis­se aus der Geni­tiv­woche voll mit glas­klaren Schlüs­sen: Wie funk­tio­niert der Genitiv? Evo­lu­tion des Geni­tivs in der deut­schen Spra­che. Wa­rum wird der Geni­tiv nicht vom Dativ oder an­de­rem ver­drängt?