Der Kon­junk­tiv als Mög­lich­keits­form oder Wunschform?

DDieser Artikel ist eine Ergänzung zu unserem Artikel und Video-Tu­torial über die Bil­dung und Ver­wen­dung des Kon­junk­tivs. Wäh­rend dort die tat­säch­lichen Funk­tio­nen des Kon­junk­tivs vor­gestellt wer­den, soll es hier um Funk­tio­nen gehen, die dem Kon­junk­tiv irr­tüm­lich nach­gesagt wer­den: Der Kon­junk­tiv als Mög­lich­keits­form (Po­ten­ti­alis) und der Kon­junk­tiv als Wunsch­form (Op­ta­tiv oder Vo­lun­ta­tiv) oder Be­fehls­form (Ad­hor­ta­tiv oder Ius­siv).

Die beiden Kon­junk­tive haben im heutigen Deutsch nur jeweils eine einzige pro­duk­tive Funktion:

Der Kon­junk­tiv als Mög­lich­keits­form

IIn vielen Gram­matik­büchern wird der Kon­junk­tiv als Mög­lich­keits­form beschrieben. Zum Bei­spiel in der gro­ßen Deutsch­gramma­tik von Pons:

Mit dem Kon­junk­tiv verschieben wir Vorgänge und Hand­lun­gen in den Be­reich des Mög­lichen, der Wün­sche, der Nicht­wirk­lich­keit, des Hören­sagens und der in­direk­ten Rede. Er wird des­halb auch Mög­lich­keits­form ge­nannt. Ines Balcik, Klaus Röhe, Verena Wröbel: Die große Grammatik. Deutsch. Pons, Stuttgart 2009. Seite 289.

Wie der Kon­junk­tiv aus einer Tatsache eine Mög­lich­keit macht, wird gleich darauf durch die­ses Bei­spiel gezeigt:

Es könnte sein, dass er Recht hat. (Aber ich weiß es nicht. Es ist nur eine Mög­lich­keit.) ebd.

Tat­säch­lich drückt die­ser Satz eine Mög­lich­keit aus. Um zu über­prü­fen, ob dies durch den Kon­junk­tiv ver­ur­sacht wird, neh­men wir den Kon­junk­tiv ein­mal her­aus:

Es kann sein, dass er Recht hat.

Zu unserem Erstaunen hat sich der Gehalt des Satzes über­haupt nicht ver­än­dert. Die Mög­lich­keit wird an­schei­nend al­lein durch das Verb können herbei­geführt. Wir über­prü­fen dies, in­dem wir das Verb strei­chen und statt­dessen wie­der den Kon­junk­tiv ein­set­zen:

Es wäre, dass er Recht hat.

Das Resultat ist ein ungültiger deut­scher Satz. Das läßt nur eine Folge­rung zu: Der Kon­junk­tiv ist keine Mög­lich­keits­form. Er kann aus einer Tat­sache keine Mög­lich­keit machen. Das heißt auch, daß der Kon­junk­tiv im Bei­spielsatz aus einem ganz an­de­ren Grund ste­hen muß.

Danach folgt die­se Behauptung:

Der Kon­junk­tiv 1 wird vor allem für die indirekte Rede ver­wen­det, der Kon­junk­tiv 2 wird generell zur Dar­stel­lung der Un­wirk­lich­keit, Unmög­lichkeit benutzt. ebd.

Unser Bei­spiel enthielt einen Kon­junk­tiv 2 könnte. Wenn der aber ge­ne­rell Un­wirk­liches und Unmög­liches darstellen soll, wie kann er dann im Bei­spiel eine Mög­lich­keit aus­drücken, wo unmög­lich und mög­lich unvereinbare Ge­gen­sät­ze sind?

Es gibt noch ein zweites Bei­spiel. Das steht im Kon­junk­tiv 1, ohne daß wir er­fah­ren, warum beim er­sten Bei­spiel die Mög­lich­keit durch den Kon­junk­tiv 2 aus­gedrückt wurde und dies­mal der Kon­junk­tiv 1:

Man sagt, er habe sich von ihr getrennt. (Aber wir wissen es nicht genau.) ebd.

Auch hier läßt sich die ganze Idee mit unserem ein­fachen Test wi­der­legen:

Man sagt, er hat sich von ihr getrennt.
Er habe sich von ihr getrennt.

Tat­säch­lich drückt der Kon­junk­tiv 1 nie­mals aus, daß man etwas nicht genau weiß. Er kenn­zeich­net den Satz bloß als den In­halt einer Aus­sage (inner­liche oder in­halt­liche Ab­hän­gig­keit). Ob die­se Aus­sage wahr, mög­lich oder un­wahr ist, darüber sagt der Kon­junk­tiv 1 nichts.

Doch wie drückt man im Deutschen eine Mög­lich­keit (gram­ma­ti­ka­lisch Po­ten­ti­alis genannt) aus? Allein durch lexi­kali­sche Wen­dun­gen, also durch Modal­ver­ben oder Ad­ver­bien. Zum Bei­spiel:

  • Er kommt viel­leicht.
  • Er kommt wohl.
  • Er kommt bestimmt.
  • Er kommt mög­licherweise.
  • Er kommt anscheinend.
  • Er scheint zu kommen.
  • Es scheint, daß er kommt.
  • Es sieht so aus, daß er kommt.
  • Er sollte (eigentlich) kommen.
  • Er wird wohl kommen.
  • Er kann noch kommen.

Auch der Kon­junk­tiv 2 wie beim aller­ersten Bei­spiel kann keine Mög­lich­keit aus­drücken, obwohl dies dauernd behauptet wird. Zum Bei­spiel bei Wiki­pedia. Dort be­ginnt der Ein­trag über den Kon­junk­tiv so:

Der Kon­junk­tiv wird für die Darstellung einer Mög­lich­keit be­nutzt und daher auch als Mög­lich­keits­form bezeichnet. Wikipedia

Interessanterweise folgt die­ser Einführung dann aber im ganzen Artikel nichts, was ent­fernt mit Mög­lich­keit zu tun hätte. Zum Glück, denn der Artikel hebt sich positiv von an­de­ren Pub­lika­tio­nen ab und bringt, was der Kon­junk­tiv tat­säch­lich tut. Allenfalls die­ser win­zige Ab­schnitt ist zwei­fel­haft for­mu­liert:

Zögern, Zweifel bei einer Frage, Vermutung oder Feststellung:
Wäre so etwas denkbar?
Sie könnte schon in den Ur­laub ge­fah­ren sein.
Wikipedia

Der Kon­junk­tiv 2 drückt hier keine Zweifel oder eine Vermutung aus. Das tun die Bei­spiel­sätze näm­lich auch ohne den Kon­junk­tiv:

Ist (denn) so etwas denkbar?
Sie kann (natürlich) schon in den Urlaub gefahren sein.

Einige germanistische Abhandlungen behaupten sogar, der Kon­junk­tiv 2 könnte sowohl den Irrealis (Un­wirk­lich­keit und Unmög­lichkeit), als auch den Po­ten­ti­alis (Mög­lich­keit) aus­drücken. Diese beiden Aus­sagemodi sind jedoch un­ver­ein­bare Ge­gen­sät­ze. Stel­len Sie sich vor, sie kom­men mit dem Auto an ein Stopschild … und das Stop­schild könn­te ein­mal be­deu­ten, Sie sol­len an­hal­ten, und ein ander­mal, sie sol­len wei­terfahren, ohne daß das Zeichen Ihnen ver­rät, was es diesmal be­deu­tet.

Wie Verkehrszeichen sind auch sprachliche Zeichen ein­deu­tig und nie­mals wider­sprüch­lich. Der Kon­junk­tiv 2 be­deu­tet als sprach­liches Zei­chen immer nur Un­wirk­lich­keit. Im All­tag oder alltags­ähn­licher Spra­che be­nutzt man ihn gern, um etwas Wirk­liches oder Wahr­schein­liches als un­wahr­schein­lich oder unmög­lich aus­zu­drücken. Die­ser deut­liche Wi­der­spruch zeigt dem Hö­rer, daß man sei­ne Ein­schät­zung spon­tan tref­fen muß und nichts gewiß ist. Beim Kon­junk­tiv der Höflichkeit drückt man eine Bitte als Unmög­lichkeit aus, um sein Gegen­über nicht vor voll­endete Tat­sachen zu stellen.

Nach dem gleichen Prinzip wird in ei­ni­gen Spra­chen eine Bit­te ne­ga­tiv for­mu­liert, ob­wohl sich der Spre­cher ja das Gegen­teil wünscht:

Sie haben nicht zufällig Feuer?

Oder: Der Portier stellt dem Hotel­gast den Koffer in den Kof­fer­raum. Obwohl er zur Hälfte her­aus­ragt und sich die Klappe nicht schlie­ßen läßt, sagt der Por­tier nicht: Der Kof­fer ist viel zu groß, den krie­gen Sie nie­mals da rein. Er sagt viel­mehr: Der Kof­fer ist fast ein biß­chen zu groß, obwohl der Kof­fer dop­pelt so groß wie der Kof­fer­raum ist.

Der Konjunktiv als Wunschform: Optativ, Voluntativ, Kupitiv

AAn an­de­rer Stelle soll der Kon­junk­tiv Wünsche, Auf­for­de­rungen oder Be­feh­le aus­drücken können, ohne daß dem Leser erklärt wird, wie man beim Hören oder Lesen die­ser Sätze er­ken­nen soll, mit wel­cher der an­ge­blich so vielen Funk­tionen des Kon­junk­tiv er es zu tun hat. In der Grammatik sind hier die Be­grif­fe Opta­tiv, Volun­tativ oder Kupi­tiv in Ge­brauch.
Opta­tiv be­zieht sich dabei eher auf die gram­ma­ti­ka­li­sche Form, die bei­den ande­ren auf spe­ziel­le Be­deu­tun­gen eines Mo­dus.

Mit dem Kon­junk­tiv Prä­sens können Wünsche oder Aus­rufe for­muliert wer­den. Er kommt auch in ei­ni­gen festen Rede­wen­dun­gen vor:
Sei gegrüßt! Sie lebe hoch! (Aus­ruf)
Er ruhe in Frieden. (Wunsch)
Komme, was da wolle. Es sei denn, dass … (Redewendung)
a.a.O., Seite 298

Beginnen wir mit dem ersten Bei­spiel:

Sei gegrüßt! (Aus­ruf)

Konjugieren wir ein­mal den Kon­junk­tiv 1 von sein:

Konjugation vom Kon­junk­tiv 1 des Verbums sein
Kon­junk­tiv 1 von sein
ichsei
duseiest
ersei
wirseien
ihrseiet
sieseien

Der Kon­junk­tiv 1 der zweiten Per­son lautet also immer du seiest, und das seit jeher und ohne Ausnahme. Sei! ist der Im­pera­tiv. Dieses Bei­spiel ist also falsch. Zum zweiten Bei­spiel:

Sie lebe hoch! (Aus­ruf)

Mit Aus­rufen hat der Kon­junk­tiv gar nichts zu tun. Er soll hier einen Wunsch aus­drücken. Und tat­säch­lich: Nimmt man den Kon­junk­tiv fort, ver­schin­det auch der Wunsch:

Sie lebt hoch.

Dasselbe gilt für das drit­te Bei­spiel:

Er ruhe in Frieden. ≠ Er ruht in Frieden.

Gemeinsam haben die­se beiden Bei­spie­le, daß sie in der drit­ten Per­son Sin­gu­lar ste­hen. Das ist kein Zufall, denn hier las­sen sich In­di­ka­tiv und Kon­junk­tiv durch die En­dung bei allen Ver­ben un­ter­schei­den: er geh-t ver­sus daß er geh-e.

In allen anderen Personen ist dieser Konjunktiv al­ler­dings ganz und gar un­mög­lich, und auch in der drit­ten Per­son Sin­gu­lar ist er nicht mehr pro­duk­tiv. Produktiv be­deu­tet, daß man den Kon­junk­tiv nicht mehr be­nut­zen kann, um einen Wunsch an die drit­te Per­son aus­zu­drücken. Hält sich ein Ausländer beim Deutschlernen an das, was die Grammatik von Pons und an­de­ren ihnen emp­feh­len, bringt er also lauter ungültige Sätze her­vor.

Dies ist nicht erst seit gestern so, son­dern bei der drit­ten Per­son Sin­gu­lar seit etwas über einem halben Jahr­tau­send, bei den an­de­ren Per­sonen sogar doppelt so lang. Seit einem Jahr­tau­send kann der Kon­junk­tiv Prä­sens ich sei im Haupt­satz keine Wünsche oder Mög­lich­keit mehr aus­drücken, ja, er kann über­haupt nicht mehr im Haupt­satz ver­wen­det wer­den, wenn er nicht inner­lich ab­hän­gig auf einen Aus­druck des Sa­gens oder Den­kens im vor­an­ge­gan­ge­nen Satz folgt und da­durch bereits vor­her an­ge­kündigt wird:

Der Minister sagte, das sei (Gliedsatz) alles Quatsch. Außer­dem müsse (Haupt­satz) er jetzt zum Golf.

Ein Jahr­tau­send, das sind zehn Jahrhunderte. Ist es nicht erstaunlich, daß der Kon­junk­tiv in Grammatiken immer noch als Modus der Mög­lich­keit und des Wunsches bezeichnet wird? Ein schönes Bei­spiel dafür, daß man nicht irgendwo abschreiben soll, was man nicht versteht.

Nun zu den verbleibenden Bei­spie­len:

Komme, was da wolle. Es sei denn, dass … (Redewendung)

Beide Sätze sol­len Bei­spie­le für den Kon­junk­tiv des Wunsches sein, tat­säch­lich äußern sie eine Mög­lich­keit und hät­ten des­halb ins an­de­re Ka­pi­tel zum Po­ten­ti­alis gehört. Man wünscht sich ja nicht, daß etwas kommt, son­dern zeigt sich ge­wapp­net gegen alles, was da even­tuell kommt.

Eben­so beim zwei­ten Satz: Es sei denn er­örtert auf alte Weise, daß es viel­leicht auch anders sein könnte. Wün­schen tut man sich das nicht.

Auch die­se Sätze sind Haupt­sät­ze. Dort kann sich der alte Kon­junk­tiv nur in der drit­ten Person in Rede­wen­dun­gen halten. Denn:

  • Er lebe hoch! Aus lateinisch Vivat!
  • Er ruhe in Frieden! Aus lateinisch Requiescat in pace!
  • Komme, was da wolle! Wie französisch Advienne que pourra!

All die­se Bei­spie­le sind Relikte aus einer fernen Vergan­ge­nheit und er­starr­te Wen­dun­gen. Auch im Fran­zösi­schen und im Eng­li­schen sind alte Op­ta­tiv­for­men als Re­likt er­hal­ten:
Vive la France!
God save the Queen!
Wer heute als Ab­tei­lungs­leiter sagt:

Frau Müller gehe bitte Büroklammern kaufen!

Der wird für eine schlechte Kopie von Ludwig dem Zweiten gehalten. Man sagt selbst nicht mehr:

Frau Müller möge bitte Büroklammern kaufen gehen!

Sondern:

  • Frau Müller, gehen Sie bitte …
  • Bitte schicken Sie Fräu Müller …
  • Frau Müller soll bitte …

Eventuell nimmt man auch wieder den Konjunktiv 2 der Alltagssprache: Dieser Konjunktiv darf nicht als Wunsch­form miß­deu­tet wer­den. Der Kon­junk­tiv 2 konn­te zu kei­ner Zeit Wün­sche äu­ßern. Wo er sonst in Wün­schen auf­tritt, macht er den Wunsch nur un­er­füll­bar, aber er er­zeugt den Wunsch nicht.

  • Frau Müller möchte bitte …

Nur im Rezeptdeutsch kommt der Kon­junk­tiv des Wunsches und der Auf­for­de­rung noch als feste Wen­dung und deut­liches Er­ken­nungs­zei­chen für eine Hand­lungs­anwei­sung vor:

Man nehme drei Eier, einen Sack Mehr und einen Liter Milch und ver­rühre alles zu einer klumpigen Masse.

Das ist aber nur noch in Kochrezepten einigermaßen üblich; Ärzte und Apo­theker ver­stän­di­gen sich auf latei­nisch und ver­wen­den den Im­pera­tiv an die zwei­te Per­son: Recipe. (Rp.). Heut­zu­tage wird der Leser eines Koch­buchs eher direkt in der zwei­ten Per­son an­ge­sprochen. Hier ist der Kon­junk­tiv seit jeher ganz und gar un­mög­lich. Des­wegen heißt es im Im­pera­tiv:

Rühren Sie jetzt das Eiweiß unter.

Tat­säch­lich ist die­ser heutige Im­pera­tiv der Sie-Form der alte Kon­junk­tiv 1 der drit­ten Per­son Plural. Er kommt heute oft vor. Das ist aber nur mög­lich, weil er durch das nachgestellte Sie deutlich vom In­di­ka­tiv zu un­ter­schei­den ist.

Ursprung und Geschichte des Konjunktivs

WWarum konnte der Kon­junk­tiv früher Mög­lich­keit, Wunsch und Auf­for­de­rung aus­drücken. Warum kann er es heute nicht mehr?

Der Konjunktiv in vordeutscher Zeit

Der deut­sche Kon­junk­tiv ist sprachgeschichtlich nicht mit dem la­tei­ni­schen Kon­junk­tiv verwandt, dafür aber mit dem Op­ta­tiv im Alt­grie­chi­sche. Sie ent­stam­men einem ur­indo­germani­schen Ver­bal­modus, der durch das Suf­fix -ih₁- (unbetont) oder -iéh₁- (betont) ge­bil­det wur­de und einen astreinen Po­ten­ti­alis be­schreibt. Das i in die­sem Suf­fix ist es, was später im Alt­hoch­deut­schen beim Kon­junk­tiv Prä­teri­ti der star­ken Ver­ben den Umlaut ver­ursachen wird: ich hatte ⇢ als ob ich hätte.
Im Kon­junk­tiv Prä­sens vermischt sich das i mit dem vor­aus­gehen­den Thema­vokal a zu -ai-, woraus e wird, das kei­nen Umlaut ver­ursacht. Deshalb: daß ich habe.
Aus er geht wird durch An­hän­gen die­ses Suf­fixes er geht wohl oder er geht mög­licher­weise (Po­ten­ti­alis). Der Spre­cher A hält es also für mög­lich, daß B geht. Hier­von ist es nur ein Kat­zen­sprung zu ich erwarte, daß er geht im for­dern­den Sinne, und ein wei­terer zu er soll gehen! (Op­ta­tiv).

So erklärt sich, warum der deut­sche Kon­junk­tiv noch im Alt­hoch­deut­schen sowohl Mög­lich­keit als auch Wunsch aus­drücken konnte. Ebenso im Grie­chi­schen: Hier bezeichnet der Op­ta­tiv (Prä­sens) mit der Partikel ἄν an den Po­ten­ti­alis in Haupsätzen:

Ὁ φίλος ἂν ἤκοι.
Ho phílos àn hékoi.
Der Freund wird wohl/könnte/dürfte kommen.

Wünsche kann der Op­ta­tiv (Aorist oder seltener Prä­sens oder Perfekt) auch aus­drücken. Oft, aber nicht immer steht eine Partikel wie εἴθε eithe.

(Εἴθε) ὑγιής γένοιο.
(Eíthe) hygiès genoio.
Mögest du gesund wer­den.

Der La­tei­ni­sche Kon­junk­tiv hat dagegen einen an­de­ren Ursprung. Er ist mit dem grie­chi­schen Kon­junk­tiv verwandt und geht auf das ur­indo­ger­mani­sche Suf­fix -ē- – siehe lateinisch amat (In­di­ka­tiv) ⇢ amet (Kon­junk­tiv) – oder -ō- – siehe la­tei­nisch vivit (In­di­ka­tiv) ⇢ vivat (Kon­junk­tiv) – zurück.

Dieses Suf­fix drückt nicht die Mög­lich­keit aus, son­dern eine Er­war­tung an die Zu­kunft: Er wird gehen. Der Spre­cher A er­war­tet also, daß B gehen wird. Aus die­sem Grund kennt das La­tei­ni­sche kei­nen Kon­junk­tiv des Futurs, denn der würde das­selbe doppelt aus­drücken. Die­ses Suf­fix ist in sei­ner Be­deu­tung sehr nahe dem an­de­ren. Auch hier wird aus ich erwarte, daß er geht leicht das Erwägen einer Mög­lich­keit oder die For­de­rung er soll gehen! (Op­ta­tiv).

Das Deutsche und das La­tei­ni­sche haben des­halb die beiden Modi zu einem ver­eint (mit jeweils an­de­rem Suf­fix), das Grie­chi­sche hat dagegen beide Suf­fixe als eigen­stän­dige Modi er­hal­ten. Der grie­chische Kon­junk­tiv hat tat­säch­lich viel Zukünftiges in sich, der Op­ta­tiv nicht.

Der Kon­junk­tiv im frühen Deutsch

Im Alt­hoch­deut­schen drückt der Kon­junk­tiv im Haupt­satz wie der ver­wand­te grie­chi­sche Op­ta­tiv so­wohl Mög­lich­keit als auch Wunsch oder Auf­for­de­rung aus. Jedoch nur in der ersten und drit­ten Per­son. In der zwei­ten Per­son wird wie heute stets der Im­pera­tiv ver­wen­det. Nur im Prohibitiv, also im Im­pera­tiv des Verbots, greift man zum Kon­junk­tiv:

Ni slehēs! Ni huorōs!
Du sollst nicht töten! Du sollst nicht ehebrechen!
Anmerkung: Die grie­chische Sep­tua­ginta und die La­tei­ni­sche Vulgata ahmen bei den Zehn Ge­boten (Exodus 20,2) das hebräische Original, das eine hohe Stufe des Verbots ver­wen­det, durch das Futur nach: Du wirst auf gar kei­nen Fall …! Sonst ver­wen­det man im La­tei­ni­schen und im Grie­chi­schen für allgemeine Vebote den Kon­junk­tiv.
Das Futur ahmt auch das Altniederdeut­sche nach: Thū man ni slah! Du wirst nicht töten!

Wörtlich also: Nicht ehebrechest du! Das Alt­hoch­deut­sche kann dies machen, weil zu sei­ner Zeit der In­di­ka­tiv noch leicht vom Kon­junk­tiv Prä­sens zu un­ter­schei­den ist. Nehmen wir das Verbum suochen su­chen:

Konjugation von In­di­ka­tiv und Kon­junk­tiv Prä­sens im Alt­hoch­deut­schen
  Prä­sens
  In­di­ka­tiv Kon­junk­tiv
ich suochu suoche
du suochis suochēs(t)
er suochit suoche
wir suochemēs suochēm
ihr suochet suochēt
sie suochent suochēn

Doch bereits im Alt­hoch­deut­schen beginnen die Vokale in unbetonten Silben, allesamt zu e zu wer­den. Im Mittelhochdeut­schen ist der Kon­junk­tiv Prä­sens kaum noch vom In­di­ka­tiv zu un­ter­schei­den. Nicht nur die Far­be des Vokals ist ver­blaßt, auch die unter­schied­liche Vokal­länge zwi­schen In­di­ka­tiv und Kon­junk­tiv ist zer­stört. Außer­dem fal­len die al­ten Primär­endun­gen des In­di­ka­tivs mit den Se­kundär­endun­gen des Kon­junk­tivs zu­sam­men, was man beson­ders schön im Plural be­ob­ach­ten kann. Nur die Primär­endung -ent in der drit­ten Per­son Plu­ral kann sich noch für kurze Zeit gegen die Se­kun­där­endung -en be­haup­ten.

Konjugation von In­di­ka­tiv und Kon­junk­tiv Prä­sens im Mittelhochdeut­schen
  Prä­sens
  In­di­ka­tiv Kon­junk­tiv
ich suoche suoche
du suochest suochest
er suochet suoche
wir suochen suochen
ihr suochet suochet
sie suochent suochen

Der Konjunktiv im heutigen Deutsch

Von die­sem Moment an ist der Kon­junk­tiv Prä­sens (= Kon­junk­tiv 1) im Haupt­satz tot. Damit endet auch sogleich die Mög­lich­keit, Mög­lich­keit oder Wunsch durch den Kon­junk­tiv Prä­sens aus­zu­drücken. Denn stößt man als Leser oder Hörer auf so einen Haupt­satz, wird man die Verb­form grund­sätzlich als In­di­ka­tiv deu­ten.

Um Wunsch oder Mög­lich­keit aus­zu­drücken, greift man nun zu Wen­dun­gen mit Modal­ver­ben. Die kennt das Deut­sche seit frühe­ster Zeit. Ur­sprüng­lich ver­wen­dete man müs­sen. Seit­dem das sei­ne heu­tige Be­deu­tung an­ge­nom­men hat, ver­wen­det man mögen:

Möge ich gesund bleiben! Möge sie gesund wer­den!

In der zweiten Per­son ver­wen­det man nach wie vor den Im­pera­tiv Komm! oder an­de­re Wendungen Du sollst kommen! Komm schon! Komm jetzt! Bitte komm!

Der im Althochdeutschen durchaus noch gebräuch­liche Kon­junk­tiv des Wunsches für die erste Per­son stirbt sofort. In der drit­ten Sin­gu­lar kann er sich halten, weil der Kon­junk­tiv 1 dort gut zu er­ken­nen ist. Die festen Rede­wen­dun­gen wie es sei denn oder es komme, was wolle, die das Deut­sche heute noch kennt, stam­men alle aus die­ser Phase, wo man den Kon­junk­tiv der drit­ten Per­son noch eine Weile im Haupt­satz gebraucht hat.

Konjunktiv wird Imperativ

Der Konjunktiv der dritten Person Singular ist jedoch iso­liert. Weil man den Kon­junk­tiv im Haupt­satz sonst nicht mehr kennt, gerät diese Form im frü­hen Neu­hoch­deut­schen ins Im­pera­tiv­para­digma, die bis­lang keine Form für die drit­te Per­son kannte:

Neuhochdeut­scher Im­pera­tiv
  Im­pera­tiv
(ich)
(du) nimm!
man nehme!
(wir) nehmen wir!
(ihr) nehmt!
(sie) nehmen Sie!

Interessanterweise hat der Im­pera­tiv der Du-Form seitdem die Endung -e für alle Verben generalisiert, wenn der Im­pera­tiv kei­nen Umlaut hat (sterbenstirb!), denn auch die neue Form der drit­ten Per­son hat sie. Da­vor waren die En­dun­gen des Im­pera­tivs noch anders geregelt.

Dieser Kon­junk­tiv im Haupt­satz darf also heute nicht mehr als Kon­junk­tivform an­ge­sehen wer­den, weil er das im Sprach­zen­trum der Neu­hoch­deutsch­sprecher nicht mehr sein kann.